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Erste Bewährungsprobe für Görlitzer Wolfsberater

Vor dem Abschuss eines Wolfs in Niedersachsen gab es ein Gutachten aus der Oberlausitz.

© NLWKN/Konstantin Knorr

Von Irmela Hennig

Am Ende war es ein gezielter Schuss, der das Leben von Kurti beendete. Der Wolf vom Truppenübungsplatz bei Munster in Niedersachsen war am Mittwochabend getötet worden. Monatelang ist das Tier Spaziergängern, Wohngebieten und Hunden zu nahe gekommen und zeigte keine Scheu vorm Menschen.

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Die Entscheidung zum Abschuss hat zwar das niedersächsische Umweltministerium getroffen. Doch zuvor gab es ein Gutachten vom neuen bundesweit zuständigen Wolfsberatungszentrum. Das sitzt in Görlitz. Hauptverantwortlich ist Professor Hermann Ansorge vom Senckenbergmuseum für Naturkunde. Er arbeitet zusammen mit verschiedenen anderen Einrichtungen wie dem Lupus-Institut für Wolfsmonitoring und -forschung in Deutschland, zu dem die Wissenschaftlerinnen Gesa Kluth und Ilka Reinhardt gehören, und mit dem Leibniz Institut für Zoo- und Wildtierforschung in Berlin. Dorthin wurde das tote Tier inzwischen auch gebracht – zur Untersuchung. Danach geht es, anders als in Sachsen zu Tode gekommene Wölfe, übrigens nicht ans Görlitzer Senckenbergmuseum. „Aber vielleicht können wir es für Forschungsarbeiten ausleihen“, sagt Hermann Ansorge.

Im Gutachten des von ihm geleiteten Wolfsberatungszentrums wird die Tötung des Wolfsrüden empfohlen. Hintergrund ist unter anderem, dass der Wolf eben keine Scheu zeigt und auch der Versuch, ihm wieder Scheu anzugewöhnen, nicht geglückt ist. Kurti, der ein Sendehalsband trug, war zwei Jahre alt. „Zu jung, um schon Nachwuchs zu haben“, so Ansorge. Deswegen ist kein Rudel durch seinen Tod im Bestand gefährdet. Zwischenzeitlich hatte das niedersächsische Umweltministerium überlegt, den Wolf in ein Gehege zu bringen. Das hatten die Gutachter aus Görlitz aber kritisch gesehen. Denn ein wildlebender Wolf gewöhnt sich kaum an die Gefangenschaft. „Aus den Daten vom Sendehalsband konnten wir ablesen, dass der Rüde seinen Radius im Laufe eines Jahres immer mehr vergrößert hat“, sagt Hermann Ansorge. Er hatte also viel Bewegung. Die könnte ein Gehege nie bieten. Erfahrungen aus der Vergangenheit bestätigen, dass gefangene Wölfe immer unter Stress stehen. Vor einigen Jahren waren in Sachsen zwei Wolf-Hund-Mischlinge, sogenannte Hybride, eingefangen worden. Sie kamen in ein Gehege im Nationalpark Bayrischer Wald. Dort hatten sie sich aber wohl, eben durch Stress, am Gatter verletzt. Sie sind schließlich gestorben. Auch ein blinder Welpe, der 2008 in Wittichenau gefangen wurde und in ein Gehege kam, sei in Gefangenschaft nie wirklich zur Ruhe gekommen. Er wurde eingeschläfert.

Für das neue Wolfsberatungs- und Informationszentrum, das seit Jahresbeginn im Aufbau ist, war der Fall von Munster die erste große Herausforderung. Und es war die erste Aufgabe dieser Art für die Einrichtung. Die werde bereits gut angenommen. Hermann Ansorge spricht von mehreren Anfragen pro Woche. Eine genaue Zahl lässt sich noch nicht nennen. Noch fließen die Fragen und Aufgaben über verschiedene Kanäle. Inzwischen gibt es aber eine zentrale E-Mail-Adresse. Die ist aber nur für Behörden, Ministerien und Fachgremien gedacht. Das Zentrum hilft dann beispielsweise, wenn es Fragen gibt zur Genetik und zum Alter von Wölfen oder zum Umgang mit problematischen Tieren. Außerdem soll es alles zum Wolf dokumentieren, was in Deutschland geschieht – seien es neue Rudel, tote Tiere, illegale Abschüsse oder besondere Verhaltensweisen.

Noch nicht wirklich geklärt ist, warum Kurti keine Scheu vor Menschen gezeigt hat. Es wird vermutet, dass der Wolf als Jungtier gefüttert worden ist. Davor aber warnt Niedersachsens Umweltminister Stefan Wenzel ganz ausdrücklich. Die Bevölkerung solle alles vermeiden, wodurch sich ein Wolf an Futter aus Menschenhand gewöhnen kann. In der Oberlausitz ist solch ein Fall von Anfüttern nicht bekannt. Auch einen „Problemwolf“ wie Kurti gab es bisher nicht, weiß man im Kontaktbüro Wolfsregion Lausitz in Rietschen. Der Welpe aus Wittichenau, der ebenfalls kaum Scheu vor Menschen zeigte, war krank. Dieser Fall ist nicht mit Kurti vergleichbar.