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Ende nach 121 Jahren

Es war eine der letzten ihrer Art – die Stehbierhalle. Jetzt hat Karl Schöffl den Getränkekeller geschlossen - für immer.

© Gerhard Schlechte

Von Jürgen Müller

Lommatzsch. Jetzt ist Schluss. Karl Schöffl, Inhaber des Bier- und Getränkehandels an der Döbelner Straße 28 hat den Getränkekeller abgeschlossen – für immer. Der 66-Jährige geht in den Ruhestand. „Ich habe bis zum letzten Tag gearbeitet“, sagt er. Karl Schöffl führte das 1896 gegründete Unternehmen in vierter Generation. Es sollte die letzte sein. Nach einem Nachfolger hat er gar nicht mehr gesucht. „Das hätte niemand mehr übernommen, das Geschäft lohnte sich schon lange nicht mehr. Die Kundschaft ist mir regelrecht weggestorben“, sagt er. Die Stehbierhalle war, eine der letzten ihrer Art. Doch sie wurde immer weniger genutzt.

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Aufnahme aus der 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Kurz zuvor war das Bier noch mit Pferdekutschen ausgefahren worden.
Aufnahme aus der 20er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Kurz zuvor war das Bier noch mit Pferdekutschen ausgefahren worden. © Gerhard Schlechte

Karl Schöffls Urgroßvater Tobias Schöffl eröffnete am 26. März 1896 die Bierhandlung. Sie wurde 1897 zur Stehbierhalle erweitert, nachdem am 20. September 1897 die Schankgenehmigung erteilt wurde. Damals wurde das Glaswerk mit 100 Leuten errichtet. Deshalb sah man die Notwendigkeit, eine Gaststätte zur Versorgung der Arbeiter zu eröffnen.

1919 übergab Tobias Schöffl das Unternehmen seinem Sohn Paul Karl Schöffl. Dieser starb 1935. Seine Witwe Frieda Schöffl führte das Geschäft mit ihrem Sohn Karl Rudolf Schöffl weiter. Nach dessen Rückkehr aus dem Krieg und der Gefangenschaft übernahm er mit seiner Frau das Unternehmen. Beide starben 1966 kurz hintereinander an Krebs. Von da an war die Stehbierhalle geschlossen.

Er gelang nicht, eine neue Schankgenehmigung zu erhalten. Das änderte sich erst 1990. Am 18. Mai 1990 meldete Karl Schöffl das Gewerbe neu an und betrieb den Handel zum Teil mit einem Angestellten die ersten Jahre auch recht erfolgreich. „Das Geschäft florierte, auch weil viele Leute jetzt Westbier kauften“, erinnert sich der 66-Jährige. Doch mit den vielen Supermärkten, die auch in Lommatzsch wie Pilze aus den grünen Wiesen sprossen und nicht nur Bier günstiger anbieten konnten als ein kleiner Unternehmer, ging es mit dem Umsatz bergab. Zudem kamen kaum noch Leute nach Feierabend, um ein Bier zu trinken und Karten zu spielen. Das konnte auch der Außer--Haus-Verkauf von Getränken wie Limonaden und Fruchtsäften nicht kompensieren.

Bis 1995 konnte Karl Schöffl von Getränkeausschank und -verkauf gut leben, danach ging es aber immer weiter bergab. „Eigentlich hätte ich schon vor fünf Jahren dichtmachen müssen. Mit der Stehbierhalle und dem Getränkeverkauf habe ich schon lange kein Geld mehr verdient“, sagt er resigniert.

Mit einem Frühschoppen hat er jetzt den Geschäftsbetrieb beendet. Es soll endgültig sein, auch zu Festen wie dem Krautmarkt will er nicht noch einmal öffnen. Und so stirbt nach 121 Jahren ein weiteres Traditionsunternehmen in Lommatzsch.