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„Es gab Sprengungen, bei denen das Haus mit in die Luft flog“

Mitten in Riesa lassen Kriminelle einen Geldautomaten explodieren. Bei der Bank herrscht trotz des hohen Schadens Erleichterung.

Von Stefan Lehmann

Wer den Pfennig nicht ehrt

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Die Explosion am frühen Donnerstagmorgen war derart heftig, dass das Haus regelrecht gewackelt habe, sagt die Hausbewohnerin. Gegen 4 Uhr morgens sei sie aufgeschreckt. Aber was da unten passiert sei, habe sie nicht mitbekommen. Ihre Nachbarin habe ihr dann später erzählt, was im Erdgeschoss des Hauses an der Ecke Goethestraße/Alexander-Puschkin-Platz passiert sei. Mehrere Täter hatten den Automaten im Vorraum der Sparda-Bank zur Explosion gebracht und entkamen dann mit einer fünfstelligen Summe. Die Polizei ist noch auf der Suche, auch am Donnerstag sind Hinweise zur Tat eingegangen. Ob eine heiße Spur dabei ist, werde jetzt geprüft, erklärte ein Polizeisprecher am Freitag auf Anfrage.

Fälle wie dieser sind alles andere als selten. 268 Automaten-Sprengungen registrierte das Bundeskriminalamt deutschlandweit im vergangenen Jahr. Die Täter leiten laut Polizei meistens ein Gasgemisch in den Automaten, das sie dann entzünden. Die Versuche funktionieren längst nicht immer, in etwa jedem zweiten blieben die Kriminellen erfolglos. Während in Nordrhein-Westfalen rund ein Drittel aller Fälle registriert wurde, kam es in Sachsen 2017 lediglich zu zehn Automatensprengungen; in diesem Jahr registrierte die Polizeidirektion Dresden bislang sogar nur einen weiteren Fall, der sich im Juli in Dresden zugetragen hatte. Die Sparda-Bank traf es zuletzt aber öfter. „Leider ist das bereits der vierte Automat in den letzten paar Monaten“, erklärt Sprecherin Nancy Mönch. Die Filiale werde bis Montag komplett geschlossen bleiben, wann wieder Geld abgehoben werden kann, ist unklar. Einen neuen Automaten zu bestellen, das dauert etwa drei Monate. „Wir werden aber versuchen, eine andere Lösung zu finden.“

Voraussichtlich lässt die Bank aus einer anderen Filiale einen Automaten abbauen und nach Riesa bringen. Bis dahin weist ein Schild im Eingangsbereich darauf hin, dass bei der Targobank in der Hauptstraße abgehoben werden kann, ebenso wie bei einigen Supermärkten. Etwas ungewöhnlich im Riesaer Fall ist das ausgewählte Ziel. „Innenstadtlagen schrecken eigentlich ab“, sagt Ralf Krumbiegel, Sprecher der Sparkasse Meißen. Er sei deshalb überrascht gewesen, als er von dem Vorfall am Puschkinplatz erfuhr. In der Vergangenheit wurden eher abgelegene Orte von Automaten-Sprengern heimgesucht.

Krumbiegel erinnert an einen Fall aus Krögis und an den Automaten im Real in Niederau. Beide Fälle liegen schon gut zehn Jahre zurück. Auch Kai-Uwe Schulz spricht von einer „völlig neuen Dimension“ im Riesaer Fall – nicht zuletzt, weil die Täter noch Müllcontainer auf die Straße gerollt hatten, um der Polizei den Weg zu versperren. Die Brutalität habe in den vergangenen Jahren zugenommen, so der Eindruck des Volksbank-Vorstands. Die Banken hätten aber eine Reihe von Gegenmaßnahmen ergriffen. „Das beginnt schon dabei, dass Mitarbeiter und auch Kunden dazu aufgerufen sind, wachsam zu sein.“ Denn oft würden die Banken im Vorfeld ausgespäht.

Die Volksbank habe zudem die eigenen Automaten von den Vorräumen weiter nach innen geholt. Das mache es Kriminellen schwerer. Außerdem verfügen die Automaten über einen Sicherheitsmechanismus. „Wenn jemand Gas einzuleiten versucht, wird automatisch ein Gegendruck erzeugt.“

Doch längst nicht jede Bank leistet sich solche Maßnahmen. Ältere Automaten nachzurüsten, bedeutet hohen Aufwand, auch finanziell. Aus diesem Grund wird oft auch auf Farbpatronen in den Automaten verzichtet. Bestimmte Maßnahmen werden aber von den Versicherungen gefordert, betont Sparkassen-Sprecher Ralf Krumbiegel. Dazu gehört, dass die Automaten in der Wand verankert sein müssen und nur eine bestimmte Geldmenge im Gerät sein darf. Die Filiale nachts nur für Kunden zugänglich zu machen, sei dagegen keine Option. Damit schaffe man nur das nächste Problem. „Über die Lesegeräte an den Eingängen wurden vor Jahren die Kundendaten ausgelesen.“

Neben der Sorge angesichts zunehmender krimineller Energie bei den Tätern überwiegt aber auch die Erleichterung – selbst bei der Sparda-Bank-Sprecherin. Es sei zum Glück niemandem etwas passiert. Nicht jeder Täter wisse nämlich, wie viel Gas eingeleitet werden muss. „Es gab auch schon Sprengungen, bei denen das Haus mit in die Luft flog.“ Erst im März dieses Jahres war eine Automaten-Explosion in Nordrhein-Westfalen derart heftig ausgefallen, dass das gesamte Haus danach einsturzgefährdet war. Einzelne Teile flogen 50 Meter weit, berichteten Rettungskräfte damals gegenüber dem Spiegel. Verletzt wurde niemand – anders als bei einem Vorfall Ende Oktober in Halle: Dort kam ein Mann ums Leben, als er gemeinsam mit zwei anderen einen Fahrscheinautomaten sprengen wollte.

Der finanzielle Schaden ist dagegen ärgerlich, aber wohl irgendwie zu verschmerzen. Zumal in diesen Fällen die Versicherungen einspringen, sofern die Bank sich an die Sicherheitsvorgaben hält.