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„Es gab schon Hammel“

Wie ist es, mit Flüchtlingen im eigenen Haus zusammenzuleben? Der CDU-Bundestagsabgeordnete Martin Patzelt startete vor Wochen den Versuch. Ein Besuch in Brandenburg.

© dpa

Von Anna Ringle

Briesen. Der Rasenmäher brummt, ein junger Mann schiebt ihn über eine Wiese. Awet kommt aus Eritrea und lebt seit Juli hier auf dem Land bei Frankfurt (Oder). Mit seinem Landsmann Haben zog der 24-Jährige bei der Familie des CDU-Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt ein. Seither versuchen die beiden, Wurzeln zu schlagen. Einen Sprachkurs machen sie schon, und seit kurzem arbeiten sie in der Gemeinde mit.

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Awet hilft ehrenamtlich im Gemeindezentrum in Briesen (Oder-Spree). Er mäht Rasen, harkt oder räumt auf. „Was eben so anfällt“, sagt der Koordinator Ralf Kramarczyk. „Herr Grammatik“ sagen die beiden Eritreer zu ihm. Weil sein Name so schwer auszusprechen sei, sagt er und schmunzelt. Awet bringt das Rasenstück deshalb in Schuss, weil ein Gemeindefest bevorsteht. Ob er auch kommen will? „Na klar.“

Unweit des Gemeindehauses leben die Patzelts in einem Einfamilienhaus an der Hauptstraße des ruhigen, gepflegten Ortes. Hier kennt man sich - in der Gemeinde mit mehreren Ortsteilen leben gut 1 700 Menschen. Es gibt einen Supermarkt, eine Poststelle und eine Freiwillige Feuerwehr. Im Dachgeschoss von Patzelts Haus ist eine WG entstanden. Awet und Haben leben dort mit dem Sohn der Familie zusammen.

Privatunterkünfte für Asylbewerber - Die wichtigsten Fragen & Antworten

Wie können Privatleute eine Wohnung an Flüchtlinge vermieten?

Wer dazu bereit ist, kann sich an die zuständige Behörde in seiner Stadt wenden, meist das örtliche Sozialamt. In manchen Städten gibt es aber auch spezielle Einrichtungen, wie eben das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk in Berlin. Der Vermieter muss dort zahlreiche Informationen zur Wohnung angeben und Dokumente vorlegen. Erfüllt die Unterkunft die Vorgaben - etwa bei den Mietkosten - wird ein Besichtigungstermin vereinbart.

Ist es auch möglich, einen Flüchtling in einem einzelnen Zimmer in der eigenen Wohnung aufzunehmen?

Ja. Die private Initiative „Flüchtlinge willkommen“ etwa hat sich darauf spezialisiert, Schutzsuchende bundesweit in Wohngemeinschaften zu vermitteln. 69 Menschen hat die Gruppe seit dem vergangenen November in WGs untergebracht. Mehrere Hundert Studenten, aber auch Berufstätige, Familien oder Alleinstehende haben ein Zimmer in ihrer Wohnung angeboten. Die Initiative, die sich überwiegend auf ehrenamtliche Helfer stützt und durch Spenden finanziert, kommt kaum hinterher mit der Arbeit. „Wir gehen auf dem Zahnfleisch“, sagt Mitbegründerin Mareike Geiling. Gerade die Vermittlung von einzelnen Zimmern ist sehr aufwendig, weil die Chemie zwischen den künftigen Mitbewohnern stimmen muss.

Was ist mit der Miete? Bekommen Bürger Geld, wenn sie einen Flüchtling bei sich einquartieren?

Die Miete zahlt in der Regel das zuständige Amt in der jeweiligen Stadt, ebenso die Heizkosten. Das gilt aber nicht unbegrenzt. Je nach Zahl der Personen gelten Höchstgrenzen für die Größe der Wohnung, die Miet- und Nebenkosten, die die Verwaltung übernimmt. Bei der Initiative „Flüchtlinge willkommen“ lassen einige WGs Schutzsuchende aber auch mietfrei bei sich unterkommen. Oder sie sammeln für die Zimmermiete Geld im Freundeskreis - für jene Fälle, in denen die Behörden die Miete nicht übernehmen. Für andere Dinge wie Lebensmittel oder Kleidung bekommen Flüchtlinge ohnehin Geld vom Amt, solange sie keinen Job haben.

Wie häufig werden Flüchtlinge privat untergebracht?

Bundesweite Zahlen gibt es nicht. Hilfsorganisationen und Flüchtlingsverbänden zufolge ist die private Unterbringung aber noch relativ selten. Beim Evangelischen Jugend- und Fürsorgewerk in Berlin etwa wurden im ersten Halbjahr gut 70 private Wohnungen an Flüchtlinge vermittelt. Einige Vermieter zögen ihr Angebot nach genaueren Nachfragen wieder zurück, etwa weil ihnen die Kostenerstattung zu niedrig sei, erzählt eine Mitarbeiterin. „Viele finden den Ablauf auch zu kompliziert.“ Die Vermittlung von einzelnen Zimmern hat die Einrichtung eingestellt - wegen des großen Aufwands. Dieser macht auch den Machern von „Flüchtlinge willkommen“ zu schaffen. Sie würden sich bei dem Thema mehr staatliches Engagement wünschen. Auch Andrea Kothen von der Flüchtlingsorganisation Pro Asyl meint: „Die Städte spielen da unterschiedlich gut mit und könnten deutlich mehr machen.“ (dpa)

Ist es schwierig für Flüchtlinge, eine Wohnung zu finden?

Sehr. Dort, wo der Wohnungsmarkt ohnehin angespannt ist und sich Dutzende Menschen bei Besichtigungen drängeln, haben Flüchtlinge schlechte Karten. Vermieter entscheiden sich dort eher für Leute mit Job, geregeltem Einkommen und sicherem Aufenthaltsstatus. Es gibt aber Anlaufstellen, die Flüchtlinge bei der Wohnungssuche unterstützen - etwa das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk in Berlin. Dort stehen jeden Tag 30 bis 50 Flüchtlinge Schlange, die auf Hilfe hoffen. Etwa 4000 Menschen sind dort als wohnungssuchend registriert. Die Einrichtung hat pro Jahr aber nur ein paar hundert Wohnungen zu vergeben, darunter auch zunehmend Unterkünfte von privaten Anbietern.

Ab wann dürfen Asylbewerber überhaupt in eine Wohnung umziehen?

Wer in Deutschland um Asyl bittet, muss in den ersten Wochen - bis maximal drei Monate - in einer Erstaufnahmeeinrichtung leben. Ab wann jemand in eine Wohnung umziehen darf, hängt vom konkreten Fall ab und ist auch von Land zu Land und Kommune zu Kommune unterschiedlich. Wer mit seinem Asylantrag Erfolg hat, bekommt die Erlaubnis, in eine Wohnung zu ziehen. Auch im laufenden Asylverfahren ist das möglich, hängt aber von den Vorgaben und der Praxis in der jeweiligen Stadt ab.

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Vieles habe sich seither geändert, sagt der 68 Jahre alte Politiker. „Es gab schon Hammel - das mögen wir ja nicht so gerne.“ Probiert habe er trotzdem. Es sei sehr schön, dass gemeinsam gegessen oder auch Tischgebete gesprochen würden. Awet und Haben sind wie die Patzelts auch Christen. „Sie legen ausgesprochen Wert auf familiäres Zusammenleben“, erzählt Patzelt. Aus Eritrea seien sie geflohen, weil sie dort zur Armee sollten. Aus dem armen und diktatorisch regierten Staat in Afrika flüchten jährlich Zehntausende. Es gibt dort keine Opposition und keine unabhängigen Medien.

Dass Flüchtlinge bei Privatpersonen wohnen, ist selten in Deutschland. Zugleich kommen immer mehr Asylbewerber. Die derzeitige Prognose von 450 000 Asylanträgen in diesem Jahr muss dem Bund zufolge noch deutlich nach oben korrigiert werden. In vielen Bundesländern stehen schon Zeltstädte als Notquartiere in Erstaufnahmeeinrichtungen. Oft steht Pritsche an Pritsche, tagsüber ist es wegen der Hitze in den Zelten kaum erträglich.

Warum hat Patzelt die beiden Flüchtlinge bei sich aufgenommen? „Mein Motiv war die erkennbare Polarisierung, die sich in der Gesellschaft ganz schnell entwickeln wird, wenn wir Massenunterkünfte haben - und eine Bevölkerung, die darauf überhaupt nicht vorbereitet ist.“ Er wollte eine Alternative schaffen, praktische Hilfe anbieten. Dafür erntete er Zuspruch, aber er bekam auch Beleidigungen per E-Mail. Und Morddrohungen. Das habe aber nachgelassen, berichtet der frühere Oberbürgermeister von Frankfurt (Oder).

Kennengelernt hatten die Patzelts die beiden Eritreer in einer Gemeinschaftsunterkunft. Es folgte ein monatelanges Kennenlernen, bis dann der Umzug anstand. Schon davor hatten bei der Familie bereits ausländische Studenten zeitweise gelebt.

Die Patzelts haben mit den Behörden vereinbart, dass sie eine Pauschale von insgesamt 200 Euro pro Monat dafür bekommen, dass Awet und Haben bei ihnen leben. Eigentlich könnten sie Mieteinnahmen geltend machen. Darauf hätten sie aber verzichtet, sagt der 68-Jährige.

Awet telefoniert alle paar Tage mit seiner Familie in Eritrea. „Ich vermisse meine Mutter“, sagt er. Dann wechselt er ins Englische, weil seine Sprachkenntnisse noch nicht ausreichen. Die Patzelts seien wie Eltern für ihn, das mache vieles leichter. Der 19-jährige Haben hilft seit ein paar Tagen in einem Supermarkt aus. Das läuft über eine Art Praktikumsvertrag - unentgeltlich. „Es ist gut für Kontakte“, sagt er. Beide sind froh, dass sie etwas arbeiten können.

Für Asylbewerber ist es nicht einfach, in Deutschland einen Job zu finden. In den ersten drei Monaten gilt ein generelles Arbeitsverbot. Danach bleibt eine weitere große Hürde: die „Vorrangprüfung“. Dabei wird ermittelt, ob sich nicht auch ein geeigneter Kandidat mit deutschem oder EU-Pass für die Stelle findet, auf die sich ein Asylbewerber bewirbt. Erst nach 15 Monaten fällt diese Prüfung weg.

20 Asylbewerber sollen in der Gemeinde Briesen mit mehreren Ortsteilen einmal eine Unterkunft bekommen, wie Amtsdirektor Peter Stumm (parteilos) sagt. Patzelt hat sich schon in Stellung gebracht: „Wir haben ein kleines Team gebildet, die Leute stellen Kontakte her.“ Sie sollen quasi als Vermittler zwischen Asylbewerber und Einwohner fungieren.

Dem Amt Odervorland zufolge leben in der Gemeinde erst seit wenigen Wochen Flüchtlinge. „Alles was neu ist, birgt Ängste, Vorurteile und Fragen“, sagt Stumm. Vieles rattere noch im Getriebe. Er bemängelt zum Beispiel, dass er zu spät von übergeordneten Stellen Informationen bekomme, wann genau die Asylbewerber ankämen.

Entschieden ist über die Asylanträge von Awet und Haben noch nicht. Sie stellten sie bereits im vergangenen Sommer. Patzelt geht davon aus, dass die beiden in Deutschland bleiben werden. Für wie lange ist das Zusammenleben in dem Haus geplant? Offenes Ende, sagt der CDU-Politiker. (dpa)