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Deutschland & Welt

Erst gejagt, dann gegessen

Das Schuppentier ist das weltweit am häufigsten gewilderte und illegal gehandelte Tier – noch weit vor dem Nashorn.

Ein Schuppentier-Männchen wird im Phinda-Reservat auf seine Freilassung vorbereitet. Im Wettlauf mit der Zeit versucht eine Gruppe von Naturschützern im Osten Südafrikas, eine neue Schuppentierpopulation aufzubauen.
Ein Schuppentier-Männchen wird im Phinda-Reservat auf seine Freilassung vorbereitet. Im Wettlauf mit der Zeit versucht eine Gruppe von Naturschützern im Osten Südafrikas, eine neue Schuppentierpopulation aufzubauen. © Will Clothier/ andBeyond/dpa

Von Kristin Palitza

Wie ein Ball können sie sich zusammenrollen. Sie fressen Insekten. Vier Arten leben in Asien. Doch sie alle sind bereits vom Aussterben bedroht. Und in Afrika geraten die vier dort lebenden Arten zunehmend ins Visier der Wilderer. Alle fünf Minuten fällt ein Schuppentier der Wilderei zum Opfer, wie die Gelehrtengesellschaft Zoological Society of London (ZSL) bilanziert.

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Im Wettlauf mit der Zeit versucht eine Gruppe von Naturschützern in einem Wildreservat im Osten Südafrikas in der Provinz KwaZulu-Natal, eine neue Schuppentierpopulation aufzubauen und die Spezies vor dem Aussterben zu retten. Das Projekt ist bisher weltweit einzigartig. „Es ist das erste Mal – in Südafrika, in Afrika und weltweit –, dass Schuppentiere in einem Gebiet wieder angesiedelt wurden, in dem sie ausgestorben waren“, sagt Simon Naylor, Manager des privaten PhindaReservats, in dem die Wiederansiedlung geschieht.

Pangoline werden auch liebevoll als „wandelnde Kiefernzapfen“ oder „Artischocken mit Schwanz“ bezeichnet. Ihre Schuppen sind in der asiatischen Medizin, aber auch in der afrikanischen heiß begehrt. Doch wie das Horn von Nashörnern bestehen auch sie nur aus Keratin, demselben Material wie die Fingernägel des Menschen. Vor allem die Nachfrage aus China und Vietnam nach Produkten aus Schuppentieren treibe diese Wilderei voran, schreibt die ZSL auf ihrer Homepage. Allerdings will Vietnam nun den Wildtierhandel beenden: Künftig sind sowohl der Import bedrohter Arten wie Pangoline und Zibetkatzen verboten als auch der Handel auf Wildtier-Märkten, heißt es laut Tierschutzorganisationen in einem Dekret von Regierungschef Nguyen Xuan Phuc von Mitte Juli.

Ein Schuppentier schnuppert an einem Kunstrasen.
Ein Schuppentier schnuppert an einem Kunstrasen. © Sakchai Lalit/AP/dpa

Was den Pangolinen überdies zum Verhängnis wird: Das Fleisch der Schuppentiere wird allen voran in Asien als eine Delikatesse angesehen. Eine Schale PangolinFötus-Suppe kostet dort in einigen Teilen des Kontinents etwa 2.500 Dollar (etwa knapp 2.200 Euro), wie Phinda-Mitarbeiter Charli de Vos weiß. In China gibt es die Schuppentiere auf jedem großen Wildtiermarkt. Auch in Wuhan, zumindest bis Ende 2019. Dort soll das Coronavirus einst von den Fledermäusen kommend über den Zwischenwirt Gürteltier bis auf den Menschen übergesprungen sein. Seitdem ist das Virus als Pandemie in der Welt.

Mehr als eine Million der niedlichen Säugetiere wurden in den vergangenen zehn Jahren gewildert – mehr als Nashörner, Elefanten und Tiger zusammen, so die ZSL. Niemand weiß, wie viele der einzelgängerischen, nachtaktiven Lebewesen noch in freier Wildbahn leben, aber Ökologen sagen, dass ihre Zahl schnell abnimmt. Neben der Wilderei sind die afrikanischen Schuppentiere auch durch den Verlust ihres Lebensraums, den lokalen Handel mit Buschfleisch und die Verwendung ihrer Schuppen in der traditionellen afrikanischen Kleidung bedroht.

"Völlig traumatisiert“

Das Projekt im Phinda-Wildreservat, wo das letzte Mal 1984 ein wildes Schuppentier gesichtet wurde, hat vor Kurzem sein achtes Steppenschuppentier (Smutsia temminckii) ausgesetzt. Die Tiere mit der langen Schnauze, die sich gerne von Ameisen und Termiten ernähren, wurden alle aus den Händen von Wilderern oder illegalen Wildtierhändlern in ganz Südafrika gerettet. Die Wilderer behandeln die bedrohten Tiere oftmals mehr als schlecht: Einige werden in Holzkisten oder Käfigen so eng verfrachtet, dass sie sich tagelang nicht aus ihrer zusammengerollten Position entfalten können. Andere werden in Säcken transportiert. Sie werden gestoßen, fallen gelassen und herumgetreten.

„Sie sind nicht nur dehydriert, ausgehungert und abgemagert, sie sind auch völlig traumatisiert“, erklärt Nicci Wright, Direktorin des Johannesburg Wildlife Veterinary Hospital, die die geretteten Schuppentiere behandelt. Die Tiere müssen langsam und vorsichtig an ihren neuen Lebensraum in dem Reservat herangeführt werden.

Sie schlafen zunächst in speziell dafür vorgesehenen Kisten im Haus und werden nur für einige Stunden freigelassen, in denen die Tierschützer ihnen folgen und sie beobachten. Sobald sie sich an ihre neue Umgebung gewöhnt haben und gut ernährt sind, werden die Schuppentiere mit Satellitensendern versehen und weiterhin rund um die Uhr von einer Anti-Wilderer-Einheit und einem Naturschutzteam überwacht – alles, um ihr Überleben zu sichern.

Simon Naylor (l.) vom Phinda-Reservat und Rehabilitationsspezialistin Nicci Wright schauen nach den freigelassenen Schuppentieren. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, diese Spezies vor dem Aussterben zu retten.
Simon Naylor (l.) vom Phinda-Reservat und Rehabilitationsspezialistin Nicci Wright schauen nach den freigelassenen Schuppentieren. Viel Zeit bleibt ihnen nicht, diese Spezies vor dem Aussterben zu retten. © Anton van Niekerk/Perfect Directions /dpa

„Wenn das Projekt erfolgreich ist, könnte es eine Keimzelle werden, aus der weitere Populationen dieser bedrohten Art entstehen könnten“, sagt Naylor. Es gab aber auch schon Rückschläge. Zwei der acht geretteten Tiere haben nicht überlebt: Eines wurde von einem Krokodil gefressen, das andere starb an Bilharziose. „Das Projekt läuft aber trotzdem viel besser als erwartet“, sagt de Vos. „Die Überlebensrate liegt gewöhnlich bei eins zu fünf, es geht ihnen also besser, als man es für möglich gehalten hätte.“

Letztlich hoffen die Naturschützer, dass die Schuppentiere sich wohl genug fühlen, um sich zu paaren. Damit könnte dann die Population langsam wieder wachsen. Die Tierschützer sondieren derzeit ein benachbartes Reservat, das sie als zusätzliches Auswilderungsgebiet nutzen wollen. Im Phinda-Reservat haben etwa 20 Tiere Platz. Ray Jansen, Vorsitzender der African Pangolin Working Group (APWG), beschreibt das Projekt als „eine entscheidende Studie“. Er hofft, dass es zu einer Reihe von Richtlinien und bewährten Praktiken führen wird, die von anderen Rehabilitationsprojekten weltweit angewendet werden können. „Jedes einzelne Schuppentier zählt“, sagt auch de Vos. „Wenn du nicht eins nach dem anderen rettest, werden sie irgendwann verloren sein.“ (dpa)

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