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Emotionale Debatte um Bestattungswald

Die CDU wollte das Vorhaben in Neustadt stoppen. Am Ende gab es eine knappe Entscheidung – und ein Angebot an die Kirche.

Von Nancy Riegel
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In einem Bestattungswald werden Verstorbene in biologisch abbaubaren Urnen unter Bäumen beigesetzt, an denen ein kleines Metallschild mit dem Namen angebracht wird. In Neustadt soll der erste Waldfriedhof der Region entstehen.
In einem Bestattungswald werden Verstorbene in biologisch abbaubaren Urnen unter Bäumen beigesetzt, an denen ein kleines Metallschild mit dem Namen angebracht wird. In Neustadt soll der erste Waldfriedhof der Region entstehen. © dpa/Julian Stratenschulte

Konkurrenz belebt das Geschäft. Diesen Satz mag man beim Thema Beerdigung unangemessen finden, trotzdem fiel er in der Stadtratssitzung in Neustadt am Mittwochabend. Dort diskutierten Stadträte, Bürger und Kirchenvertreter, ob in Neustadt nun wirklich der landkreisweit erste Waldfriedhof entstehen könnte und damit eine Alternative zu konventionellen Grabstätten geschaffen würde – oder nicht. Am Ende fiel eine knappe Entscheidung pro Bestattungswald, pro letzte Ruhe unter Bäumen. Besänftigt sind die Kritiker nicht.

Der Kritiker: Pfarrer Sören Schellenberger

Einer, der dem Vorhaben von Anfang an ablehnend gegenüberstand, ist Neustadts Pfarrer Sören Schellenberger. Bereits Anfang des Jahres, als die Idee eines Friedwalds im Stadtrat aufkam und der Beschluss zur Errichtung gefasst wurde, äußerte er Bedenken. Die von der Kirche betriebenen Friedhöfe könnten in finanzielle Schwierigkeiten geraten, würde eine zusätzliche Bestattungsfläche geschaffen. Außerdem sei der Bedarf dafür in der Region nicht da, sagte er noch vor ein paar Monaten. „Mittlerweile sehe ich die ganze Sache etwas anders“, räumte er im Stadtrat am Mittwoch ein. „Durch die Debatte um das Thema Bestattungswald haben wir als Kirche gesehen, dass die Nachfrage nach neuen Bestattungsformen da ist und dementsprechend darauf reagiert.“

Schellenberger bezieht sich damit auf Gemeinschaftsurnengräber, die künftig auf dem Friedhof an der Bischofswerdaer Straße angeboten werden. Zwischen zehn und 20 Menschen teilen sich ein Grab, die Namen werden auf einem gemeinsamen Grabstein vermerkt. Diese Gräber werden in einer ruhigen, von Bäumen gesäumten Stelle des Friedhofs eingerichtet.

Die Befürworter: Bürger melden sich zu Wort

„Neustadt war schon immer fortschrittlich, nur das Thema Bestattungswald wird zerredet“, entgegnete eine Anwohnerin in der Sitzung. Sie wünsche sich, dass ein richtiger Natur-Friedhof auf den Weg gebracht wird. Und, so glaubt sie, wenn Neustadt es nicht macht, macht es eine andere Kommune. Das wäre eine vertane Chance.

Auch die Stadträte berichteten, dass sie von Neustädtern, aber auch von Auswärtigen auf das Thema angesprochen wurden. Der Tenor sei größtenteils positiv gewesen. Klaus Anders, Fraktionsvorsitzender der Wählervereinigung Neustädter für Neustadt (NfN), die das Vorhaben angeschoben hat, kritisiert in diesem Zusammenhang die evangelische Kirche. „Beim Thema Bestattungen ist man bisher nicht auf die Bedürfnisse der Menschen eingegangen.“

Als besonders heikel empfinde er das Vorgehen von Pfarrer Schellenberger, sagte Anders. Er hatte sich kürzlich mit einem Brief an die Stadträte gewandt. „Zu drohen, die Bewirtschaftung der Friedhöfe in Neustadt abzugeben, sollte der Bestattungswald kommen, hat für mich nichts mit christlicher Nächstenliebe zu tun.“

Die Zweifler: CDU-Fraktion will das Thema neu aufrollen

Aufschlussreich und nachvollziehbar empfindet hingegen die CDU-Fraktion im Neustädter Stadtrat die Haltung des Pfarrers. Sie war es, die trotz Beschluss vom Februar das Vorhaben stoppen wollte. Karl-Ernst Lehmann fasste in der jüngsten Sitzung noch einmal die Gründe dafür zusammen: unklare Kosten, große Konkurrenz für die Friedhöfe, nicht genügend Bedarf. Anders als in dem Schreiben, das die Fraktion vor einem Monat im Stadtrat einreichte, scheinen die CDU-Räte den Waldfriedhof allerdings nicht mehr prinzipiell abzulehnen. Vielmehr habe man erreichen wollen, dass das Vorhaben nochmals gründlich durchdacht und besprochen werde, hieß es.

Daraufhin meldete sich Bürgermeister Peter Mühle (NfN) zu Wort und erinnerte daran, dass der Beschluss vom Frühjahr zur Errichtung eines Bestattungswaldes mehrheitlich entschieden wurde, sich daran das Rathaus zu halten habe und man Einzelheiten durchaus noch besprechen könne. Die Stadt hat ein mögliches Grundstück im Anbau ausgemacht, das sich für den Friedhof eignen könnte.

Die Entscheidung: Ein Kompromiss für Kirche und Räte

Die Stadträte stimmten schließlich über den CDU-Antrag ab, die Errichtung des Waldfriedhofs zu stoppen. Von 19 Anwesenden votierten elf gegen den Antrag, acht dafür. Eine knappe Entscheidung für die Weiterführung des Vorhabens.

Der Bürgermeister wandte sich schließlich an Pfarrer Sören Schellenberger. „Unser Ziel ist es nicht, mit dem Waldfriedhof gegen die Kirche zu arbeiten. Man kann das Vorhaben auch gemeinsam angehen.“