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Feuilleton

Ernsthafte, inklusive Kunst

Brasilianisches Feuer und österreichische Herzlichkeit: Eine Tanzperformance verzaubert das Projekttheater.

Tänzer aus Brasilien und Österreich überzeugten am Montagabend mit einer inklusiven Werkschau. © Julius Zimmermann

Warum wird inklusive Bühnenkunst immer noch so wenig ernst genommen? Kaum stellt sich jemand mit Handicap auf die Bühne, sind die verniedlichenden Stimmen nicht weit. Es sei toll, wie viel Spaß sie hätten. Dieser Mut, sich auf die Bühne zu stellen, wäre so bewundernswert! Dass solche Projekte auch harten künstlerischen Kriterien standhalten, zeigten die Tänzerinnen und Tänzer von "Ich bin OK" aus Österreich und "Paraopeba Cie. De Dança" aus Brasilien. Während die Südamerikaner aus einem sozial-inklusiven Projekt stammen, haben die österreichischen Künstler das Down-Syndrom.

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Bei der letzten Tanzwoche 2018 hatten sich die beiden Compagnies kennen und lieben gelernt. Nun kam es zum Wiedersehen bei der diesjährigen Tanzwoche und zu dem unbedingtne Wunsch, gemeinsam einen Abend zu gestalten. "Sedimente - Konglomerate und Aktionen" hieß der am Montag im Projekttheater. Während der ganzen Woche hatten die beiden Gruppen nur wenige Tage zum gemeinsamen Proben gehabt. Doch die wurden augenscheinlich intensivst genutzt: Am Ende stand eine beeindruckend choreografierte Tanzvorstellung.

Dabei hatten beide Gruppen ganz eigene Aufgaben: Auf der gänzlich leeren Bühne wirkten die insgesamt zehn Brasilianer als Masse, die mit kraftvollen, rhythmischen Bewegungen zwei österreichische Tänzer umspülte. Die Frau und der Mann spielten anfangs das beliebte Spiel, einen Luftballon nur zwischen beiden Köpfen zu tragen. Dadurch eingeschränkt entsprachen sie erst einmal dem Klischee der kleinen, geistig beeinträchtigten Menschen, besonders im Kontrast zu den kraftvollen, synchronisierten Bewegungen der sie umgarnenden Brasilianer.

Doch die anfängliche Anmutung täuscht. Der Ballon platzt und die beiden Tänzer setzen zu einem beeindruckenden Duett an. Hinweggefegt sind die ersten Eindrücke der Zuschauer, ein offensichtlich sehr bewusst gesetzter Wendepunkt. Nebenbei ziehen beide ihr Hemd aus - er trägt ein weißes und sie ein bunt kariertes - und offenbaren darunter ein T-Shirt mit aufgemalten Herzen. Mit dieser Befreiung fügen sie sich in die sie umgebenden Tänzer ein und setzen alle zusammen zur Schlusschoreografie an.

Bei der Zugabe am Ende wird schließlich auch das Publikum zum Tanzen aufgefordert, gut die Hälfte kommt der Bitte nach. Doch auch die Übrigen sind begeistert und spenden Applaus. In der Euphorie schnappt sich der Österreicher seine Partnerin und gibt ihr einen Kuss. Vergessen ist die Debatte um Inklusion und Chromosomen. Hier bleibt nur ein Paar übrig, das eine gelungene Premiere feiert.

Zum Abschluss der Tanzwoche ist die brasilianische Compagnie noch einmal an den Landesbühnen Radebeul zu Gast. Dort zeigen sie am 2. Mai eine Performance gemeinsam mit dem dortigen Tanzensemble.