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Engel mit Geld

© kairospress

Sachsens Gründerszene braucht „Business Angels“. Das sind Geldgeber, die auch beraten. Und als verschwiegen gelten.

Von Jonas Gerding

Der Definition nach vergeben Banken Kredite. Für Eigenheimbauer mag das zutreffen. Wer bei seinem Berater jedoch mit der Vision für das eigene Start-up auftaucht, wird eher zweifelnde Blicke als einen Vorschuss erhalten. Zumal, wenn es sich um jemanden wie Martin Schlichte handelt. Fast zehn Jahre ist es her, als der heute 36-Jährige in der WG-Küche über dem Konzept für Lecturio grübelte. Er war bereits in den letzten Zügen seines Studiums an der Handelsschule Leipzig (HHL) und wollte im Anschluss daran mit einer Internetseite für Lernvideos durchstarten. „Anfangs ist Geld total wichtig, ansonsten sind einem die Hände gebunden“, erinnert Schlichte sich an jene unsicheren Zeiten, aus die ihn schließlich sogenannte „Business Angels“ herausführten: wohlhabende Privatleute, die ihre Erfahrung und ihr Vermögen in junge Unternehmen stecken.

Während in den USA jene Förderer längst Normalität sind, müssen sie sich in Deutschland erst noch etablieren. Hierzulande, wo nur ungern öffentlich über Geld gesprochen wird, haben es Start-ups schwer, an jene verschwiegenen Unterstützer zu gelangen. Um weiter zu wachsen, ist Sachsens Gründerszene jedoch auf sie angewiesen. Denn: „Business Angels“ schließen die entscheidende Lücke zwischen geringen Beträgen, die die Gründer selbst, Familie und Freunde locker machen – und den Investment-Firmen, die erst einsteigen, wenn es bereits rundläuft. Eine regionale Initiative hat den Bedarf erkannt und wagt sich nun aus der Deckung.

Schlichte konnte auf das Netzwerk der HHL zurückgreifen. Zwei Absolventen, beide in der Beratung tätig, und zwei Professoren überzeugte er. Namen und Investitionshöhe will Schlichte nicht verraten. Nur so viel: „Mittlere fünfstellige Zahlen“ seien in der Frühphase durchaus üblich. Und nötig, um Anschaffungen, Gehälter und Dienstleistungen zu stemmen, sagt Schlichte, der die E-Learning-Plattform mittlerweile vor allem auf berufliche Weiterbildung ausgerichtet hat und rund 100 Mitarbeiter beschäftigt: „Für junge Unternehmer sind „Business Angels“ auch deshalb interessant, weil sie ihr Know-how einbringen“. Die Berater halfen bei den Business-Plänen und die Professoren mit Kontakten in die Hochschullandschaft, in der sie ihr Produkt anbieten wollten.

Es lässt sich nicht genau beziffern, wie viele „Business Angels“ es in Sachsen gibt. Mario Geißler, Junior-Professor für Entrepreneurship an der TU Chemnitz, hat für die Studie „Start-up Ökosystem Sachsen 2016“ die gängigen Karriere-Netzwerke im Internet nach „Business Angels“ durchforstet. Insgesamt dürften mehr als die 13 Geldgeber existieren, auf die er stieß. „Das bringt mich zu dem Punkt, dass relativ wenige „Business Angels“ bekannt sind“.

Damit nicht die nächste Ehe wackelt

Titus Lindl hingegen geht in die Offensive. Im August gründete er Wegvisor Business Angels und ließ eine Internetseite mit Kontaktdaten aufsetzen. Geschäftspartner vertrauen ihm Geld an, mit dem er sich an den jungen Unternehmen beteiligt. Sie schätzen seine Erfahrung.

Vor acht Jahren unterstützte er das erste Start-up. Neun weitere aus Bereichen wie Technologie und Design folgten. Damals war der heute 36-Jährige im Alter vieler der Gründer. Er hatte jedoch bereits ein Unternehmen hochgezogen, aus dem er wieder ausstieg. „Weil ich fast meine Ehe geschreddert hätte“, wie er über die aufreibenden Gründerjahre berichtet. Mit dem Geld, das er verdient hatte, will er anderen beratend zur Seite stehen, „damit ihnen genau das nicht passiert“.

„Geld ist nicht das vordergründige Motiv“, sagt er über Wegvisor Business Angels. „Die, die da mitmachen, sind alle versorgt“. Dann holt Lindl zu einer langen Tirade aus, dass Deutschland Gefahr laufe, den Anschluss an die Weltwirtschaft zu verlieren. „Wir müssen aus den Pötten kommen, es gibt viel zu wenige Gründer“, sagt er. „Das heißt aber nicht, dass wir eine schlechte Region sind“, betont Lindl, selbst im sächsischen Glauchau geboren. „Wir haben die Sachen im Köcher“, sagt er und verweist auf das akademische Umfeld des Freistaats. „Aber es fehlt an jungen Leuten, die den Schritt wagen“. Sie will er ermutigen.

„Es hat schon immer erfolgreiche Unternehmer gegeben, die der Gesellschaft etwas zurückgeben möchten“, sagt Geißler. Es sind vor allem Unternehmer, die sich als Business Angels betätigen. Manche sind noch in Führungspositionen, andere bereits im Ruhestand. „Wer sein Berufsleben lang immer auf 180 war und auf einmal mit der Pension konfrontiert wird, braucht neue Betätigungsfelder“, so Geißler.

„Ich unterstelle kein reines Mäzenatentum“, fügt er hinzu. So hoch das Risiko einer Pleite ist, so hoch ist auch die mögliche Rendite, wenn es das Unternehmen eines Tages zu etwas bringt. „Anfangs ist ein Unternehmen sehr wenig wert“, erklärt Geißler. „Es lassen sich also günstig Anteile erwerben und später zu einem höheren Wert verkaufen“.

Bevor Lindl in Unternehmen einsteigt, prüft er die „vier Identitäten eines Gründers“. Handelt es sich zum Beispiel um einen guten „Kundenversteher“, einen „Teambauer“? Lindl analysiert die Stärken und Schwächen, um als Mentor die persönliche Entwicklung zu begleiten. Mal vergehen drei Monate, mal drei Jahre, bis weitere Finanzierungsrunden stehen – und er sich zurückzieht, sagt Lindl. „Es kann aber auch sein, dass ich das Gründerteam weiterhin extern unterstütze, wie jeder andere Dienstleister auch“. Schlichte will die Beratung eher als Impuls verstanden wissen. „In erster Linie sind die Gründer diejenigen, die sagen, wo es lang geht“, so der Gründer von Lecturio. Mit den Business Angels hat er das Start-up bereits nach wenigen Monaten auf eine so solide Basis gestellt, in das der Technologiegründerfonds Sachsen, Holtzbrinck Ventures, Seventure und Holtzbrinck Digital eingestiegen sind. Nach und nach sank der Einfluss der Business Angels, zwei von ihnen ließen sich sogar auszahlen. Das Startkapital, das sie einst beigesteuert haben, wirkt heute putzig. „Deutlich über zehn Millionen Euro“ hat Lecturio mittlerweile eingesammelt.