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Essener Ärger von Radebeul weit weg

In der hiesigen Tafel helfen Ausländer bei der Ausgabe der Lebensmittel. Diskutiert wird trotzdem.

© Arvid Müller

Von Peter Redlich

Radebeul. Mittwochs im Pfarrhaus der Friedenskirche. Durchs Fenster werden Kisten mit Lebensmitteln gereicht. Sie stammen von den Radebeuler Supermärkten. Brote, Butter, Käse, Wurst, Apfelsinen, Bananen, Paprika und noch viel mehr, was offensichtlich bei Rewe, Kaufland, Aldi, Netto und Lidl keinen Abnehmer mehr findet.

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Die Radebeuler Tafel nimmt es gerne. 180 Menschen bekommen hier zur Ausgabe die Beutel gefüllt, damit sie etwas leichter über die Woche kommen. Unter denen, die mittwochs ab 12 Uhr anstehen, sind auch Ausländer. Nicht viele – „im Schnitt etwa zehn Bürger“, sagt Christian Schmidt, der die Tafel mit weiteren Helfern organisiert. Russlanddeutsche sind dabei, aber auch Asylbewerber, Muslime.

Zwei von den Männern mit den dunklen Haaren haben bis vor Kurzem sogar selbst mitgeholfen, Lebensmittel auszugeben oder beim Tafel-Café zu helfen. Die waren fleißig. Nur von Wurst und Fleisch wollten sie nichts wissen. „Wir haben für die Menschen aus den arabischen Ländern dann bissel Fisch aufgehoben, wenn wir welchen hatten“, sagt Tafel-Organisator Schmidt.

Probleme zwischen Ausländern und Deutschen habe es in Radebeul noch nie gegeben. Da war eher mal ein Hiesiger, der meinte, er müsse jetzt partout Räucherfisch bekommen und Rabatz gemacht hat. „Wer sich so benimmt und nicht einsichtig ist, der erhält Hausverbot“, sagt Christian Schmidt ziemlich bestimmt.

10 Uhr öffnet das Tafel-Café – zwei Stunden, bevor das Essen ausgegeben wird. In dieser Woche am Mittwoch ist es kalt, Schneegriesel im Hof. Da zieht es viele Tafelbesucher mitunter schon weit vor 10 Uhr ins Pfarrhaus. Schmidt und seine Leute öffnen dann auch schon früher. Eine Frau mit den Händen an der warmen Tasse sagt: „Der Mittwoch ist der schönste Tag in der Woche. Da können wir reden und uns erzählen, was so über die Woche passiert ist.“

Auch über die Stadt Essen und die dortige Tafel wird gesprochen. Deren Leiter hat einen Aufnahmestopp für Ausländer festgelegt, weil diese schon drei Viertel der Besucher ausmachten und es offensichtlich Probleme zwischen drängelnden arabischen Männern und deutschen Rentnern gab. Einer der Männer in Radebeul erzählt von Szenen aus Dresden, als junge Männer vom Balkan sehr rabiat an der Tafel alles, was sie kriegen konnten, zusammenrafften und sich nicht drum scherten, was andere noch abbekommen. Aber das sei nur einmal passiert.

In der Radebeuler Tafel ist es dagegen weniger anonym, eher beinahe familiär, sagen die meisten, die mit am Kaffeetisch sitzen. Genug da für alle ist sowieso.

Im Ausgaberaum stapeln die ehrenamtlichen Helfer auf Tischen die Kisten. Es gibt Tische mit der Grundware, wie Schmidt sagt. Butter, Margarine, Käse, Wurst, Salat, Marmelade ist das. Daneben stapeln sich Brote und Aufbackbrötchen. Obst und Gemüse gibt es auf weiteren Tischen. „Wir haben derzeit so viel bekommen, dass sich jeder mindestens vier Beutel vollpacken kann“, sagt der Tafel-Leiter.

Allerdings: Am Monatsanfang kommen eher weniger Leute. Da wurde die Rente gerade ausgezahlt, auch wenn sie schmal ist. Es gab Hartz-IV-Geld. Viele wollen dann mal mit ihrem Geld richtig einkaufen. Ende des Monats, wenn Ebbe im Portemonnaie ist, wird auch die Schlange im Pfarrhaus wieder länger. In Deutschland gilt als arm, wer nicht mehr als 900 Euro zur Verfügung hat. Menschen mit Hartz-IV-Bezügen, mit dem Radebeuler Sozialpass und einem Rentenbescheid nahe der Armutsgrenze – das wird kontrolliert, sagt Christian Schmidt – bekommen bei der Tafel Unterstützung.

Eigentlich hatten die Tafel-Betreiber damit gerechnet, dass mit dem Bezug des Radebeuler Asylbewerberheimes auch wieder mehr Fremde kommen. Das ist bisher ausgeblieben. Die Stadt Essen mit ihren Tafel-Problemen scheint weit weg. Und doch sprechen die Gäste an, was das eigentliche Ärgernis ist – dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht. Und die Regierung, mit Frau Merkel vornedran, zuwenig dagegen unternehme.

180 Menschen sind bei der Radebeuler Tafel als arm und bezugsberechtigt registriert. Christian Schmidt sagt, dass in Radebeul etwa 2 000 Bürger bedürftig wären. Viele kommen aus Scham, dass über sie schlecht gesprochen wird, nicht ins Pfarrhaus. Hier muss sich grundsätzlich was in Deutschland ändern, sind sich alle am Kaffeetisch einig.

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