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Energiegeladene Begleiter

© Klaus-Dieter Brühl

Auf einer Wiese in Gröditz treffen sich regelmäßig Windhund-Besitzer. Dieses Jahr feiert der Verein seinen 90. Geburtstag.

Von Kevin Schwarzbach

Gröditz. Sie zählen nach den Geparden zu den schnellsten Landläufern der Welt und erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 80 Kilometern pro Stunde. Entsprechend schwer sind die Windhunde in ihrem Elan zu bremsen. Margeta Sousedikova aus Tschechien führt ihren Altai eng an der Leine und muss das Tempo auf das Kommando der Zuchtrichterin immer wieder drosseln, weil ihr hochläufiger und äußerst schlanker Begleiter zu schnell durch den Ring kreist. Altai gehört zur Rasse der Barsoi und war früher Russlands Nationalhund. Heute läuft er bei Zuchtschauen und Rennen in Gröditz. Dort hat der Dresdner Windhund-Rennverein sein Trainingsgelände. Was angesichts des Namens erst einmal verwirrend klingt, hat eine simple Geschichte: „Bis 1986 waren wir an der Rennbahn in Dresden beherbergt“, erzählt die langjährige Vereinsvorsitzende Margit Müller. „Als wir dort wegmussten, standen wir vor einer schweren Aufgabe: Windhunde sind sehr bewegungsfreudige Tiere, für unsere Zwecke brauchen wir große Flächen.

Ein Besitzer mit einem Whippet. © Klaus-Dieter Brühl

Um die vier Hektar sollten es sein.“ Fündig wurde der Verein zuerst in Großenhain, viele Jahre besaß man dort ein Gelände. Doch weil dort mehrmals Wasser auf den Flächen stand und später Baufahrzeuge die Randbereiche des Areals blockierten, begab sich der Verein wieder auf die Suche. In Gröditz entdeckte er die große Wiese samt kleinem Wäldchen an der Albert-Niethammer-Straße. Der Ortszusatz im Vereinsnamen ist heute nur noch Tradition. „Unsere Mitglieder kamen schon immer aus ganz Sachsen, früher sogar noch von weiter her“, sagt Margit Müller.

Dieser Tage feiern die Mitglieder das 90-jährige Bestehen, ohne großes Tamtam, eher mit dem klassischen Programm. Zuchtschauen und Coursingläufe stehen auf dem Programm, Letztere sind Rennen, bei denen die Hunde einer Kaninchen-Attrappe hinterherjagen. Doch für eine Veranstaltung mit Hunden ist es auf der Wiese an der Albert-Niethammer-Straße am Sonnabendvormittag ungewöhnlich still. Rund 80 Hunde tummeln sich auf dem Gelände zwischen Autos, Zelten und Campingmobilen. Und trotzdem ist lange Zeit kein Mucks zu hören. „Windhunde sind klassische Nutztiere, die früher für die Jagd von Wild eingesetzt wurden. Von daher ist ihr Verhalten darauf ausgelegt, sich möglichst ruhig zu verhalten, um das Wild nicht zu verscheuchen“, erklärt Vereinsvorsitzende Margit Müller. Die meisten Rassen zeichnen sich durch ihre ruhige und zurückhaltende Art aus. Bei einer Studie englischer Forscher zur Aggressivität verschiedener Hundearten belegten die Windhunde von 250 untersuchten Tieren den 249. Platz. Müller sagt über ihren eigenen Hund: „Wenn bei mir jemand einbrechen würde, würde mein Hund kommen und den Einbrecher fragen, ob er ihm den Tresor zeigen soll.“

Auch wenn am Wochenende einiges los ist auf der Wiese in der Röderstadt, sind die Hochzeiten des Windhund-Rennvereins vorbei. In der DDR zählte er knapp 50 Mitglieder, heute sind es noch um die 20. Nachwuch gibt es nur wenig, der Zulauf ist seit Jahren rückläufig. „Heute haben die Jugendlichen und jungen Erwachsenen andere Hobbys oder keine Zeit für einen Verein“, sagt Karl-Heinz Schick. Der 88-Jährige ist seit 1974 aktives Mitglied und würde die Gemeinschaft auch nicht mehr missen wollen: „Wer sich einmal einen Windhund zugelegt hat und zu uns in den Verein gekommen ist, entwickelt eine Leidenschaft für dieses Hobby, die nie mehr aufhört. Diese Tiere sind etwas Besonderes.“

Das zeigt sich auch bei der Schau, bei der die Hunde sich trotz ihrer Größe und Energie anmutig durch den Ring bewegen und sich der Richterin und den Zuschauern präsentieren. Mit ein paar einstudierten Griffen ertastet die Zuchtrichterin den Körper der Tiere und lässt sie noch einige Runden drehen. Dann fällt sie ihr Urteil. Margeta Sousedikova aus Tschechien hat Glück, ihr Altai überzeugt. Doch am Ende geht es den Hundebesitzern vor allem um den Auslauf für ihre Tiere, das Zusammensein mit Artgenossen und den Spaß am Spiel in der Natur. „Unsere Hunde zwingen uns täglich an die frische Luft und durch den Verein sind wir vom Frühjahr bis zum Herbst jedes zweite Wochenende komplett hier draußen auf dem Gelände“, lacht Karl-Heinz Schick. „Das hält körperlich und geistig fit.“ Der 88-Jährige muss es wissen.