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Erst Cans Rot, dann Gündogans Doppelpack

Die deutschen Fußballer machen sich in Estland das Leben schwer. Sie müssen in Unterzahl hart für den Erfolg arbeiten. Außerdem fehlt ihr Torgarant.

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Ilkay Gündogan (links) hat bei seinen beiden Toren das Glück, das Marco Reus bei seinem Freistoß fehlt.
Ilkay Gündogan (links) hat bei seinen beiden Toren das Glück, das Marco Reus bei seinem Freistoß fehlt. © dpa/Federico Gambarini

Tallinn. Ilkay Gündogan scherzte mit seinen Mitspielern, applaudierte den mitgereisten deutschen Fans und verschwand kommentarlos. Nach einem denkwürdigen Länderspiel war der Fußball-Nationalspieler zwar bester Stimmung. Reden wollte er aber nicht. Vor dem Anpfiff hatte der 28-Jährige mit einem umstrittenen Instagram-Like noch für Wirbel gesorgt. Dann brachte er mit seinem ersten Doppelpack die DFB-Auswahl auf EM-Kurs.

Nach der schnellsten Roten Karte in der deutschen Länderspielgeschichte schwang sich Gündogan mit zwei abgefälschten Schüssen beim mühsamen 3:0-Sieg am Sonntagabend in Tallinn gegen Estland zum Matchwinner auf. "Es war ein schweres Stück Arbeit, keine Frage", sagte Bundestrainer Joachim Löw, während Gündogan schwieg. "Wir mussten uns erst mal fangen. In der zweiten Halbzeit hat es die Mannschaft gut gemacht. Wir sind nicht nervös geworden und haben die Tore erzielt."

Nach dem frühen Platzverweis gegen Emre Can aufgrund einer Notbremse (14.) gerieten die Gäste ins Straucheln. Doch Gündogan brach vor 12.062 Zuschauern den Bann, als Marco Reus seinen Distanzschuss unhaltbar ablenkte (51.). Beim zweiten Treffer sechs Minuten später prallte der Ball von einem Abwehrspieler ins Tor. Das 3:0 durch den eingewechselten Timo Werner bereitete Gündogan mit einem klugen Pass vor (71.).

"Wir spielen nach einer Viertelstunde in Unterzahl", sagte Kapitän und Torhüter Manuel Neuer. "Dann ist alles schwieriger. Man muss sich neu orientieren. Ich fand die Leistung deshalb nicht blamabel." Ohne ihren angeschlagenen Torgaranten Serge Gnabry agierte die deutsche Mannschaft aber lange Zeit sehr einfallslos und unkonzentriert. Vor der Pause hatte Reus mit einem Freistoß ans Lattenkreuz auch noch Pech (40.).

Löws Team zog dadurch im Fernduell um den Gruppensieg nach. Der punktgleiche Erzrivale Niederlande hatte ein 2:1 in Weißrussland vorgelegt. Der Tabellendritte Nordirland, letzter deutscher Gegner in der Qualifikation am 19. November in Frankfurt am Main, liegt jetzt drei Zähler zurück. Torjäger Gnabry, der in seinen ersten elf Länderspielen zehn Treffer erzielt hatte, fiel kurzfristig wegen muskulärer Beschwerden aus - als 13. Spieler. "Wir wollten kein Risiko eingehen", sagte Löw.

Umstrittene Instagram-Likes lösen Wirbel aus

Gündogan und Can hatten vor dem Spiel mit Likes eines umstrittenen Jubelbildes der türkischen Elf im sozialen Netzwerk Instagram für Aufregung gesorgt. Einen politischen Hintergrund stritten beide ab. Beim 1:0-Sieg am Freitagabend gegen Albanien hatten mehrere türkische Nationalspieler in Richtung Ehrentribüne salutiert. Hintergrund ist die am Mittwoch gestartete Offensive der Türkei gegen die Kurdenmiliz in Nordsyrien.

Nach knapp einer Viertelstunde war Löws Plan über den Haufen geworfen. Nach einem ungenauen Zuspiel des Münchner Abwehrchefs Niklas Süle grätschte Can seinen Gegenspieler Frank Liivak an der Strafraumgrenze um und sah zu Recht Rot. Gegenüber dem 2:2 im Duell am Mittwoch gegen den zweifachen Weltmeister Argentinien waren Neuer sowie die angeschlagenen Gündogan und Reus in die Startelf zurückgekehrt.

"Viel Bewegung und schnelle Ballpassagen", hatte Löw gegen den Weltranglisten-102. gefordert. "Wir haben sie daheim 8:0 geschlagen. Doch es ist kein Selbstläufer." Can hatte zwar nach einer Hereingabe von Gündogan schon in der 4. Minute die erste Torchance, doch richtig zu Herzen nahm sich die DFB-Elf die Worte ihres Trainers nicht. Reus versuchte, auf der Zehn das Offensivspiel zu ordnen. Die Pässe waren zu ungenau.

Die Esten, die am Donnerstag beim 0:0 in Weißrussland ihren ersten Punkt geholt hatten, wurden in Überzahl mutiger. Karol Mets nutzte die Unordnung in der deutschen Hintermannschaft, schoss aber über das Tor (18.). Löw wütete an der Seitenlinie und wurde auch in der zweiten Hälfte nicht ruhiger, als Gündogan innerhalb von sechs Minuten doppelt zuschlug. Werner machte eine Viertelstunde später alles klar. (sid)