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Energies neuer Weg

Den größten Namen hat der Trainer, der große Transfers aber nicht ausschließt. Zuvor kriegen die Aufsteiger in Cottbus eine Chance.

© Peter Aswendt

Von Tino Meyer

Der Satz mag abgedroschen sein, aber in Cottbus stimmt er immer noch. Der Star beim Drittliga-Rückkehrer FC Energie ist der Trainer – und das auch unbedingt so gewollt. Den Abstieg der Lausitzer in die Regionalliga und damit in die Bedeutungslosigkeit des Profifußballs hat Claus-Dieter Wollitz – Spitzname Pele – im Mai 2016 zwar nicht verhindern können. Trotzdem ist der charismatisch-temperamentvolle wie sprachlich gewandte Ex-Kicker geblieben, hat beim Neuanfang mit angepackt.

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Cottbus im Mai 2018: Energie feiert den Aufstieg – samt Sektdusche für Trainer Claus-Dieter Wollitz.
Cottbus im Mai 2018: Energie feiert den Aufstieg – samt Sektdusche für Trainer Claus-Dieter Wollitz. © WORBSER-Sportfotografie

Mancher sagt: Aus Mangel an Alternativen, also sowohl für ihn als auch beim finanziell arg gebeutelten Verein. Das Ergebnis aber spricht für sich: Cottbus ist zurück, zumindest mal in der 3. Liga, und damit auch Wollitz, dessen Name oft genug in Verbindung mit der griffigen Bezeichnung Kulttrainer steht.

Fast könnte man von einer Schicksalsgemeinschaft sprechen. Eigentlich sind sie beide Besseres gewohnt, der frühere Bundesligist wie auch der extrovertierte Mittelfeldspieler von einst. Und dann gab es ja auch die Tage, in denen sie sich nicht gerade wohlwollend begegneten. Wollitz‘ erste Amtszeit in der Lausitz endete im Januar 2012 offiziell in gegenseitigem Einvernehmen. Dabei waren für den Moment beide froh, den jeweils anderen los zu sein.

Doch Energie und der 53-Jährige haben sich längst arrangiert, im April 2016 erneut zueinandergefunden und spätestens mit dem schmerzlichen Abstieg kurz danach ihr Rollenverständnis im deutschen Profifußball überdacht. Aus dem Zweckbündnis ist eine erfolgreiche Beziehung geworden. Insofern, der Schluss liegt nahe, hatte die Regionalliga-Zeit für die bundesligagewöhnten Cottbuser mit ihrem sendungsbewussten Trainer offenbar tatsächlich etwas Gutes. Ein Kraftakt war der Neuanfang dennoch, nicht nur finanziell und sportlich. „Es ist mental für jeden Einzelnen eine Herausforderung. Das kostet nicht nur Kraft. Es kostet auch unfassbar viel Eigendisziplin und Eigenverantwortung“, erklärte Wollitz kurz vorm Wiederaufstieg, gezeichnet von zwei Jahren in der Regionalliga.

Über seinen Anteil an Energies Aufschwung spricht er ungern. Wollitz fühlt sich oft missverstanden, falsch eingeordnet, fehlcharakterisiert – und kokettiert stattdessen mit dem Karriere-Ende. „Ja, ich bin emotional. Aber ich entwickle auch Spieler. Das kommt nie heraus. Meine Emotionalität und meine Ehrlichkeit werden immer nur benutzt. Das kann ich nicht mehr länger ertragen“, sagte der gebürtige Westfale im April auf einer Spieltagspressekonferenz, bei denen er sich – typisch Wollitz – schnell in Rage reden kann.

Erinnerungen an Ede Geyer

Wen solche Wutreden an Eduard Geyer erinnern, Cottbus’ Trainer-Ikone schlechthin, liegt sicher nicht ganz falsch. Ist Wollitz der neue Geyer? „Auf keinen Fall. Andere Zeiten, andere Umstände, anderer Fußball, anderer Trainer“, entgegnet Energies Präsident Michael Wahlich. Mit der Verklärung der guten, alten Zeiten, als das kleine Cottbus beinahe selbstverständlich in der Bundesliga mitmischte und dabei auch den großen FC Bayern zweimal besiegt hatte, kann auch Wollitz nichts anfangen. Die Realität ist eine andere.

Um das zu begreifen, reicht die öffentliche Meinung, wenn es um die Attraktivität der neuen 3. Liga geht. „Energie wird da gar nicht mehr genannt, obwohl der Verein schon in der Bundesliga gespielt hat und Bayern München schlagen durfte. Das haben die anderen Vereine aufgeholt. Da müssen wir jetzt versuchen, Schritt zu halten“, sagt Wollitz im Gespräch mit der Lausitzer Rundschau vorm Saisonauftakt gegen Hansa Rostock, den anderen abgestürzten Ostverein mit Bundesliga-Vergangenheit. Zugleich warnt er, und das bereits inmitten der Aufstiegsfeierlichkeiten, vor zu großen Erwartungen: „Wenn man morgen anfängt zu denken, wir müssten am besten gestern schon in der zweiten Liga sein, wird es nicht funktionieren.“

Auch Wollitz hat Visionen, für den Weg zurück mit Energie auf die große Bühne aber klare, andere Vorstellungen. Tagträume gehören ausdrücklich nicht dazu. Identifikation, Charakter, Willen – der Wertekatalog umschreibt vielmehr die Vereinsphilosophie in den vergangenen zwei Jahren. Und daran soll sich auch in der 3. Liga nichts ändern. Deshalb ist die Mannschaft fast komplett zusammengeblieben, zwei neuen Spielern stehen vier Abgänge gegenüber. „Geschlossenheit und Zusammenhalt bringen uns weiter. Aber: Die Spieler müssen ganz klar zeigen, dass die Qualität im Kader ausreicht, um die Klasse zu halten“, betont Wollitz. Sein Vorbild: der 1. FC Magdeburg, der nach mehreren kleinen Schritten in der 3. Liga nun den Sprung in Liga zwei geschafft hat.

Die Wege namhafter Ligakonkurrenten, von denen Kaiserslautern und Braunschweig mit jeweils sieben Millionen Euro über den doppelten Etat verfügen, hat Wollitz selbstverständlich registriert. „Was andere Vereine können oder nicht können, ist nicht mein Thema. Ich weiß, was Energie Cottbus kann – und dass Energie Cottbus auch noch etwas machen könnte und auch dazu bereit wäre“, sagt er. Weitere, auch namhafte Neuzugänge bis zum Transferschluss am 31. August sind nicht ausgeschlossen. „Es stehen Topspieler auf dem Zettel, ja. Aber wenn ich einen hole, muss ich einem anderen Spieler, der zwei Jahre fantastische Leistungen für uns gebracht hat, aussortieren – ohne ihm eine Chance zu geben in der neuen Liga. Das würde Kopfschütteln bei den Spielern verursachen und damit das eintreten, was wir vor zwei Jahren erlebt haben: der Abstieg.“

So hört sich die klassische Wollitz-Rhetorik an. Er sagt aber auch: „Vertrauen ist das eine, Leistung das andere. Jetzt liegt es an uns, wir müssen liefern.“ Er selbstverständlich eingeschlossen.