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Ende mit Schrecken

Das Rathaus Kesselsdorf hat für Millionenverluste gesorgt, jetzt wurde es verkauft. Das Bürgerbüro zieht bald aus.

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© Andreas Weihs

Von Annett Heyse

Kesselsdorf. Wenn Experten von Immobilien als Geldanlage reden, ist schnell von „Betongold“ die Rede. Vermutlich hat man diesen Begriff auch schon in der Wilsdruffer Stadtverwaltung gehört und dabei ans Kesselsdorfer Rathaus gedacht. Allerdings ist es nicht die Stadt, die vom „Betongold“ profitierte. Im Gegenteil: Die Kommune hat ordentlich Lehrgeld gezahlt. Das Rathaus ist für Wilsdruff zum Millionengrab geworden.

Für nur 900 000 Euro ging das Gebäude am Kesselsdorfer Marktplatz kürzlich an einen neuen Eigentümer, obwohl die Stadt zuvor 1,45 Millionen Euro auf den Tisch legen musste. Doch damit nicht genug: Seit 1996 hat das Rathaus der Stadt Wilsdruff insgesamt 3,3 Millionen Euro an Leasingraten gekostet. Trotzdem ist Bürgermeister Ralf Rother (CDU) erleichtert, die Immobilie endlich losgeworden zu sein. „Für uns ist es eine Chance, finanziell mehr Luft zu bekommen.“ Denn die Stadt musste jährlich 200 000 Euro an die Eigentümer bezahlen. Leasinggeschäft, Vertragslaufzeiten, tatsächlicher Verkehrswert, Kaufpreis und Erlös – das Beispiel Rathaus Kesselsdorf zeigt, dass unerfahrene Kommunen auf dem Immobilienmarkt schnell die Verlierer sein können.

Seinen Ursprung hatte das finanzielle Desaster Anfang der Neunzigerjahre. Gleich 1990 legte die damals 600 Einwohner zählende selbstständige Gemeinde Kesselsdorf ein Gewerbegebiet an, mit seinen 150 Hektar bis heute eines der größten in Sachsen. Für die Erschließungsarbeiten nahm Kesselsdorf einen Kredit von 40 Millionen D-Mark auf. Die ersten Firmen stellten Bauanträge, gleichzeitig begann am Dorfrand, ein neues Wohngebiet mit fast 1 000 Mietwohnungen zu wachsen. Als 1995 Braunsdorf, Oberhermsdorf und Kleinopitz eingemeindet wurden, lag die Einwohnerzahl plötzlich bei 4 000 Menschen.

Die Verwaltung aber war in alten, beengten Räumen in Kesselsdorf und Oberhermsdorf untergebracht. „Es war klar, dass man etwas Neues brauchte. Im neuen Rathaus gab es erstmals ordentliche Räume für Bürgermeister, Bauamt, Kämmerei, Ordnungsamt“, sagt Wilsdruffs Bauamtsleiter André Börner, der 1997 als Mitarbeiter nach Kesselsdorf kam. Börner zog schon in den Rathausneubau am Marktplatz ein.

Weil sich die Kesselsdorfer wegen des 40-Millionen-Mark-Schuldenbergs das Verwaltungsgebäude aber gar nicht leisten konnten, hatte man sich auf ein Leasinggeschäft eingelassen. Der Vertrag, beschlossen vom Gemeinderat und abgesegnet vom Landratsamt des damaligen Weißeritzkreises, datiert vom Februar 1996 mit einer Firma aus dem Raum Düsseldorf. Diese ließ das Rathaus errichten und kassierte dafür jährlich eine Rate von knapp 400 000 Mark, umgerechnet 200 000 Euro. Was der Bau tatsächlich kostete, kann in Wilsdruff heute keiner genau sagen. „Wir haben alle Unterlagen durchgesehen. Nach allem, was wir daraus schließen, waren es wohl etwas mehr als fünf Millionen D-Mark“, sagt Börner. Er zog mit um, als Kesselsdorf 2001 mit Wilsdruff fusionierte. Das Rathaus war nun überflüssig, lediglich das Bürgerbüro blieb vor Ort. Den unattraktiven Leasingvertrag aber erbte Wilsdruff.

Ausstieg nach 20 Jahren

Die Stadt ließ die Verträge durch Experten prüfen. Doch die Hoffnung, aus dem Deal auszusteigen, zerschlug sich. „Ein Rechtsanwalt kam zu dem Ergebnis, dass der Vertrag ein kreditähnliches Rechtsgeschäft zu den damals üblichen Konditionen gewesen sei“, erläutert der Bürgermeister. Frühestens nach zwanzig Jahren, also 2016, bestand die Möglichkeit eines Ausstiegs. Allerdings musste die Stadt dafür – wiederum vertraglich festgelegt – einen Kaufpreis von 1,45 Millionen Euro aufbringen. Einzige andere Option: Den Leasingvertrag um weitere zehn Jahre laufenlassen und jährlich 200000 Euro zahlen. Stadtverwaltung und Stadtrat zogen die Reißleine und erwarben das Gebäude.

Keinesfalls aber wollte die Stadt das Haus behalten. So war man froh, dass ein Zahnarzt Interesse anmeldete, der schon seit Jahren die oberen Etagen für Praxisräume und Labors gemietet hat. Er kauft nun der Stadt das Rathaus ab – für 900000 Euro. Immerhin, muss man sogar sagen, denn der Verkehrswert liegt laut Gutachten bei nur noch 796 000 Euro.

Finanziell derart durchgeschüttelt macht man im Wilsdruffer Rathaus lieber einen Haken an das schlechte Geschäft. „Wir wollen jetzt nach vorn schauen und nicht im Nachhinein noch Vorwürfe gegen Kesselsdorf erheben“, sagte Rother schon zum Jahresanfang, als es im Stadtrat wieder einmal um das Thema ging.

Das Kesselsdorfer Bürgerbüro wird demnächst ausziehen. Geplant ist, sich im Sparkassengebäude am Kesselsdorfer Markt einzumieten. Dort soll die Anlauf-stelle Anfang Januar eröffnen – in Sichtweite zum Ex-Rathaus, das jetzt „Haus der Zahnmedizin“ heißt.