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Es kann nur einen geben

Bernd Lucke setzt sich beim AfD-Parteitag durch: Die Führungsspitze wird verkleinert. Und die Gräben werden tiefer.

© dpa

Von Annette Binninger, zzt. Bremen

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Der kleine, hagere Mann reißt die Arme hoch, als hätte gerade jemand ein Tor geschossen. Es wirkt hölzern, irgendwie linkisch. Doch so wie er ist, so feiert Bernd Lucke auch seinen persönlichen Etappensieg. Nach anderthalb Tagen harter Debatten hat der Gründer der Alternative für Deutschland (AfD) wenigstens einen kleinen Triumph erkämpft. Die Parteispitze wird verkleinert. Aus dem seit Monaten zerstrittenen Vorstandstrio von Lucke, Frauke Petry, Konrad Adam und Vize Alexander Gauland soll bei der Neuwahl im April ein Duo werden – voraussichtlich mit Lucke und Petry.

Ab Dezember soll es dann, wie von Lucke favorisiert, nur noch einen Bundesvorsitzenden geben, vermutlich wieder Lucke, unterstützt von einem hauptamtlichen Generalsekretär. Dazu haben die rund 1 700 AfD-Mitglieder am Sonnabend auf ihrem 3. Bundesparteitag in Bremen die Parteisatzung geändert. Mit hauchdünner Mehrheit – nur zehn oder elf Stimmen hätten gefehlt, um das Treffen in einer Blamage enden zu lassen, ohne Klärung des seit Monaten schwelenden Führungsstreits. Doch die harten Auseinandersetzungen des Wochenendes haben Spuren hinterlassen. Und inhaltlich ist die rechtskonservative Partei keinen Schritt vorangekommen.

Noch zu Beginn des Parteitages hatte Lucke am Freitagabend darauf bestanden, die Öffentlichkeit bei seiner persönlichen Erklärung ausschließen zu lassen. Doch am Sonnabend teilt er öffentlich aus. Mit voller Härte. „Stümperhaft“ habe der Vorstand gearbeitet. Keine mittelfristige Planung, keine Strategie, keine Kontrolle von Arbeitsaufträgen. Mangelhaft sei die Kommunikation mit der Parteibasis. Alles stümperhaft. Das harte, vernichtende Wort fällt mehrfach. Am Anfang der Parteiarbeit sei das zwar „verständlich und entschuldbar“, sagt Lucke. Aber „auch heute arbeitet der Bundesvorstand nicht besser“, watscht er noch einmal seine Kollegen pauschal ab.

Bis morgens halb vier

Frauke Petry, Konrad Adam und AfD-Vize Alexander Gauland schauen getroffen, irritiert, teils erstarrt in den Saal. Luckes fast 42 Minuten lange Strafpredigt, die er nach eigenen Angaben erst am Morgen „um halb vier“ fertiggestellt hat, trifft sie völlig überraschend. Er, Lucke, wolle die Parteiführung schlanker, effizienter machen. Ein Vorsitzender würde reichen. Mehrere würden keine Entlastung, sondern mehr Belastung bringen, sagt Lucke. Er sei ja für Pluralität in der AfD, aber selbst eine Themen-Aufteilung unter mehreren Vorsitzenden bringe nichts.

Wer der eine künftige Bundeschef sein soll, das klingt in Luckes Rede deutlich, dafür wenig bescheiden durch. „Ich war im Bundesvorstand der Motor und der Ausputzer.“ Sehr oft habe doch erst er die Dinge vorangetrieben. „Ich bin wie kein anderer das Gesicht dieser Partei gewesen“, lobt der Parteigründer seine bisherige Eigenleistung. Er versucht die AfD-Mitglieder auf seinen Kurs, seinen Befreiungsschlag in eigener Sache, einzuschwören.

Doch seiner Attacke gegen die Vorstandskollegen folgt der Gegenangriff. Sie könne „den Frust von Herrn Lucke“ zwar verstehen, sagt Frauke Petry. Aber „ein bisschen relativieren“ müsse sie das Gesagte dann schon, holt die 39-jährige sächsische AfD-Chefin aus. Bisher hatte sie einen öffentlichen Schlagabtausch so weit wie möglich zu vermeiden versucht. „Man muss die Menschen mitnehmen“, hält sie Lucke mangelnde Begeisterungs- und Teamfähigkeit vor. Eine Partei sei nicht wie ein Unternehmen zu führen – es gehe nicht nur um schlankes, effizientes Arbeiten, sondern auch darum, inhaltliche Debatten zuzulassen. Es sei nicht leicht gewesen, vor wenigen Tagen in kleiner Runde zu einem Kompromiss in der Führungsfrage zu kommen.

Es ist 12.54 Uhr, als die Stimmung im Saal dann endgültig gegen Lucke zu kippen droht. „Es kann auch nicht sein, dass im EU-Parlament Sanktionsforderungen gegen Russland zugestimmt wird, obwohl wir es zuvor in der Partei anders beschlossen haben“, kritisiert Petry Luckes Alleingang bei dem Thema. Es ist der härteste Schlag gegen Lucke an diesem Wochenende. Mit-Stümper Alexander Gauland steht applaudierend nah bei Petry am Rednerpult, der Saal folgt ihm begeistert. Und für ein paar Minuten scheint es, als ob Lucke doch noch den Führungskampf in der Partei verlieren könnte.

Kampfansage aus Sachsen

Wie Irrlichter ziehen sich Dutzende von zornigen Redebeiträgen durch die quälenden Debattenstunden. „Ich liebe AfD-Parteitage“, stöhnt der Tagungsleiter gelegentlich erschöpft ins Mikro. Nach teils chaotischen Szenen, vor allem zu Beginn des Parteitags, dann das erlösende Abstimmungsergebnis, wenigstens die Führungsfrage ist entschieden. „Ich will, dass diese Partei Erfolg hat“, bekräftigt Lucke am Ende noch einmal trotzig. Im Überschwang des Jubels umarmt er sogar seinen Mit-Stümper Konrad Adam herzlich. Die Teilnehmer sind erleichtert und begeistert.

Frauke Petry sieht es gewohnt pragmatisch. Sie sieht nach vorn. Nächstes Ziel: ein Parteiprogramm. Das soll im November beschlossen werden. „Wir werden jetzt um jede Position hart ringen müssen „, kündigt sie gegenüber der SZ an. „Ich erwarte dann auch, dass der künftige Vorsitzende dieses Programm nach den Vorgaben der Partei voll nach außen vertritt.“ Und das klingt schon fast wie eine Kampfansage.

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