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Es läuft im Amtsgericht

Drei Wochen nach der Eröffnung hat sich in der Tagespflege schon Routine eingestellt.

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© Klaus-Dieter Brühl

Von Susanne Plecher

Großenhain. Helga läuft im Flur auf und ab, auf und ab. Mal bleibt sie vor einem Poster stehen, dann vor einem Fenster. Doch die innere Ruhe, die Aussicht zu genießen, hat sie nicht. Die betagte Dame dreht sich um und beginnt ihre Tour von vorn, die sie wieder den Flur auf und ab führt. Helga gehört zu den Tagespflegegästen, die seit Anfang Dezember im ehemaligen Amtsgericht in der Meißner Straße betreut werden. Sie ist demenzkrank. Bei manchen Patienten äußert sich dieses psychiatrische Syndrom in großer Unruhe.

„Helga ist eine Läuferin, aber hier kann sie ruhig laufen. Wir passen auf, dass ihr nichts passiert“, sagt Sabine Brühl, Chefin des ambulanten und teilstationären Pflegebereichs der Diakonie Riesa-Großenhain gGmbH. 16 Mitarbeiter leitet sie von der Sozialstation im alten Amtsgericht aus. Von hier aus betreuen sie mehr als 70 Patienten zu Hause oder in der Tagespflege. Es sollen noch mehr werden. „Es ist gut angelaufen. Wir sind mit einer Auslastung von 30 Prozent gestartet und haben viele Anfragen, Erstgespräche und Neuaufnahmen“, so Sandra Brühl. In der Tagespflege selbst werden derzeit 14 Personen betreut. 21 mehr strebt sie an.

Ruhe für Patienten

Ganz beendet sind die Bauarbeiten in den Räumen noch immer nicht. Nachdem es anfangs einige Überschneidungen gegeben hat, dürfen die Bauarbeiter jetzt erst in den Nachmittagsstunden ihren lauten Arbeiten nachgehen. Die Patienten sollen ungestört sein.

Im alten Verhandlungssaal steht eine geschmückte Tanne. Sieben weißhaarige Personen und eine blond-schwarz Gesträhnte sitzen an einer weihnachtlichen Tafel. Die farbige Haarpracht gehört Janestine Wall. Als Alltagsbegleiterin kümmert sie sich um alle Bedürfnisse und Nöte ihrer Schützlinge. Jetzt liest sie Weihnachtsgeschichten vor. Im Hintergrund klingeln dezente Adventweisen aus der Musikanlage. Nach dem Frühstück, das gemeinsam gegen acht Uhr eingenommen wurde, gab es ein bisschen Stuhlgymnastik. Danach haben die Damen und Herren gepuzzelt und ein Memory gespielt.

„Wir möchten, dass die motorischen und kognitiven Fähigkeiten nicht verloren gehen. Wenn jemand den ganzen Tag allein zu Hause ist, sich nicht mehr raus traut, weil er nicht mehr gut laufen kann, dann merkt man das auch der Sprache an“, so Sandra Brühl. Also wird am Satzbau, dem Gangbild, der Feinmotorik gearbeitet, auch ein Toilettentraining gehört zum Alltag in der Tagespflege. „Wir erinnern daran, zu geregelten Zeiten auf das WC zu gehen, denn wir wollen die Kontinenz erhalten“, erklärt die Pflegeleiterin.

Es wird auch gebacken

Das Mittagessen wird im diakonischen Pflegeheim „Helene Schmieder“ zubereitet, aber in der Küche der Amtsgerichts-Tagespflege soll künftig auch gebacken werden. Der Herd wird noch vor Weihnachten geliefert. Den verdienten Schlummer halten die Alten in Relaxsesseln, bevor es Kaffeetrinken gibt und die Fahrer der Diakonie sie wieder in ihre Wohnungen bringen: nach Görzig, Treugeböhla, Wildenhain, Zabeltitz und Radeburg.

Helga macht inzwischen eine kurze Rast vor dem Bücherregal. Janestine Wall nutzt den Augenblick und überzeugt sie davon, ihren Saft auszutrinken, und fragt, ob sie sich nicht wieder zu den anderen setzen möchte, um der Geschichte zu lauschen. Helga reagiert ein bisschen unwirsch. Sie hat keine Zeit. Sie muss laufen.