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Betrogen und als Geldbote eingesetzt

Trickbetrüger haben seit März über 100 000 Euro von vier Rentnern erbeutet. Die Polizei befürchtet mehr Fälle und warnt vor der perfiden Masche.

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© Alexander Schneider

Von Alexander Schneider

Jemanden davon zu überzeugen, sein ganzes Geld von der Bank abzuheben, weil es dort angeblich nicht sicher ist – dazu gehört schon einiges an Überzeugungskraft. Einer Bande von Trickbetrügern ist das seit Mitte März in Dresden schon mindestens viermal gelungen. Ihre Opfer: betagte Rentner mit prall gefülltem Konto. Ihre Masche: Dutzende Telefonate von verschiedenen Tätern in verteilten Rollen – sie geben sich als Polizisten aus, die gegen „Ausländer“ ermitteln. Mal behauptet einer, der andere sei ein Betrüger, den man mithilfe der Angerufenen auf frischer Tat stellen müsse.

Einen Trickbetrug dieses Ausmaßes hat die Dresdner Polizei noch nicht erlebt. Die „echten“ Beamten berichten nun, dass die falschen Polizisten ihren Opfern am Telefon den Eindruck vermittelt hätten, sie stünden kurz vor einer Festnahme. Im Hintergrund seien Martinshörner zu hören, Stimmengewirr oder das Durchladen von Waffen. „Zugriff jetzt!“ habe der Anrufer seinen angeblichen Kollegen zugerufen – und sagt dann zu der Rentnerin, man habe gerade eine Bande festgenommen.

Die Täter lassen sich Zeit, suchen über Tage immer wieder das Gespräch, fragen alle wichtigen Daten ab: Art der Konten auf welchen Banken und die Höhe der Beträge. Vier Fälle sind seit Mitte März bekannt. Die Täter erbeuteten dabei Summen von 20 000 bis 60 000 Euro. Beim Versuch blieben zwei weitere Fälle, bei denen die Angerufenen den Schwindel bemerkten. Bis zu 130 000 Euro hatten die Täter gefordert.

Die Ermittlungen stehen am Anfang. Hauptkommissar Steffen Schmieder sagt, die Masche sei vergleichbar mit den „Gewinnversprechen“. Auf der Telefonanzeige der Rentner erscheine die Nummer der Dresdner Polizei, tatsächlich jedoch säßen die Gauner im Ausland – in professionellen Call-Centern, möglicherweise in der Türkei. „Call ID Spoofing“ nennt sich das Vortäuschen falscher Telefonnummern, etwa bei Anrufen über das Internet.

„Perfide“ nennt Schmieder, was bei der Geldübergabe passiert: Die falschen Ermittler gaukeln ihren Opfern vor, das Geld müsse markiert werden, um den Tätern die Tat nachzuweisen. Die Übergabe des Umschlags erfolgt an eine ältere Frau, angeblich eine „verdeckte Ermittlerin“. Während die Betrogenen hoffen, ihr Geld zurückzubekommen, werden auch sie als „verdeckte Ermittler“ eingesetzt, um Umschläge bei neuen Opfern abzuholen und zu verschicken. Das belegt ein von den Tätern gefälschtes Schreiben des Bundeskriminalamtes an eine Rentnerin. „So werden Opfer gezielt zu Mittätern gemacht und haben noch mehr Angst davor, zur Polizei zu gehen“, sagt Schmieder. Er spricht von einer „völlig neuen Dimension“.

Die Polizei geht davon aus, dass es noch mehr Geschädigte gibt – Menschen, die noch nicht den Mut hatten, sich ihren Angehörigen und der Polizei anzuvertrauen. „Vielen ist es peinlich, auf die Betrüger hereingefallen zu sein – und müssen ihrer Familie erklären, dass das Erbe weg ist“, sagt Schmieder. Die Polizei rät zu einem gesunden Misstrauen. Man sollte Fremden nie Informationen zu seiner finanziellen Situation herausgeben. Das Geld sei auf Banken sicher aufgehoben. Im Zweifel sollte man immer die Polizei informieren.