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Endlich ein passendes Haus

13 junge Leute wollen gern in Görlitz bleiben. Sie sanieren ein Gebäude in der Sohrstraße – auf ihre ganz eigene Weise.

© SZ-Bildstelle

Von Ingo Kramer

Görlitz. Die jüngste Mitbewohnerin ist gerade zwölf Tage alt. Für Johanna Hoffmann und Maxim Richter ist sie das zweite Kind, für die Sohrstraße 12 schon das Fünfte. Und vermutlich nicht das Letzte, denn 13 junge Görlitzer haben dieses Haus im Juli gekauft, fünf Paare und drei junge Leute ohne Partner. Sie alle eint der Wunsch, in keiner „normalen“ Mietwohnung zu leben, sondern unter einem Dach mit Partnern, Kindern und Freunden – und mit einem großen Garten hinterm Haus. Dafür haben sie einen Verein gegründet, den „Grünes Örtchen e.V.“. Er hat 13 Mitglieder, Raffael Hermann hat den Vorsitz übernommen.

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Das Bild zeigt das bisher noch leerstehende Haus Sohrstraße 12, das sich nun mit Leben füllt. Rechts ein Ausriss aus der SZ vom 23. Mai 2017. Damals berichteten wir über die Suche nach einem geeigneten Haus mit Garten.
Das Bild zeigt das bisher noch leerstehende Haus Sohrstraße 12, das sich nun mit Leben füllt. Rechts ein Ausriss aus der SZ vom 23. Mai 2017. Damals berichteten wir über die Suche nach einem geeigneten Haus mit Garten. © Nikolai Schmidt
Rina, Raffael, Jana, Rosa und Dan (v.l.) haben mit acht weiteren Leuten das Hausprojekt „Grünes Örtchen“ gegründet und die Sohrstraße 12 gekauft, wo sie mit ihren Kindern leben möchten. Hier sitzen sie in der Oktobersonne im Garten hinter dem noch unsanie
Rina, Raffael, Jana, Rosa und Dan (v.l.) haben mit acht weiteren Leuten das Hausprojekt „Grünes Örtchen“ gegründet und die Sohrstraße 12 gekauft, wo sie mit ihren Kindern leben möchten. Hier sitzen sie in der Oktobersonne im Garten hinter dem noch unsanie © Pawel Sosnowski/pawelsosnowski.c

Seit mittlerweile zwei Jahren planen sie ihr Hausprojekt, im Mai vorigen Jahres berichtete die SZ erstmals über die Suche nach einem passenden Haus mit Garten – und kündigte an, die Gruppe regelmäßig zu begleiten und zu berichten, wie das Hausprojekt vorankommt. Nun hat es ein bisschen gedauert, denn die Suche nach einem Gebäude war schwieriger als gedacht. Zwischenzeitlich ist die Gruppe auch gewachsen, von zwölf auf 13 Erwachsene. Neu dabei ist Raffaels Freundin Corinna Speri, die von allen nur Rina genannt wird. „Die Resonanz auf den ersten Artikel war super, wir haben fünf oder sechs Anrufe erhalten“, sagt Raffael. Allein: Das passende Haus war nicht dabei. Das fanden sie erst später über einen Görlitzer Makler, dem die jungen Leute offenbar sympathisch waren und der ihnen bei der Suche half.

Als sie erstmals die Sohrstraße 12 besichtigten, gab es schnell Einigkeit, dass das Haus passt, sagt Dan Sauer, mit 34 Jahren der Älteste im Verein. Vieles stimmte, die zentrale Innenstadtlage, die ruhige Nebenstraße, die Größe von 650 Quadratmetern Wohnfläche auf fünf Etagen, aber auch der Zustand des Hauses: Nicht völlig kaputt, keine riesigen Räume, nicht allzu prunkvoll, stattdessen viele Zimmer in ähnlicher Größe. Und mit Garten. Wenn auch keinem großen: Das Grundstück misst 450 Quadratmeter. Allerdings ist das Nachbargrundstück Sohrstraße 11 beinahe leer, dort steht nur eine halb eingestürzte Ruine. Der Verein hofft, das Grundstück mit dazu erwerben zu können – und zwar nicht als Parkplatz, sondern um tatsächlich ein großes „Grünes Örtchen“ zu schaffen.

Nachdem die Finanzierung geklärt war, konnten die jungen Leute das Haus im Juli endlich von den polnischen Vorbesitzern kaufen. Seither läuft vieles parallel: Bauantrag stellen, Handwerker suchen, Tapeten, Linoleum und Einbauten entfernen. „Wir haben schon viel dazu gelernt“, sagt Raffael: „Jeder erzählt einem etwas anderes, aber am Ende muss man selber wissen, was man will.“ Dan nennt die Heizung als Beispiel: Auf die Frage, ob sich mit begrenzten Mitteln etwas ökologisch Nachhaltiges machen lässt, habe jeder Firmenchef eine andere Auffassung: „Der eine sagt, eine Etagenheizung wäre denkbar, der Nächste erklärt, dass das heute keiner mehr macht.“

Fakt ist: Mit dem Geld, das die künftigen Bewohner haben, ist keine Luxussanierung drin. Aber das will ohnehin niemand. Das Dach ist noch ganz in Ordnung. Auch viele alte Fenster können drin bleiben, nur drei oder vier DDR-Fenster sind so verschlissen, dass sie getauscht werden müssen. Balkone wird es keine geben, stattdessen ist der Garten für alle da. Was auf jeden Fall gemacht werden muss, ist die gesamte Haustechnik. Und zwei Deckendurchbrüche, einmal vom Parterre zum ersten Stock und einmal vom dritten Stock zum Dachgeschoss. Auf diese Weise sollen zwei große Maisonette-Wohnungen entstehen.

Insgesamt wird es im Haus fünf Wohnungen geben – und ganz unterschiedliche Wohnformen, Wohngemeinschaften (WGs) mit Kind, WGs ohne Kind, aber auch reine Familienwohnungen. Genau das ist allen wichtig: Sie wollen nicht anonym leben, sondern miteinander. „Wir sind aber keine Kommune“, sagt Dan. Es gebe keine abstrusen neuen Wohnformen, sondern einfach mehr Gemeinschaftsräume als anderswo. Und es gibt keinen Vermieter, der festschreiben kann, dass in der Hofdurchfahrt keine Fahrräder stehen dürfen.

Es geht auch um Nachhaltigkeit“, sagt Jana Peters. Das meint nicht nur den eigenen Garten zum Selbstanbauen, sondern auch, sich viele Dinge zu teilen. „In einem Hausprojekt“, ergänzt Dan, „braucht eben nicht jeder ein Auto, einen Rasenmäher oder einen Drucker.“ Auch Gemeinschaftsräume in den Wohnungen und im Keller sind angedacht, eine Werkstatt vielleicht, ein Büro, eine Küche. Letztlich lasse sich ganz vieles teilen – auch die Wohnung.

Die 13 Leute stammen – mit einer Ravensburger und einer Berliner Ausnahme – allesamt aus Sachsen und Thüringen, aus Orten wie Oppach, Dresden, Radebeul, Freiberg, Döbeln und Weimar. Nur zwei der 13 sind in Görlitz aufgewachsen, die anderen größtenteils 2013 zum Studium nach Görlitz gekommen, manche auch etwas früher oder später. Sie studieren oder studierten Soziale Arbeit, Heilpädagogik, Management sozialen Wandels oder auch Kindheitspädagogik – und fühlen sich in Görlitz so wohl, dass sie nicht mehr weg wollen. Die Idee eines gemeinsamen Hausprojektes haben sie schon lange im Hinterkopf, haben immer mal darüber gesprochen, dass es schön wäre, wenn. „Jeder von uns hatte auch mal Kontakt zu alternativen Wohnformen“, sagt Jana. Auch heute besteht ein guter Draht zu anderen Hausprojekten, teils außerhalb von Görlitz.

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Mit den Nachbarn in der Sohrstraße wollen sie auch gern in Kontakt kommen, um sich gegenseitig kennenzulernen. Mit einigen gab es schon erste Gespräche: Sie freuen sich, dass das Haus wiederbelebt wird. „Vielleicht werfen wir allen demnächst einen Zettel in den Briefkasten, um uns vorzustellen“, sagt Rosa, mit 23 Jahren die Jüngste. „In spätestens anderthalb Jahren wollen wir einziehen“, fügt Raffael hinzu. Wenn alles gut geht, soll der Innenausbau im März beginnen – mit viel Eigenleistung. Dafür suchen die jungen Leute noch Baumaschinen, etwa eine Mauerfräse, aber auch Werkzeuge und Arbeitsschutzkleidung. Wer etwas hat, kann sich gern melden. „Es muss gar nicht alles geschenkt sein“, sagt Raffael. Günstig kaufen, ausborgen oder teilen wären gute Optionen – und allemal besser, als alles neu zu kaufen.

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