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Erfolgreiche Rattenfänger

In Radebeul und Coswig bewähren sich neue Zähl- und Ködergeräte – und sind vor allem viel ungiftiger fürs Grundwasser.

© dpa

Von Peter Redlich

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Radebeul/Coswig. Der Deckel zum Abwasserkanal ist herausgehoben. Drin im Kanal kommt eine eimerartige grüne Box mit einem gelben Einsatz zum Vorschein. Was nicht zu sehen ist, drin im gelben Plastikeinsatz ist die Zählelektronik. Am Radebeuler Damaschkeweg, wo Rohrnetzmeister Ralf Baar mit seinen Mitarbeitern von der neu gebildeten Wasser, Abwasser, Betriebsgesellschaft Radebeul + Coswig mbH (WAB R+C) steht, fühlt sich eine Rattenpopulation offenbar wohl.

Die grün-gelbe Box heißt Toxprotect. Mit ihr gehen die Mitarbeiter der Wasserwirtschaft in Radebeul und Coswig auf Rattenjagd.
Die grün-gelbe Box heißt Toxprotect. Mit ihr gehen die Mitarbeiter der Wasserwirtschaft in Radebeul und Coswig auf Rattenjagd. © Arvid Müller
Seit knapp einem Jahr gehen die Mitarbeiter der Wasserwirtschaft in Radebeul und Coswig auf Rattenjagd und das an 25 Kanaleinstiegen. Erste Erfolge, wie hier am Damaschkeweg in Radebeuls Osten zeichnen sich ab.
Seit knapp einem Jahr gehen die Mitarbeiter der Wasserwirtschaft in Radebeul und Coswig auf Rattenjagd und das an 25 Kanaleinstiegen. Erste Erfolge, wie hier am Damaschkeweg in Radebeuls Osten zeichnen sich ab. © Arvid Müller

Aller 14 Tage lesen die Männer aus, wie viele Tiere hier in die grüne Box geschlüpft sind und an einem Köder genagt haben. Am Damaschkeweg sind es bis zu 50 in zwei Wochen. Von den neuen Geräten gibt es 15 in Radebeul und zehn in Coswig. Die fränkische Firma ball-b GmbH & Co KG hat sie konstruiert. Das Neue daran ist zum einen, der Köder hängt nicht mehr an einem Draht im Kanal, die Ratte frisst daran, Gift bröckelt runter und wird mit dem Abwasser Richtung Elbe gespült. Wenn das Tier jetzt dran nagt, fallen die Köderkrümel in den Behälter, in den die Ratte – angelockt – gekrochen ist.

Das Prinzip erklärt Jürgen Buchstaller, Geschäftsführer der bayerischen Firma: „Die Ratte wird durch einen Köder im Innern angezogen. Im Gerät, welches sich Toxprotect nennt, ist eine schmale Öffnung am Boden. Dort kriecht die Ratte rein. Von einem Sensor wird alles gezählt, was in den Eimer reingeht.“

Neben dem Zählen kann aus der gelben Box das Zählsignal auf bis zu vier Meter Entfernung nach oben gesendet werden. Die Männer von der WAB R+C können, ohne den Kanaldeckel zu öffnen, feststellen, wie viele Tiere hier vorbeigekommen sind.

Verteilt über ganz Radebeul und Coswig haben die Wasserwirtschaftsleute diese neuen Geräte, die seit April 2017 im Einsatz sind. Und zwar vor allem dort, wo sie viele Rattenfamilien vermuten.

Jetzt, nach fast einem Jahr, ziehen Ralf Baar und seine Leute erste Bilanz. „Es gibt Stellen in Radebeul und Coswig, wo bis zu 50 Tiere in zwei Wochen registriert wurden. An anderen, wo wir mehr vermuteten, waren es nur ganz wenige.“

Etwa am Lachenweg in Coswig, wo das erste Toxprotect-Gerät im April 2017 nördlich vom Wohngebiet Dresdner Straße eingebaut wurde. Hier hatten die Installateure, wegen der dichten Besiedlung und daraus zu schließender Abfälle im Kanalisationswasser, mit einer größeren Rattenpopulation gerechnet. Das war aber nicht so, wie das Zählgerät belegt. Nun werde überlegt, einzelne Boxen in andere Kanalstellen umzusetzen, um weiter zu testen und Regionen mit Rattenbefall einzukreisen.

Auch ist von den Ingenieuren aus Franken, den Entwicklern der Geräte, eine Neuigkeit gekommen. Ralf Baar: „Für die Zähl- und Übertragungstechnik gibt es eine bessere Software, die gerade eingesetzt wird.“ Das neue Programm ermöglicht eine deutlichere Erfassung beim Auslesen und schone auch die Batterien im Innern der Geräte mehr als die Vorgängerelektronik. Etwa nach einem halben Jahr musste bisher die Batterie, eine handelsübliche, gewechselt werden.

Dafür, wie auch zum Erneuern der abgefressenen Köder, müssen die Männer aber dennoch in den Kanal steigen. Wie oft zum Köderwechseln, das richtet sich nach der Anzahl der Ratten, die dran gefressen haben. Mit den Auswerteergebnissen der letzten Monate wissen die Männer jedenfalls schon ein ganzes Stück mehr als ohne die Technik.

Drei bis vier Wochen brauchen die Ratten, um sich an die Neuigkeit im Kanal zu gewöhnen, sagt Toxprotect-Entwickler Buchstaller. Dann kriechen sie rein und fressen am Köder. Der neue Köder ist auch so präpariert, dass die Ratte nicht sofort krepiert, sondern erst nach etwa fünf Tagen. Bis dahin gibt sie Signale an die Artgenossen, dass es hier was Fressbares zu holen gibt.

Der Ingenieur hat nach viereinhalb Jahren Entwicklungszeit und einem halben Jahr Testlauf in mittlerweile 40 deutschen Städten die Geräte installiert. In Sachsen beispielsweise auch in Dresden und in Oschatz. Die geringere Giftdosierung, so der Erfinder des Toxprotect-Geräts, sorgt dafür, dass auch bis zu 70 Prozent weniger Rattengift ins Abwasser und die Elbe gelangt als bisher.

In Radebeul und Coswig, so die Schätzung, kommen auf einen Bewohner eine Ratte. In Dresden sollen es sogar vier je Einwohner sein, also bis zu zwei Millionen Ratten. Nudeln, Kartoffeln, Fleischreste in der dort 1800 Kilometer langen Kanalisation lassen die Rattenfamilien gedeihen – und möglicherweise auch in Nachbargebiete übersiedeln, wie eben den Damaschkeweg nahe Kaditz.

Die Dresdner, wie auch die Radebeuler und Coswiger überlegen noch – trotz des Erfolges – ob sie weitere Toxprotect-Geräte aus Franken kaufen. Immerhin kostet eins rund 400 Euro. Ralf Baar: „Wir werden jetzt noch etwa ein Vierteljahr testen und dann Entscheidungen treffen.“