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Entzug statt Volldampf

China erlebt das Ende des Turbo-Wachstums. Peking setzt auf Reformen, auf Arbeitsplätze, auf Kampf gegen Finanzrisiken. Deutsche Exporteure können wieder hoffen.

© dpa

Von Andreas Landwehr

Peking. Hat der Abschwung der chinesischen Wirtschaft die Talsohle erreicht? Seit Ende des vergangenen Jahres ging es mit der zweitgrößten Volkswirtschaft nur noch abwärts, doch jetzt keimt Hoffnung auf. Die letzte Hiobsbotschaft war der unerwartete Einbruch der Exporte und Importe der größten Handelsnation im März. Aber dafür fiel das Wirtschaftswachstum im ersten Quartal mit 7,4 Prozent besser als erwartet aus. „Wir glauben, dass sich der Wachstumsschwung im März stabilisiert hat“, meint Liu Ligang, China-Chefökonom der australischen ANZ-Bank. Auch der Außenhandel dürfte seinen Tiefpunkt erreicht haben und künftig „widerstandsfähiger“ werden.

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Es ist das langsamste Wachstum seit 18 Monaten in China, doch für die deutsche Exportwirtschaft gibt es zwei gute Nachrichten: Es hätte schlimmer kommen können - und es besteht Aussicht auf Besserung. Denn die Abhängigkeit der Exportnation Deutschlands vom asiatischen Wachstumsmarkt mit 1,3 Milliarden Konsumenten ist groß. Mit großem Abstand ist China der wichtigste Wirtschaftspartner Deutschlands in Asien und der drittgrößte weltweit. Für deutsche Schlüsselindustrien wie Auto- und Maschinenbau ist das Chinageschäft überlebenswichtig. Bekommt China den Husten, erkältet sich nicht nur Deutschland, sondern auch die Welt, heißt es.

Nervosität der Märkte wird bleiben

Zwar sieht auch der Chefökonom Louis Kuijs von der Royal Bank of Scotland (RBS) im März eine leichte Besserung, aber von Entwarnung will er nicht sprechen. „Die Wachstumsrisiken bleiben“, sagt Kuijs der Nachrichtenagentur dpa. Die Nervosität der Märkte werde sich nicht legen. Die Widerstandsfähigkeit des arbeitsintensiven Dienstleistungssektors habe allerdings dem Arbeitsmarkt geholfen - und darauf kommt es den chinesischen Führern an. Ihre neue Devise lautet: Nicht Volldampf, sondern nachhaltiges Wachstum, das zumindest genug Arbeitsplätze generieren muss.

Schmerzhafte Reformen sind geplant, um in der Wertschöpfung nach oben zu klettern und die Risiken im Finanzsektor mit seinem krakenhaften Schattenbankenwesen in den Griff zu bekommen. „Es ist absolut zwingend, dass die Reformen akzeptiert werden und nicht so wirken, als wenn sie soziale Probleme schaffen“, sagte der Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph Steglitz dem chinesischen Magazin „Caixin“. Hohe Arbeitslosigkeit sei sowohl ein wirtschaftliches als auch soziales Problem. „Es ist eine Sache, wenn große Unternehmen weniger Gewinn machen, aber es ist etwas anderes, wenn die Existenzgrundlage einer großen Zahl von Menschen in Gefahr gerät.“

10 Millionen Jobs sollen geschaffen werden

Um das selbst gesteckte Ziel von zehn Millionen neuen Arbeitsplätzen zu erreichen, ist für Regierungschef Li Keqiang 7,2 Prozent Wachstum das untere Limit. Konjunkturprogramme will der Premier vorher nicht auflegen, weil die Wirtschaft ohnehin schon süchtig nach Investitionen und Krediten ist, aber ihre hohen Schulden längst nicht mehr zurückzahlen kann. Li Keqiang setzt die Wirtschaft auf vorsichtigen Entzug. Die gesamte Kreditvergabe aus offiziellen und grauen Quellen fiel im ersten Quartal auf 5,6 Billionen Yuan (650 Milliarden Euro) - weniger als im Vorjahresquartal mit 6,2 Billionen Yuan. Mit dem Bemühen der Regierung, die Verschuldung zu reduzieren, verlangsamt sich spürbar auch das Schattenbankengeschäft.

Dass es die Wachstumszahlen nun nicht so schlecht ausgefallen sind wie befürchtet, kommt der Regierung sehr gelegen. Sie kann ihren Kurs bestätigt sehen. Aber da zwischen Untergangsstimmung und Hoffnungsschimmer nur wenige Stellen hinter dem Komma liegen, könnte auch etwas Zweckoptimismus in die Statistik eingebaut sein, glaubt Jörg Wuttke, langjähriger Chinakenner und Berater der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD). Ihn macht der starke Rückgang im Frachtverkehr der Bahn stutzig, den eigentlich auch Premier Li Keqiang lieber als Maßstab für echtes Wirtschaftswachstum heranzieht. So ist das Cargovolumen zwischen Januar und März sogar um 3,7 Prozent gefallen - der größte Rückgang in einem ersten Quartal seit 2006. (dpa)