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Essensreste zwischen alter Kleidung

Täglich leeren Helfer die Altkleidercontainer des Roten Kreuzes. Sie stoßen dabei auch auf Unappetitliches.

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Von Stefan Lehmann

Riesa. Vor der Abfahrt gibt’s noch eine kurze Raucherpause. „Ohne Dampf kein Kampf“, sagt Torsten Eichler und schmunzelt, während er sich die Zigarette anzündet. Das blaue Basecap tief ins Gesicht gezogen, steht der Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) im Eingang des Obdachlosenheims an der Klötzerstraße. Es ist kurz nach 11 Uhr, gleich soll die nächste Altkleidertour losgehen. Nachdem Eichler aufgeraucht hat, geht es los. Heute sitzen die Helfer zu dritt im weißen VW-Transporter. Torsten Eichler nimmt auf dem Beifahrersitz Platz, Matthias Przybilla hinten links. Peter Hensel wird den Wagen fahren.

Beim Entleeren finden die Mitarbeiter nicht selten auch unappetitliche Abfälle.
Beim Entleeren finden die Mitarbeiter nicht selten auch unappetitliche Abfälle. © Sebastian Schultz
Nach jeder Tour sortieren freiwillige Helfer – Martina Petzold (links) und Ilona Braun –, was noch für den Kleiderladen zu gebrauchen ist.
Nach jeder Tour sortieren freiwillige Helfer – Martina Petzold (links) und Ilona Braun –, was noch für den Kleiderladen zu gebrauchen ist. © Sebastian Schultz

Insgesamt 63 Altkleidercontainer hat das DRK Riesa im gesamten Altkreis aufgestellt. Jeder muss einmal pro Woche geleert werden. Die DRK-Helfer sind deshalb täglich im Einsatz, sagt Peter Hensel. Vor der eigentlichen Tour steuert er den Wagen noch zum Kleiderladen in die Dr.-Külz-Straße, um etwas Hauspost abzuliefern. Im Hof des Grundstücks ist ein Lkw-Container aufgebockt, der bis oben hin vollgestopft ist mit Altkleidersäcken. Beim DRK wird er als „die Brücke“ bezeichnet. „Auf die Wechselbrücke gehen alle Altkleider, die niemand mehr tragen kann“, erklärt Uta Grajek, die als Chefin des Riesaer Obdachlosenheims auch für die Altkleidersammlungen zuständig ist. Etwa die Hälfte aller gespendeten Kleider wird nicht an Bedürftige verteilt, sondern gehen auf die Brücke. Einfach weggeworfen werden aber auch diese Sachen nicht: Regelmäßig wird der Container von einem Lkw abgeholt und an eine Firma in Bitterfeld-Wolfen weitergegeben. Dort werden aus den Alttextilien wieder andere Produkte hergestellt, beispielsweise Dämmmatten für Pkw.

Schweinshaxe im Kleidercontainer

Nach einigen Minuten am Kleiderladen und einer zweiten Raucherpause sitzen die DRK-Helfer wieder im Transporter. Im Radio dudelt Popmusik, als der Transporter an der Alleestraße in Merzdorf auf den Netto-Parkplatz abbiegt und vor dem ersten Container hält. Die drei Männer steigen aus, öffnen das Schloss an der Vorderseite und beginnen damit, die Kleidung zu verladen. Peter Hensel hält einen großen blauen Plastiksack auf, Torsten Eichler wirft kleinere Tüten mit Kleidung hinein. Die größeren Kleiderbeutel aus dem Container verlädt Matthias Przybilla derweil gleich auf den Transporter. Am Parkplatz werden die Helfer gleich noch von einem älteren Herrn angesprochen. „Ich habe in meinem Kofferraum noch einen Haufen Beutel mit alten Sachen. Die wollte ich eigentlich jetzt am Kleiderladen abgeben“, erzählt er. Das ist nun nicht mehr nötig – die drei Männer werfen die Säcke gleich mit auf ihren Transporter. Anschließend geht es weiter über die Alleestraße zum nächsten Container, keine 300 Meter entfernt.

Diesmal steigen nur Eichler und Przybilla aus, Hensel wartet im Wagen. Torsten Eichler verpasst der Tür des Containers einen leichten Tritt. „Klingt leer“, sagt er, dann schließt er auf. „Ist auch leer.“ Weiter geht’s. Die Tour führt weiter über die Kurt-Schlosser-Straße, dann über die Canitzer Straße nach Weida. Nach knapp zwei Stunden biegt der Transporter wieder in den Hof an der Dr.-Külz-Straße. „Das waren schon gute Sachen“, lautet das erste Fazit von Peter Hensel. Vor allem habe es keine bösen Überraschungen gegeben. Das ist nicht immer so, denn in den roten Containern landet nicht nur alte Kleidung. Von Grünschnitt über Rest- und Sperrmüll bis hin zu Hundekot war schon alles dabei. Später an diesem Tag werden sie noch eine Schweinshaxe in einem Container in Bobersen finden.

Verletzungsgefahr durch Scherben

Ab und an komme es auch vor, dass Glasscherben im Container liegen, sagt Torsten Eichler. In solchen Fällen bestehe Verletzungsgefahr. „Wir fassen da ja zum Teil mit den bloßen Händen rein.“ Besonders schlimm sei es im Umland, in Gröditz, Zeithain und Merschwitz. Dass Anwohner ihren Müll über die Altkleidersammlung entsorgen, ist kein ganz neues Übel, sagt Ute Grajek. Seit man in den Wohnsiedlungen für den Müll bezahlen müsse, lande der immer wieder in den Containern. „Häufig sind dann alle Sachen aus dieser Sammlung unbrauchbar“, ärgert sich Grajek. Immerhin, manchmal gibt es statt Ekel auch Erlebnisse zum Schmunzeln, sagt Torsten Eichler. „Letzte Woche haben wir zwei volle Flaschen Radler in einem Container gefunden. Dildos lagen auch schon drin, und einmal so ein SM-Ganzkörperanzug“, erzählt er und grinst.

Am Kleiderladen angekommen, laden die Männer erst einmal ab. Danach geht es weiter, es steht noch eine zweite Tour an. „Überelbisch, bis Diesbar“, sagt Torsten Eichler. Eine kleine Pause legen die DRK-Helfer aber noch ein. Ohne Dampf kein Kampf.