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„Es gibt dort keinen Hass auf Weiße“

Bürgermeisterin Anita Maaß (FDP) war im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung in Südafrika und kam mit vielen Erkenntnissen zurück.

Wissbegierig: Bürgermeisterin Anita Maaß mit Schulkindern in der Bibliothek in Midvaal. Die Lommatzscherin beeindruckte, dass die Kinder nach dem Unterricht freiwillig und ohne Begleitung in die Bibliothek gingen. © privat

Frau Maaß, im vergangenen Jahr Südkorea, jetzt Südafrika. Als Lommatzscher Bürgermeisterin kommt man ganz schön rum in der Welt?

Ich war ja nicht dienstlich als Bürgermeisterin auf diesen Reisen, sondern im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung, in deren Kuratorium ich bin. Der Stadt sind keine Kosten entstanden, ich habe für diese Zeit Urlaub genommen.

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Die SPD-Bundestagsfraktion stellt sich auf dem Heinrichsplatz in Meißen den Anregungen und Sorgen der Bürger*innen. Mit dabei ist auch Franziska Giffey.

Welche Ziele verfolgt die Stiftung in Südafrika?

Sie ist sehr aktiv in der Bildungsarbeit und unterstützt die liberalen demokratischen Kräfte wie unter anderem die Partei Democratic Alliance und die Vereinigung liberaler Kommunalpolitiker Association of Democratic Alliance Councillors. Viele Menschen in Südafrika sind enttäuscht, dass sich ihre Hoffnungen und Wünsche, die sie unter Präsident Nelson Mandela hatten, bisher nicht verwirklichten. 

Zudem haben sie schlimme Erfahrungen mit dem korrupten Präsidenten Jacob Zuma gemacht. Große Hoffnungen liegen jetzt auf dem neuen Präsidenten vom Afrikanischen Nationalkongress Cyril Ramaphosa und eben auf neuen jungen liberaldemokratischen Kräften.

Was war Ihre Aufgabe in Südafrika?

Ich war in Kapstadt und Johannesburg, aber auch in kleineren Städten wie Stellenbosch und Midvaal, habe Vorträge zur Finanzierung von Kommunen in Deutschland und zur Energiewende gehalten. Die Südafrikaner waren unter anderem interessiert, wie wir die Finanzierung der Abwasser- oder Müllentsorgung regeln.

Schönes Südafrika: Blick über Kapstadt auf den Tafelberg. © privat

Südafrika war bis vor etwa 30 Jahren ein schlimmes Apartheid-Regime. Wie ist die Lage heute?

Es ist bewundernswert, wie dort Menschen aller Hautfarben friedlich zusammenarbeiten. Es gibt keinen Hass auf Weiße. Die Südafrikaner haben es friedlich hingekriegt, die Apartheid zu überwinden.

Eine schwarze Frau, die mit ihrer Familie sehr unter der Apartheid gelitten hatte, sagte mir, sie schaue nicht zurück, was gewesen ist, sondern nach vorn und wolle das Land mit aufbauen. Es war für mich auch beeindruckend, welchen Stolz die Südafrikaner auf ihr Land haben. Und dennoch haben sich viele Hoffnungen nicht erfüllt.

Woran liegt das?

Zum einen muss Südafrika das Geld für die Lösung seiner Probleme selbst erwirtschaften. Wir und generell Osteuropa haben dagegen nach 1990 viel Geld von der EU zur Lösung der Infrastrukturprobleme erhalten. Zum anderen litt das Land vor allem unter Präsident Zuma unter großer Korruption.

Die Probleme beim staatlichen Energiekonzern Eskom sind dafür ein Beispiel. Damit landete Geld in privaten Taschen, statt für den Aufbau des Landes genutzt zu werden. Trotzdem ist Südafrika ein hoch entwickeltes industrialisiertes Land, aber es gibt eben in manchen Orten eine Arbeitslosenquote von 40 Prozent und mehr, viel Armut und eine große Wohnungsnot.

Waren Sie auch in den Townships?

Ja. Die Armut ist bedrückend, die Wohnverhältnisse dort sind nicht annähernd mit denen in Deutschland nach dem Krieg zu vergleichen. Dafür ist das Miteinander nicht nur innerhalb der Familien stark ausgeprägt, sondern in der gesamten Nachbarschaft wird gegenseitige Hilfe großgeschrieben.

Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist in Südafrika riesig, die Kriminalität hoch. Sämtliche Privatviertel sind mit hohen Stacheldrahtzäunen gesichert und werden von Sicherheitsfirmen geschützt.

Wurden Sie angebettelt?

Ich habe in der ganzen Zeit keinen einzigen Bettler gesehen. Wenn sie etwas haben wollen, ist das immer mit einer Tätigkeit oder einer Dienstleistung verbunden. Was für ein Kontrast, als ich wieder in Frankfurt war. Allein durch den Zug kamen drei Bettler.

Hässliches Südafrika: In den Townships ist die die Armut groß. © privat

Was können wir von Südafrika lernen?

Als wichtigste Erfahrung gilt für mich, dass wir uns hier mit Luxusproblemen herumschlagen und wir das, was wir für selbstverständlich halten, schätzen sollten. Unsere Sicherheitsprobleme sind verglichen mit denen in Südafrika ein Lacher. Wir sollten froh und dankbar sein über unsere Lebensverhältnisse und dass unsere Demokratie funktioniert. Ich hoffe, dass wir mit der Jammerkultur aufhören.

Mit welchen Erwartungen sind Sie nach Afrika geflogen?

Ich gebe zu, dass ich ein bisschen ängstlich und dann völlig überrascht von der Freundlichkeit, Herzlichkeit und Gastfreundschaft der Südafrikaner war. Eine Woche ist viel zu wenig, um das Land kennenzulernen und es zu verstehen. Eine Sache hat mich extrem bewegt. Ein Bürgermeister sagte mir, dass er die einfachen Menschen achte und darauf höre, was sie sagen. Da können viele Politiker hierzulande etwas lernen. Aber insgesamt bin ich mit mehr Fragen als Antworten zurückgekehrt.

Welche Fragen sind das?

Beispielsweise die, wie die Südafrikaner ihre Probleme lösen, die Armut bekämpfen wollen. Aber es gab hoffnungsvolle Zeichen. Die Jugend ist wissbegierig. Ich habe erlebt, wie Schulkinder freiwillig und ohne Begleitung nach dem Unterricht in die Bibliothek gingen und mit Interesse in den Büchern lasen. Bildungsarbeit ist ein wichtiges Anliegen der Friedrich-Naumann-Stiftung, das ist auch Entwicklungshilfe. Wir müssen nicht nur in Südafrika Menschen vor Ort stärken, damit sie eine Perspektive haben und in ihren Ländern bleiben.

Werden Sie noch einmal nach Südafrika fliegen?

Ich könnte mir gut vorstellen, das Land noch einmal als Touristin zu besuchen.

Das Gespräch führte Jürgen Müller.