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Ermittlungen wie beim Sachsensumpf

Der Verfassungsschutz hat wieder in Sachen Missbrauch ermittelt – und ist dabei einem übereifrigen Betreuerauf den Leim gegangen.

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Von Alexander Schneider

Fast vier Jahre nachdem die schweren Vorwürfe gegen einen Kinderschänder bekannt geworden waren, wurde der Täter gestern verurteilt. Peter J. (49) hat nach Überzeugung des Landgerichts Dresden ein zwölf Jahre altes Mädchen, die Tochter seiner früheren Partnerin, in mindestens zwei Fällen schwer sexuell missbraucht.Die Taten geschahen zwischen Herbst 2002 und Frühjahr 2004, immer wenn das Kind besuchsweise bei J. war.

Bekannt wurde der Missbrauch jedoch erst Ende 2006 – als sich der Betreuer des psychisch schwerkranken Mädchens mit abenteuerlichen Vorwürfen an den Verfassungsschutz gewandt hatte. Er berichtete von einem organisierten Kinderschänderring, dem angeblich zahlreiche Polizeibeamte angehörten. Was folgte, waren keine „normalen“ Ermittlungen mehr. Die Sache genoss höchste Priorität, auch wenn die Aufklärung im Stillen stattfand. Das Bundeskriminalamt (BKA) rückte an, um zu verhindern, dass hiesige Polizisten gegen sich selbst ermitteln.

„Unsägliche Aussage“

Der Fall erinnert an andere Vorfälle, die erst später, Mitte 2007, als „Sachsensumpf-Affäre“ bekannt wurden – darunter der angebliche Missbrauch von Mädchen in einem Leipziger „Kinderbordell“ durch hochrangige Richter und Staatsanwälte. Beide Fälle hatten in der Abteilung für organisierte Kriminalität im sächsischen Landesamt für Verfassungsschutz ihren Anfang genommen. Nur ein Zufall? Weder Schlapphüte des Verfassungsschutzes noch BKA-Ermittler fanden auch nur den geringsten Hinweis, dass an dem Verdacht des – inzwischen entlassenen – Betreuers etwas stimmen könnte. Die Ermittlungen wurden längst eingestellt.

Was blieb, war das Verfahren gegen den alkohol- und krebskranken Peter J., das wegen der Suche nach dem angeblichen Schänderring so lange auf Eis lag. Er hatte schon im November 2006 weit mehr Missbrauchsfälle, als nun angeklagt waren, überraschend offen gestanden.

Michaela Kessler, Vorsitzende Richterin der Jugendschutzkammer, verurteilte ihn, wie von Staatsanwalt Christian Avenarius und Verteidigerin Ines Kilian gefordert, zu einer Freiheitsstrafe von nur zwei Jahren auf Bewährung. Strafmildernd wertete das Gericht dabei auch die, so wörtlich, „unsägliche Aussage“ des Betreuers.