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Feuilleton

Es ginge auch ohne Mafia

Der Dresdner Schriftsteller und SZ-Autor Jens-Uwe Sommerschuh lässt auf Sizilien morden.

Jens-Uwe Sommerschuh lebt in Dresden und auf der italienischen Insel Alicudi. Seit Jahrzehnten schreibt er für die Sächsische Zeitung. © Martina Catalfamo

Von Michael Ernst

Wie kann ein solches Buch ohne Warnung erscheinen? Vor diesem Roman hätte gewarnt werden müssen! Nicht wegen versteckter Diamanten, nicht wegen einer Pistole, die niemanden tötet, und nicht mal wegen der so aufregenden wie verführerischen Frauen, denen der Ich-Erzähler begegnet. Nein, weil es abhängig macht, dieses neue Buch von Jens-Uwe Sommerschuh. Es lässt einen von der ersten bis über die letzte Seite hinaus nicht los. Wäre dies, wegen Vereinnahmung der Leserschaft, schon hinreichend Grund für eine Warnung?

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Der Dresdner Autor knüpft mit „Tarantella“ an seine hinreißende „Mimi“ an, die 2016 erschien und überraschungsvoll quer durch Frankreichs Süden bis in die italienische Hauptstadt zog. Doch in „Tarantella“ kommt alles noch schlimmer. Auch davor hätte gewarnt werden müssen.

Nachdem Mimi in Rom verschwand und auf den Erzähler geschossen wurde, macht er sich auf den Weg nach Palermo. Untertauchen geht anders. Er lässt sich Giovanni nennen, bedient in einer Bar und hofft auf irgendwelche Nachrichten von seiner Liebe. Die Drähte zwischen Marseille und Palermo erweisen sich rasch als viel heißer, als ihm lieb sein konnte.

Worum geht es wohl in einem Buch, bei dem betont wird, das Wort Mafia würde darin nicht vorkommen? Nach den wenig gesetzeskonformen Geldbeschaffungsmaßnahmen, die das Kurzzeit-Paar an der französischen Mittelmeerküste quasi zwangsläufig übernehmen musste, dauert es auch auf Sizilien nicht lange, bis Giovanni wie aus heiterem Himmel gewisse Aufträge für eine gewisse Familie, die auch mal mit „unsere Sache“ umschrieben wird, zu erledigen hat. Dass er der Cosa Nostra durchaus verbunden sein sollte, wie sich rasch herausstellt, wird ihm bei einem kurz herbeigeführten Wiedersehen mit Mimi überaus deutlich gemacht.

Wie ein Regenbogen in den Bergen

Die Fülle der Überraschungen in diesem Buch ist eine fantastische: Da begegnet der Ich-Erzähler auf einem Markt in Palermo einer höchst eigenartigen Frau, die einen Kater auf der Schulter trägt und ziemlich schräg wirkt. Zumal dieser Kater auch noch eine Augenklappe besitzt, die an ein ähnliches Utensil bei einem brutalen Menschen erinnert. Aber das nur am Rande. Wesentlicher ist, dass diese Marcella und Giovanni wenig später getraut werden, von der Familie. Widerspruch zwecklos.

Gegenleistung ist ein Häuschen auf einer winzigen Nachbarinsel von Sizilien, wo das unfreiwillige Paar weitere Informationen und wohl auch brisante Waren zu erwarten hat. Doch es kommt wieder und wieder ganz anders, einschließlich rachegieriger Motorradgang und rettendem Erdbeben. Um die Spannung anzuheizen, bricht Marcella hoch oben auf dem seit Jahrtausenden erloschenen Vulkan in eine Erdhöhle ein und verstaucht sich den Fuß an einem Stein, der kein Stein ist, sondern Augenhöhlen und Zähne hat. Ein Totenschädel. Zu dumm, dass sie dann auch noch von einer Schwarzen Witwe gebissen wird und entweder sterben oder Tarantella tanzen muss. Mach das mal mit einem sehr provisorisch geschienten Bein! 

Immerhin kann sie gut küssen: „Wie ein Regenbogen in den Bergen, es war ungewiss, wo er endete und wann die feinen Farben verblassen“. Der Roman ist voller Bilder und enthält durchaus auch drastische Worte. Ob am Schluss alles gut wird, nur weil Mimi wieder auftaucht, ist eine Frage der Perspektive. „Die nächsten Wochen sollten die aufregendsten meines Lebens werden“, meint Sommerschuhs Giovanni. Das sieht nach Fortsetzung aus. Auch deshalb muss vor diesem Buch gewarnt werden. Es weckt Fernweh und heilt es nicht. Das müssen die Leserinnen und Leser selbst übernehmen. Im spannendsten Fall mit einer Frau wie Mimi an der Hand.

Jens-Uwe Sommerschuh: Tarantella. Salomo Publishing Dresden, 396 Seiten, 15 Euro