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Deutschland & Welt

"Es fliegen sogar noch Schlüpfer"

Peter Kraus, der erste deutschsprachige Rock ’n’ Roll-Star, wird 80 und gibt auf der Bühne weiter Gas. Bald auch in Dresden. 

Peter Kraus feiert seinen 80. Geburtstag. Bald ist er in Dresden live zu erleben. © imago/SKATA

Weiter, immer weiter. Am 18. März wird Peter Kraus 80 Jahre alt, doch der Mann, der einst als Teenager den Rock ’n’ Roll in den deutschsprachigen Raum brachte, denkt gar nicht daran, sich aufs Altenteil zurückzuziehen. Lieber rüstet sich der in München geborene Österreicher für seine nächste große Tournee. Und beim Interview wird schnell klar, dass ihm der Schalk im Nacken sitzt.

Herr Kraus, Sie waren in den 50ern mit dafür verantwortlich, dass der Rock ’n’ Roll auch in Deutschland populär wurde. Was war der Rock ’n’ Roll genau für Sie?

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Wenn Maschinen denken

In Hollywoodfilmen übernehmen Roboter schon mal die Weltherrschaft. Künstliche Intelligenz als Horrorszenario. Die Realität ist jedoch nicht weniger spektakulär. An der TU Dresden beginnen Supercomputer zu lernen.

Ein richtiger Aufstand. Eine Revolution. Plötzlich mussten wir nicht mehr die Musik unserer Eltern hören, sondern hatten eigene Hits. Ich habe den Rock ’n’ Roll mit 15 entdeckt und war sofort begeistert. Mit 16 wollte ich eine Band gründen. Es gab noch nicht mal E-Gitarren, also habe ich mir meine erste Gitarre selbst gebastelt, mit einem zum Verstärker umgebauten Radio. Das war ein Riesenspaß. Dass ich im reifen Alter noch auf der Bühne stehen und Rock ’n’ Roll-Songs singen würde, hat sich damals keiner vorstellen können – ich auch nicht. Doch ich bin immer zu dieser Musik zurückgekommen, und nach wie vor gefällt sie mir besser als alles andere.

Wird die Rockmusik mit Ihnen alt?

Ich sehe das nicht so dramatisch. Es gibt immer noch viele junge Leute, die in Rockbands spielen. Rock ’n’ Roll ist heute eine etablierte Musikrichtung wie Blues und Jazz. Aussterben wird er sicher nicht.

Was läuft bei Ihnen im Auto für Musik?

Gar keine! Ich kann mich beim Musikhören nicht auf andere Dinge konzentrieren. Untermalungsmusik läuft bei uns zu Hause nicht, und im Auto schon gar nicht. Ich mag Ruhe. Ich meide auch Kaufhäuser, in denen man mit Musik berieselt wird.

Also muss Ihre Frau einkaufen gehen?

Die mag das auch nicht.

Warum sind so viele Lieder aus der damaligen Zeit Klassiker geworden?

Mein Produzent sagte immer: Einen Hit erkennst du daran, dass du ihn auch auf einem Kamm blasen kannst. Früher war die Melodie das Entscheidende, heute geht es vor allem um technischen Firlefanz. Alles muss Remmidemmi sein, egal, ob Protestsong oder schnulzige Liebesballade.

Auch Ihre gleichaltrigen Kollegen wie Tom Jones, Cliff Richard, Rod Stewart oder Adriano Celentano sind nach wie vor aktiv. Warum macht denen und Ihnen das Älterwerden so wenig aus?

Wir sind gute Jahrgänge. Aufgewachsen mit viel Schwung und einem positiven Lebensgefühl. Der Krieg war noch nicht lange vorbei, wir wollten etwas aufbauen und mit Ehrgeiz, Fleiß und Disziplin viel erreichen. Die Aufbruchstimmung in den 50er-Jahren hat mich stark geprägt.

Sie sagen Aufbruchstimmung, heute spricht man auch oft vom Mief der Fünfziger. Wie haben Sie das damals empfunden?

Es heißt ja heute oft, die Fünfziger seien prüde gewesen, aber das stimmt nicht. Wir hatten unseren Spaß. Man hat eben nur nicht alles an die große Glocke gehängt, sondern einfach den Mund gehalten. Früher gab es noch Geheimnisse. Heute weiß ja durch Internet und Handys immer sofort jeder über alles Bescheid. Schrecklich. Also, die Fünfziger waren eine wilde Zeit.

Gab es eigentlich schon Drogen?

Nein, die Zeit war sehr clean. Wir haben uns auf den Alkohol beschränkt.

Ein Traum für einen Teenager, so ein Leben wie Ihres.

Ja, schon. Ich habe das genossen. Heute hast du ja schon Neunjährige, die werden auf Youtube schwerreich. Aber damals war so eine Karriere für einen 16-Jährigen eine Sensation. Ich habe so viele schöne Erinnerungen an diese Zeit, auch an meine Arbeit als Schauspieler. Größen wie Heinz Rühmann und Hans Albers waren gewissermaßen meine Lehrer.

Peter Kraus (r.), 1956 bei einer Rock-Party mit Freunden. © dpa

Vor fünf Jahren tourten Sie unter dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“. Jetzt folgt „Die Große Jubiläumstour“. Haben Sie es aufgegeben, Ihren Abschied von der Bühne zu verkünden?

Die Fans lassen mich nicht aufhören! Vor fünf Jahren dachte ich wirklich daran, es ausklingen zu lassen. Aber dann kam die Idee, eine Tournee mit meinen liebsten Klassikern aus den 50ern und 60ern zu machen, darunter Stücke von Bill Ramsey, Tom Jones oder Vico Torriani und natürlich auch einige von mir. Es macht mir wahnsinnig viel Spaß, die alten Lieder zu singen. Im Programm werden wir auch „Die Straße der Vergessenen“ haben, das ist der erste Song, den ich überhaupt in meinem Leben aufgenommen habe. Das war 1956.

Aber so richtig ernsthaft wollen Sie auch gar nicht Schluss machen, oder?

Nein, eigentlich nicht. In meinem Alter kann immer was passieren, und wenn ich es auf der Bühne nicht mehr bringe, den Hüftschwung nicht mehr packe, höre ich auf. Nur dafür bewundert zu werden, noch gerade stehen zu können, das ist nicht mein Ziel. Jetzt freue ich mich jedenfalls, die alten Nummern aufleben zu lassen.

Sind Ihre Fans so alt wie Sie?

Einige schon. Viele Hardcorefans sind seit mehr als einem halben Jahrhundert dabei. Aber zu mir kommt ein relativ junges Publikum. Das ist mir auch wichtig. Die Musik war früher einfach gut. Sie war facettenreicher, und ich finde es schön, den jungen Leuten diese Lieder näherzubringen. Was heute produziert wird, ist oft sehr einheitlich, besonders in der Schlagerwelt.

Sie haben vor fünf Jahren ein Duett mit Helene Fischer aufgenommen, „Wär’ heut mein letzter Tag“ heißt der Song. Gilt Ihre Kritik auch für sie?

Nein, Helene Fischer ist eine großartige Künstlerin. Es ist fantastisch, so jemanden zu haben. Sie macht das sehr geschickt, indem sie gängige Schlagermusik sehr hochwertig und glanzvoll aufbereitet. Helene macht großes Kino.

Wer sind Ihre Hardcorefans?

Das sind hauptsächlich Frauen.

Ist das Gefühl für Sie da oben auf der Bühne noch dasselbe wie mit 17?

Ja. Das verändert sich nicht. Zu singen und in die Gesichter glücklicher Frauen zu blicken, das ist mit 80 genauso schön wie mit 17. Es fliegen sogar noch Schlüpfer auf die Bühne. In allen erdenklichen Größen …

Das Interview führte Steffen Rüth.

Das Dresden-Konzert findet am 31.10. 2019 im Kulturpalast statt.

Karten dafür gibt es in den SZ-Treffpunkten sowie im Internet unter sz-ticketservice.de