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„Es war keine Bürgermeisterwahl!“

Fünf Bürgermeister sächsischer Groß- und Kleinstädte treffen sich auf einem Podium. Um den rechten Brei reden sie herum. Um seinen Nährboden nicht.

© dpa

Von Franziska Klemenz

Gibt es hier jemanden, der noch keine Morddrohung bekommen hat? Schweigen. Auf diese Frage hat die Runde keine Antwort. Der raue Ton, auch die Gemeinden kennen ihn. „Ich habe einen Freund“, sagt Jens Krauße. Das gefiel einigen Großharthauern nicht. Seit 2001 ist der SPDler dort Bürgermeister . Am Dienstagabend sitzt er im Dresdner Residenzschloss mit vier anderen Bürgermeistern auf dem Podium: Dirk Hilbert (Dresden), Burkhard Jung (Leipzig, SPD), Alexander Ahrens (Bautzen, SPD) und Martina Angermann (Arnsdorf, SPD).

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Im Rahmen einer Diskussionsreihe hat der gemeinnützige Verein Atticus zu der Veranstaltung „Tacheles“ geladen. Von der CDU ist niemand da. „Wir haben mindestens 20 Städte gefragt. Die meisten sagten aus Zeitgründen ab, Chemnitz hatte keine Lust“, sagt Vorsitzender Eric Hattke. Ohnehin sind die Scheinwerfer an diesem Abend nicht auf das Wahlergebnis gerichtet.

Die Zuschauerreihen sind weitgehend gefüllt, im stillen Bewusstsein begleitet der braune Schatten die Gespräche. Es geht um Infrastruktur und Bürgerbeteiligung, Wohnungsbau und Klüfte zwischen Stadt und Land. „Kommunale Politik ist der Königsweg“, sagt Burkhard Jung. Das Grundproblem im Freistaat: Nicht gerecht würde das Geld verteilt, sondern nach politischen Kriterien. Gleiche Lebensbedingungen würde Sachsen nicht gewährleisten. Zwar gehe es in den Speckgürteln der Großstädte auch kleineren Gemeinden gut, sagt er. „Aber man sollte keine Vanillesoße darüber gießen. Es gibt auch ganz andere Gegenden.“ Sanduhrenartig treffen die Probleme von Klein- und Großstadt an diesem Abend aufeinander. Keine deutsche Stadt, sagt Jung, wachse schneller als Leipzig. „Ich muss in den nächsten Jahren 70 Kitas und 40 Schulen bauen.“ Ein Problem, das Ahrens gerne hätte. Die Bautzener sind 35 plus und zu 98 Prozent deutsch. „Interkulturelle Durchmischung ist bei 2 Prozent Ausländeranteil eine echte Herausforderung“, sagt er. „Ich habe 25 Jahre in Neukölln gelebt, 2 Prozent liegen für mich unter der Grenze des Nachweisbaren.“

Auch Großharthau durchweht der Hauch der Jugend nicht. „Wir haben eine Zeit lang sehr darunter gelitten und waren sauer, dass die Stadt Dresden uns die guten Leute weggezogen hat“, klagt Krauße. „Inzwischen sind wir selbstbewusster.“ Hilbert kontert glucksend: „Dresden ist eine Ausbildungsstätte, aber wir geben die Leute ja veredelt in die Region zurück.“ Wenn sie denn wollen. Günstige Baugrundstücke sollen junge Familien locken. Aber: „Es kann schon eine Woche dauern, bis eine E-Mail in Großharthau ankommt.“ Ein Scherz, halbernst, kein Hirngespinst.

Gespenster kennt man eher in Arnsdorf. Sie geistern durch den Netto, der es 2016 in überregionale Schlagzeilen schaffte. Anwohner zerrten einen Iraker aus dem Supermarkt, fesselten ihn mit Kabelbindern an einen Baum. „Es gab nie einen Prozess“, sagt die Bürgermeisterin. Verantwortlichkeit blieb ungeklärt. Die Bürger, so Angermann, legten sich ihre Wahrheiten selbst zurecht. In großer Runde besprach sie das in Arnsdorf nie. „Es kämen Leute, die ein Gespräch unmöglich machen.“

Stichwort Mitsprache. „Klar sind wir alle für Bürgerbeteiligung, aber ich bin großer Fan der repräsentativen Demokratie“, sagt Jung. Was das bedeute, werde in Diskussionen zu wenig vermittelt. „Bei uns funktioniert Bürgerbeteiligung schon über den Gartenzaun“, sagt Krauße. Hilbert sieht in der Kunst ein „probates Mittel“. Nach anfangs schrillen Protesten hätten die Busse auf dem Neumarkt Gespräche in Bewegung gebracht.

In einem sind sich alle einig – und das Wahlergebnis rückt vom braunen Schatten doch ins Licht: „Es war keine Bürgermeisterwahl!“ Grund zur Beruhigung? Der Graben zwischen Stadt und Land bleibt trotzdem. Jung wünscht sich in der Schlussrunde für Leipzig eine „Metropole, die man gesehen haben muss.“ Und Angermann? „Einen Radweg nach Radeberg.“