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Endlich angekommen

Die Elbflorenz-Handballer zeigen beim Sensationssieg gegen Coburg, was sie draufhaben – allen voran Roman Becvar.

© Matthias Rietschel

Von Tino Meyer

Er schüttelt den Kopf, immer wieder. Dabei steht der Sensationssieg schon minutenlang fest – und außerdem in riesigen Ziffern auf der Anzeigetafel. 29:25 haben die Zweitliga-Neulinge des HC Elbflorenz den großen, übermächtig scheinenden Favoriten Coburg besiegt. „Das ist unglaublich“, meint Roman Becvar, natürlich kopfschüttelnd, blickt noch einmal zur Anzeigetafel und sagt: „Jeder hat alles gegeben, alle haben sich gegenseitig unterstützt. Wir haben gezeigt, was Dresden kann. Und wenn wir so weiterspielen, dann …“

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Richtig zufrieden ist auch Roman Becvar. Nur eines fehlt dem Neuzugang zum vollkommenen Glück: seine Familie (kleines Foto). Die kommt jedoch nur zu Nachmittagsspielen in die Halle.
Richtig zufrieden ist auch Roman Becvar. Nur eines fehlt dem Neuzugang zum vollkommenen Glück: seine Familie (kleines Foto). Die kommt jedoch nur zu Nachmittagsspielen in die Halle. © WORBSER-Sportfotografie

Becvar spricht den Satz nicht zu Ende, und das ist auch gut so. Zu viel Adrenalin so kurz nach Spielschluss … Alles andere kann man getrost so stehen lassen. Denn es ist ja nicht nur der Sieg an sich, mit dem die Dresdner am Freitagabend für Aufsehen gesorgt haben. Einen Bundesliga-Absteiger, der den sofortigen Wiederaufstieg anpeilt, bezwingt man nicht alle Tage. Es ist vielmehr die Art und Weise seines Zustandekommens – verbunden mit den schwierigen Begleitumständen, die diesen Erfolg so besonders machen. Noch dazu in dieser – wie würde Becvar sagen – „unglaublichen“ Deutlichkeit. Zwischenzeitlich führt man mit neun Toren Vorsprung.

Und das, obwohl verletzungsbedingt vier Stammspieler fehlen. Obwohl der Gast zudem individuell klar besser besetzt ist. Schließlich die Zeitstrafen: Mehrfach spielten die Gastgeber in Unterzahl, zweimal gar mit vier Feldspielern gegen sechs Coburger.

Dass es am Ende fast noch mal knapp geworden ist, hat die gut 1 400 Zuschauer in der Ballsportarena aber offenbar mehr beschäftigt als die Spieler. „Wir hatten keine Angst“, betont Becvar. Und Torwart Hendrik Halfmann, der mit 40 Prozent gehaltenen Bällen entscheidenden Anteil an der deutlichen 13:9-Pausenführung hatte, erklärt: „Nach dem grandiosen Start in die zweite Halbzeit guckst du in die Gesichter deiner Mitspieler und weißt, den Sieg geben wir nicht mehr her.“

Kleinigkeiten für den großen Sieg

Es sind viele Kleinigkeiten, die den großen Sieg ermöglichen: Halfmanns Top-Quote, zwei Ballgewinne in wichtigen Momenten von Adrian Kammlodt, der als einzig verbliebener rechter Rückraumspieler die Verletzten vergessen macht, und fünf Tore erzielt, die Schnelligkeit und Nervenstärke des erst 20-jährigen Nils Gugisch sowie die Willens- und Kampfkraft eines Henning Quade. Nicht zu vergessen drei Paraden samt gehaltenem Siebenmeter von Mario Huhnstock, der Halfmann in der Schlussviertelstunde im Tor ablöst.

Eigentlich müsste man auch die anderen sieben aufzählen, wie Trainer Christian Pöhler betont. „Wir hatten keine einfache Trainingswoche. Doch mit dem absoluten Teamgedanken haben wir viele Dinge kompensiert“, sagt er. Mit einer rundum geschlossenen Mannschaftsleistung ist der Aufsteiger nun also in der neuen Liga angekommen. Das gilt auch und vor allem für Becvar, den man letztlich doch besonders hervorheben muss – auch wenn er an dieser Stelle wohl wieder den Kopf schütteln würde.

Der tschechische Nationalspieler, der im Sommer vom Bundesligisten DHfK Leipzig gekommen ist, hat an diesem Abend den Unterschied ausgemacht: mit seiner Präsenz, seinen Ideen im Angriff und nicht zuletzt dem unvergleichlich dynamischen Tordrang. „Ich bin stolz auf die Mannschaft, und ich bin stolz auf mich. Das war ich“, meint der 28-Jährige. Und das war erst der Anfang, wie Trainer Pöhler glaubt.

Verletzt sei Becvar nach Dresden gewechselt, habe sechs Wochen nicht trainieren können und deshalb große Teile der Vorbereitung verpasst. Jetzt aber ist er fit und „in der Qualität ein ganz entscheidender Faktor. Er ist wie befreit und hat alle Freiheiten von mir“, sagt Pöhler. Und das sieht dann beispielsweise so aus: Trotz doppelter Unterzahl trifft Becvar zum 3:3.

Im Vergleich zu den Vorwochen wirkt der Tscheche wie verwandelt. Er zerrt an den Ketten – und nach erfolgreichen Aktionen wie verrückt an seinem Trikot, als wolle er persönlich noch mal darauf hinweisen: endlich angekommen. „Das stimmt. Ich brauchte Zeit, doch jetzt ist die Verletzung weg. Vom Trainer habe ich die Chance bekommen, zu zeigen, was ich kann. Das habe ich getan. Ich habe gezeigt, ich bin hier zu Hause“, sagt er.

Nur eines, meint Becvar, habe gefehlt: seine Familie. Weil das Spiel erst 19.30 Uhr begonnen hat, sind Freundin Yvonne und der einjährige Sohn Max lieber zu Hause geblieben. Dies ist pädagogisch wertvoll und schade zugleich. Denn sie haben tatsächlich ein unglaubliches Spiel verpasst.