Teilen:

Engel aus Waldschlößchen-Eichen

© Sven Ellger

Michael Grasemann hat lange gegen den Bau der Brücke gekämpft. Jetzt will er Frieden stiften.

Von Andreas Weller

Mitten auf der St. Petersburger Straße stehen seit Kurzem zehn Engel aus Holz. Die Skulpturen schmücken die Mittelinsel in der Achse zwischen Trümmerfrau und Skaterbahn. Vorbeifahrende Autofahrer und Passanten fragen sich: Was machen die teils bunten Holzfiguren dort?

Weißer Engel mit schwarzen Flügeln: Diese Skulptur ist von Hans Scheib. © Sven Ellger
Ein Engel ist auch als eine schwangere Frau gestaltet. © Sven Ellger

Das ist Kunst. Entstanden aus einem Symposium von Holzbildhauer Michael Grasemann. Die Skulpturen sind aus den Eichen entstanden, die einst als Allee an der Waldschlößchenstraße standen und für den Bau der Elbbrücke gefällt wurden. Grasemann war einer der größten Gegner des Baus der Waldschlößchenbrücke. Zur Hochzeit, als nach dem Bürgerentscheid für den Bau 2005 klar wurde, dass Dresden den Unesco Welterbestatus verliert. „Ich war an vorderster Front, habe zweieinhalb Jahre lang Demonstrationen angemeldet und moderiert“, erinnert sich Grasemann.

Als dann die mehr als 100 Jahre alten Eichen für den Straßenbau weichen mussten, kaufte der Holzbildhauer die 13 großen Bäume. „Die Idee war, sie der Stadt und den Dresdnern zurückzugeben“, erklärt er. Das hat bis jetzt gedauert.

In der Zwischenzeit hat Grasemann sich weiter mit der Debatte um die Brücke auseinandergesetzt. Er hat unzählige Interviews geführt und sie gefilmt. Zuerst nur mit Brückengegnern. „Dann wurde mir klar, dass die andere Seite auch dazugehört.“ Also interviewte er Ex-Oberbürgermeister Herbert Wagner, was ihm die Tür zu anderen CDU-Größen wie Ex-Ministerpräsident Georg Milbradt öffnete. „Dabei ging mir mein Feindbild verloren. Ich habe verstanden: Die haben das auch gut gemacht, um ihre Ziele zu erreichen.“ Damit sei für Grasemann freilich nicht gerechtfertigt, dass nie ernsthaft ein Tunnel diskutiert wurde, um das Welterbe zu erhalten.

„Für mich war diese Stelle an der Elbe vor dem Brückenbau immer der letzte Engel-Landeplatz in Dresden“, so Grasemann. Dort habe er seinen Gedanken nachhängen können. Deshalb kam er dann auch auf die Idee mit den Holz-Engeln aus den Waldschlößchen-Eichen. „Es bringt nichts, weiter Grabenkämpfe zu führen. Dresden braucht etwas Befriedendes.“

Nun ist nahe des Pirnaischen Platzes ein neuer Engel-Landeplatz entstanden, mit hölzernen Engeln. Grasemann konnte neun weitere Holzgestalter für die Idee begeistern. Darunter sind auch Größen aus der Branche wie Hans Scheib und Helge Leiberg. Beide haben in Dresden studiert und arbeiten nun in Berlin. „Niemand weiß wirklich, wie Engel aussehen, deshalb hat jeder seine Interpretation gestaltet“, sagt der Künstler. Seiner hält die Hände segnend, es gibt bunte, nackte und schwangere Engel. Jede Skulptur wiegt zwischen einer und zwei Tonnen, ist 2,40 bis 3,90 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 60 bis 80 Zentimeter. Grasemann hat die Aktion nicht angekündigt, weil die Engel einfach erscheinen sollten, um Frieden in die Stadt zu bringen, wie er sagt. Sie sollen einen Monat dort stehen. Dann erhalten die Künstler ihr jeweiliges Werk zurück.

Den lautstarken Protest gegen den Bau der Brücke würde er heute so nicht mehr veranstalten. „Im Kampf macht man nur die Gegenseite stark“, erklärt Grasemann. Heute würde er meditieren oder beten. „Wir brauchen eine andere Ebene, einen geistigen Horizont.“ Deshalb könnten auch die Engel ein Start sein, um die heute erneut gespaltene Gesellschaft zu einen. „Als ich mit den Engeln nachts auf dem Anhänger an der Stelle vorbeigefahren bin, wo die Eichen, aus denen sie sind, mal standen, war das ein magischer Moment. Die Bäume sind jetzt ein Zeichen.“ Sein Filmprojekt hat Grasemann bislang nicht abgeschlossen. Die 300 Minuten Interview-Filmmaterial sind noch im Rohzustand. Es sei noch nicht die Zeit dafür, erklärt er. „Vielleicht wenn Dresden 2025 Kulturhauptstadt ist.“