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Ende eines Protestcamps

Dresden lässt den Theaterplatz räumen. Die Flüchtlinge und ihre Unterstützer geben auf. Aber die Demo soll weitergehen.

© Ronald Bonß

Von Tobias Wolf

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Endspurt für die Bauarbeiten am Bahnhof Strehlen. Am 5. Juli bieten die Verkehrsbetriebe kostenlose Sonderfahrten auf der Neubaustrecke an.

Es ist kurz vor neun, als es in den Zelten auf dem Theaterplatz plötzlich zugig wird. Mitarbeiter des Ordnungsamtes lösen Zeltleinen, lupfen Planen. Die Bewohner des Protestcamps vor der Semperoper, Flüchtlinge und Unterstützer sind überrascht, hatten sie doch gehofft, dass Anwälte die angekündigte Zwangsräumung noch verhindern können. Die Stadt hatte am Montag zwar eine durchgängige Demonstration gegen die Asylpolitik bis zum 25. März genehmigt, aber nur unter Auflagen. Bis zum Montagabend sollten Zelte und Toiletten abgebaut sein. Die Camp-Initiative „Refugees Struggle Dresden“ entschied sich dagegen.

Die Räumung des Camps

Zwischenfall nach Pegida-Demo

Unterstützung für die "Semper-Camper"

Seit 8.30 Uhr ist der Platz von knapp 100 Polizisten umstellt. Zum Einsatz kommen sie nicht. Nicht weit von den Zelten haben Angestellte der Stadtreinigung ihre Laster geparkt. Sie sollen Müll aus dem Camp einladen. Nur kurz beschweren sich die Demonstranten bei den Mitarbeitern des Ordnungsamtes. Fünf Minuten später bauen die Bewohner ihr Camp selbst ab. Mancher empört sich, dass dies nun die Arbeit von Pegida am Vorabend vollende. Einige Hundert Pegida-Anhänger, darunter Neonazis und Hooligans, hatten nach Ende der Demonstration versucht, zum Camp vorzudringen. Sie kamen über Schloßplatz und Sophienstraße, schrien „Räumen, räumen“ und „Wer Deutschland nicht liebt, soll Deutschland verlassen“. Davon wurde offenbar auch die Polizei überrascht, die eilends Einsatzfahrzeuge und die Reiterstaffel zwischen die beiden Lager schickte. „Es gab jedoch keinerlei Ausschreitungen, solche Behauptungen sind falsch“, sagt Polizeisprecherin Jana Ulbricht.

Pfefferspray im Lautsprecherwagen

Unterdessen geht der Abbau am Theaterplatz weiter. Ein Rentner führt kopfschüttelnd seinen Hund an der Szenerie vorbei. Eine Gruppe älterer Pegida-Anhänger streitet sich mit Unterstützern der Flüchtlinge. Fetzen von Stammtischparolen sind zu hören. Das ruft die Touristin Anneliese Filax aus Niedersachsen auf den Plan, die eigentlich in die Semperoper will. Empört sagt die 62-Jährige zu den Männern, dass es auch nach dem Zweiten Weltkrieg Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten gab. „Wir können auch deshalb nicht einfach die Augen verschließen vor dem Schicksal heutiger Flüchtlinge“, sagt Filax. „Der Protest hier im Zentrum ist genau richtig, am Stadtrand würde es niemand wahrnehmen.“ Einer der Männer, offenbar angetrunken, grölt mit Blick auf die Niedersächsin: „Dann soll doch die Mauer wieder aufgebaut werden.“ Filax resigniert. Es hat etwas von Absurdistan, was sich auf dem Theaterplatz abspielt. Viele Bürger suchen sachliche Gespräche, aber immer wieder kommen auch Einzelpersonen oder Gruppen, die wohl nur provozieren wollen.

Noch liegen ein paar Holzpaletten herum. Ein grüner Lautsprecherwagen der Camp-Unterstützer sollte sie holen. Doch der überfährt eine rote Ampel. Bei der anschließenden Kontrolle finden die Polizisten unter anderem Pfefferspray in dem Wagen. Erklären kann das in diesem Moment niemand.

Noch immer ist nicht ganz klar, wer die Proteste an der Semperoper organisiert hat. Anmelderin der Demo ist eine Iranerin. Die Initiativen „Remembering Khaled“ und das „Asylum Seekers Movement“ Chemnitz stehen offiziell dahinter. Ursprünglich ging es nur um eine Kundgebung am Sonnabend, aus der heraus später das Camp entstand. Die Internetseite zur Demo hatte ein Mitarbeiter der SPD-Landtagsfraktion registriert. Aufgerufen dazu hatten auch das Bündnis Dresden nazifrei, einige Landtagsparteien und das Netzwerk „Dresden für alle“. Letzteres sei vorab nicht über das geplante Camp informiert worden, sagt Sprecher Eric Hattke. Im Netzwerk gebe es jetzt eine Diskussion, wie sich die Mitglieder von „Dresden für alle“ zu dieser Protestform positionieren sollen.

Ärger in der Semperoper

Auch in der Semperoper gibt es nun Ärger. Nur für die Demo sei ein Stromanschluss zur Verfügung gestellt worden, weil die Oper hinter den Zielen der Proteste stünde, sagte der Geschäftsführende Intendant Wolfgang Rothe gestern. Das Haus fühlt sich von den Camp-Organisatoren nun „hintergangen, weil wir nie bewusst Strom für das Camp bereitgestellt haben“. Es habe erhebliche Beschwerden und Anrufe deswegen gegeben.

Die Protestcamper werfen der Staatsregierung und der Stadt vor, sie nicht ausreichend schützen zu wollen. So seien bereits in der Nacht zuvor nur zwei Streifenwagen da gewesen. Mehr Polizisten seien nicht nötig gewesen, weist Polizeisprecherin Ulbricht die Vorwürfe zurück. Am Montagabend endet der Protest – vorerst. Etwa 20 Demonstranten sind nun im Alternativen Zentrum Conni im Hechtviertel untergekommen. Dort wollen sie nach Angaben eines Sprechers über Nacht bleiben. Mindestens zwei Flüchtlinge wollen ab morgen in den Hungerstreik treten. (mit SZ/bkl)