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Der lange Weg aus den Slums

Roma in Europa werden systematisch benachteiligt. Jenny Rasche setzt sich in Rumänien für die Minderheit ein. Ihr Ziel: die Mauern der Ausgrenzung einreißen.

Kein Wasser, keine Heizung, keine Kanalisation: Die Bedingungen in der Roma-Siedlung am Rande von Altana nahe der Großstadt Sibiu (Hermannstadt) sind miserabel. Auch die Kleinsten packen hier mit an – denn zur Schule gehen viele Roma-Kinder nicht.
Kein Wasser, keine Heizung, keine Kanalisation: Die Bedingungen in der Roma-Siedlung am Rande von Altana nahe der Großstadt Sibiu (Hermannstadt) sind miserabel. Auch die Kleinsten packen hier mit an – denn zur Schule gehen viele Roma-Kinder nicht. © Sascha Montag

Von Sascha Montag

An einem Vormittag im Frühjahr hält ein verbeulter schwarzer Kleinbus am Rand der Ortschaft Altana in Siebenbürgen. Eine junge Frau öffnet die Tür. Die Haare rot gefärbt, die Arme tätowiert, ein Piercing in der Unterlippe: Wer Jenny Rasche, 37, so sieht, könnte meinen, sie hätte sich auf dem Weg zu einem Rockfestival verfahren. Im nächsten Moment fällt ihr eine Frau in den Arm und ruft laut „Maaaama!“. „Hey Lilly!“, sagt Rasche.

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Wenig später spazieren sie durch eine ärmliche Siedlung, die einen steilen Hang hinaufwächst. Immer wieder treten Menschen an sie heran, erzählen von ihren Sorgen. Schließlich gelangen sie zu einem Haus ohne Tür. Hier leben vier minderjährige Waisen, die Jenny Rasche jetzt mit großen, leeren Augen ansehen. Der Vater ist lange fort, die Mutter kürzlich verstorben. Nachbarn bringen ihnen etwas zu essen. „Ein Notfall“, sagt Jenny Rasche. „Aber das Jugendamt rührt sich nicht.“ Sie verspricht, Hilfe zu organisieren. Auf dem Weg zurück sagt sie zu ihrer Begleiterin: „Als ich das erste Mal hier war, wolltet ihr mich fortjagen, weißt du noch?“ „Ja“, antwortet die. „Wir wussten nicht, ob wir dir vertrauen können.“

In der Siedlung, die Jenny Rasche heute besucht, leben ausschließlich Roma. „Cyganien“ – „Zigeunersiedlungen“ – nennt man diese kleinen Ansammlungen von Hütten und Verschlägen. Es gibt kein fließend Wasser, keine Kanalisation, keine Heizung, selten Strom. Die Menschen leben von einer mageren Sozialhilfe oder Almosen. Wer kann, arbeitet als Tagelöhner. Manche suchen ihr Glück als Erntehelfer oder Bettler im EU-Ausland. Doch die Armut bleibt.

Ein System der Ausgrenzung

Und sie bleibt unsichtbar: Zwar findet man die Siedlungen überall in Rumänien. Aber kaum jemand hat sie je mit eigenen Augen gesehen. Etwas außerhalb der Dörfer errichtet, machen sie ein System der Ausgrenzung sichtbar, das die Roma systematisch ausgrenzt: Weil ihre Hütten ohne Baugenehmigung gebaut wurden, könnten sie theoretisch wieder abgerissen werden. Ihre Bewohner werden gewissermaßen nur geduldet. Kaum ein Kind, das hier groß wird, geht zur Schule. So wird das Elend an die nächste Generation vererbt.

Als Rasche die Siedlung am Rand von Altana 2012 zum ersten Mal betrat, wollten Lilly Petter und die anderen Frauen sie verjagen. Jahrhunderte der Ausgrenzung haben die Roma gelehrt, Fremden zu misstrauen. Wer Roma helfen will, gerät oft zunächst mit den Roma selbst aneinander. Und Rasche? Hat sich erst mal eine Zigarette angezündet. „Und gewartet, bis die Damen fertig gekeift hatten.“

Dann kamen sie miteinander ins Gespräch: Die Roma von Altana und Jenny Rasche, die Frau aus Deutschland, die gekommen war, um ihr Leben zu verändern. Die Menschen erzählten ihr vom Regen, der in ihre Hütten tropft. Von der Kälte, die im Winter in ihre Häuser kriecht. Sie erzählten von den Krankheiten und dem Hunger, unter denen vor allem ihre Kinder leiden. Jenny Rasche hörte zu.

Seit 2003 engagiert sich Jenny Rasche für Roma in Siebenbürgen. Da war sie gerade mal 20 Jahre alt. Als sie die Siedlung am Rande von Altana das erste Mal betrat, wollten die Roma-Frauen sie verjagen.
Seit 2003 engagiert sich Jenny Rasche für Roma in Siebenbürgen. Da war sie gerade mal 20 Jahre alt. Als sie die Siedlung am Rande von Altana das erste Mal betrat, wollten die Roma-Frauen sie verjagen. © Sascha Montag

Heute, acht Jahre später, ist der Wandel der Roma-Siedlung von Altana sichtbar. Zwischen brüchigen Hütten stehen stabile kleine Häuser aus Stein. Gerade errichten Zimmermänner einen weiteren Dachstuhl. Für den Nachmittag wird Nachschub erwartet: Ziegel und Mörtel für das neue Zuhause einer achtköpfigen Familie. Der Umbau der Siedlung wird von Jenny Rasches Hilfsorganisation „Kinderhilfe für Siebenbürgen e.V.“ finanziert. Der Verein zahlt das Material, den Transport, einen Bauleiter und einen Maurer. Hilfsarbeiten müssen die Menschen selbst übernehmen. „Wer für sein Haus geschuftet hat, der wird es in Zukunft pflegen“, sagt Jenny Rasche.

Bis aus dem Slum von Altana ein Wohnviertel wird, ist es ein weiter Weg. Es fehlen Wasserleitungen, die Rasche bei der Kommune beantragen wird. Und es fehlen Baugenehmigungen. „Die holen wir uns später“, sagt Rasche und schmunzelt. Wer den Teufelskreis von Ausgrenzung und Armut durchbrechen will, kann nicht immer Rücksicht auf jene Bürokratie nehmen, die ihn möglich gemacht hat. „Diese Menschen brauchen ein Zuhause. Alles andere kann jetzt mal warten.“

In Europa leben rund 12 Millionen Roma, knapp zwei Millionen davon in Rumänien. Laut einer Studie der „Agentur der Europäischen Union für Grundrechte“ sind Roma überall in Europa systematisch benachteiligt. Sie sind stärker von Armut und Arbeitslosigkeit betroffen, haben größere gesundheitliche Probleme und verfügen über ein deutlich niedrigeres Bildungsniveau als der Durchschnitt der jeweiligen Bevölkerung. Als Reaktion ziehen viele Roma sich in familiäre Strukturen zurück.

Patriarchale Machtstrukturen

Jenny Rasche engagiert sich seit 2003 für Roma in Siebenbürgen, 2005 gründet sie ihre eigene Hilfsorganisation „Kinderhilfe für Siebenbürgen e.V.“. Mittlerweile lebt sie mit ihrem Mann Philipp, sechs eigenen Kindern sowie zwei Pflegekindern in Rumänien. 17 Jahre, in denen sie unzählige Kämpfe ausgefochten hat: gegen unwillige Behörden, feindselige Nachbarn – und gegen die Roma selbst.

Denn Rasches Eingriffe in ihr Leben können tradierte, zumeist patriarchale, Machtstrukturen infrage stellen. Jenny Rasche sieht es gelassen. Wenn sie etwas gelernt hat in 17 Jahren Sozialarbeit in Rumänien: Wer die Mauern der Ausgrenzung einreißen will, darf sich von niemandem einschüchtern lassen. Aber warum sucht sich eine junge Frau aus Deutschland diese Aufgabe? Warum die Roma?

Jenny Rasche, Jahrgang 1983, wächst in Stapelburg in Sachsen-Anhalt auf. Auf eine glückliche Kindheit folgt eine schwierige Jugend. Jenny will nicht so sein wie die anderen – und wird ausgegrenzt. „Ich war eine Außenseiterin“, sagt sie heute. Sie macht eine Ausbildung zur Landwirtin, ist aber unzufrieden mit der Arbeit auf dem Bauernhof. Ihren Wunsch, Sozialpädagogik zu studieren, muss sie aufgeben, als ihr erster Sohn zur Welt kommt. Vielleicht liegt es daran, dass sie selbst eine Ausgegrenzte war: Jenny beschließt, dass sie sich für Menschen, die Hilfe brauchen, einsetzen will.

Warum die Hilfe oft nicht erfolgreich ist

2003, da ist sie 20 Jahre alt, reist sie zum ersten Mal mit ihrem Mann Philipp und ihren damals zwei Kindern nach Siebenbürgen. Sie lernen Hilfsprojekte für Roma kennen, packen mit an. Und sie verlieben sich in Rumänien. „Wo nicht alles nach strengen Regeln läuft wie in Deutschland“, sagt Rasche. In den Jahren, die dann folgen, zieht es sie immer wieder hierher. Bald begreifen sie, warum die Hilfe für Roma so oft erfolglos bleibt. „Viele Hilfsorganisationen helfen nur punktuell“, so Rasche. Sie verfolgt von Anfang an einen anderen Ansatz: Ihr Ziel ist es, einzelne Roma-Slums langfristig aus der Armut zu holen.

Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel des Slums von Sura Mare. Im Jahr 2005 entdeckt Jenny Rasche zufällig eine Roma-Siedlung außerhalb der Ortschaft Sura Mare, eine halbe Autostunde von Sibiu entfernt. Es regnet an jenem Abend, und die Siedlung versinkt buchstäblich im Matsch. Das Elend, dem Rasche hier begegnet, macht sie sprachlos. „Das war die absolute Endzeitstimmung.“ Sie beschließt zu helfen, und wenige Monate später kommt die erste Lieferung Lebensmittel und Hygieneartikel. Als die erste Not gelindert ist, knüpft sie ihre Hilfe an Forderungen: Nur wer seine Kinder in die Schule schickt, erhält weiterhin die Hilfslieferungen.

Der Plan geht auf. Wenig später gehen alle Kinder aus der Siedlung in die Dorfschule von Sura Mare. Dort steht man schnell vor einem Problem: Rund 40 neue Schülerinnen und Schüler, die meisten davon Analphabeten – darauf sind die Lehrer nicht vorbereitet und protestieren. Also schlägt Rasche vor, den Förderunterricht für die Kinder pro Kopf zu bezahlen. Ein Angebot, das die schlecht bezahlten Lehrer nicht ausschlagen können. „Plötzlich waren die Lehrer total begeistert davon, dass so viele Kinder von Roma zur Schule kamen“, sagt Rasche und schmunzelt. „Ich glaube, das Gute ist im Menschen angelegt. Aber manchmal muss man ihm ein wenig auf die Sprünge helfen.“

Tradition der vielen Kinder gebrochen

Als die Kinder von Sura Mare zur Schule gingen, begann der Verein mit dem Bau von Häusern. Holzöfen ersetzten die offenen Feuer, die in den Hütten gelodert hatten. Stromleitungen wurden verlegt, Elektroherde in den Küchen installiert. Die Kommune ließ Wasserleitungen bauen, die Familien erhielten aus Spenden finanzierte Waschmaschinen. „Ohne ein Zuhause und ein sauberes Hemd bekommt man keine Arbeit“, sagt Rasche.

Ihr nächster Schritt richtete sich an die Frauen. Sie erläuterte ihnen, wie Familienplanung und Verhütung funktionieren – ein Tabubruch für viele traditionell denkende Roma. Es gab Streit, Rasche ließ nicht locker. „Ich hatte einfach keine Lust mehr, hier lauter schlecht versorgte Kinder rumlaufen zu sehen“, sagt sie. Mit der Zeit stellte sich heraus, dass die Frauen ihr eigentlich dankbar waren. Die Tradition der vielen Kinder war gebrochen, zumindest hier in Sura Mare.

Heute ist das, was einmal der Slum von Sura Mare war, eine idyllische kleine Siedlung. Auf den Dächern steigt Rauch aus Ofenrohren in den Himmel. In den Vorgärten hängt Wäsche zum Trocknen auf Leinen. Viele Jugendliche sind in Ausbildung, viele Erwachsene haben eine einfache Arbeit gefunden. Beides wäre früher undenkbar gewesen. Mit Geduld und Hartnäckigkeit haben Rasche und ihr Team den Roma von Sura Mare den Weg in Richtung gesellschaftliche Mitte aufgezeigt. Ein Anfang ist gemacht. Die Arbeit der Kinderhilfe ist möglich, weil treue Spender Rasche regelmäßig Geld schicken. Im Gegenzug versorgt sie sie über soziale Medien mit Informationen. Welches Projekt wurde angestoßen, welche Familie hat ein neues Haus bezogen: Der Verein dokumentiert die eigene Arbeit minutiös. Spendensammlungen, Patenschaften und Sponsoringverträge für Unternehmen werden von Rasches Schwester Susanne Knappe daheim in Stapelburg organisiert.

Das Elend vermessen

Auch Rasches Eltern engagieren sich in ihrem Ruhestand ehrenamtlich – und fast in Vollzeit – für den Verein, der monatlich Spendengelder in Höhe von rund 60.000 Euro umsetzt, 12 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt und rund 800 Menschen in drei Roma-Siedlungen rund um Sibiu unterstützt. Zudem betreibt der Verein zwei Häuser, in denen Kinder aus extrem problematischen Elternhäusern Schutz gefunden haben.

Wie verwundbar die Roma sind, zeigte sich zuletzt während der Corona-Pandemie. Die Frauen und Männer aus den Roma-Siedlungen, die als Tagelöhner arbeiteten, verloren Job und Einkünfte. Die Siedlung am Rande der Ortschaft Altana wurde gar unter Quarantäne gestellt. Zur Begründung hieß es, das Virus könnte sich hier, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, schnell verbreiten. Einziger Haken: Es gab nie ein Virus in der Siedlung. 10 Wochen waren Rasche und ihr Team fast ausnahmslos damit beschäftigt, rund 800 Menschen in drei Siedlungen mit Lebensmitteln zu versorgen. Für Sozialarbeit, die sie als ihre eigentliche Aufgabe sehen, war keine Zeit.

In Sura Mare ist die Arbeit der Kinderhilfe für Siebenbürgen fast abgeschlossen. Seit einem Jahr wenden sich Rasche und ihr Team deshalb einer Roma-Siedlung am Rande der Ortschaft Saros zu. Bei einem ihrer ersten Besuche zogen sie mit Stift und Papier von Tür zu Tür und notierten Namen und Alter der Bewohner. Nach einer Stunde war die Liste vollständig: 88 Hütten, rund 400 Bewohner. „Jetzt wissen wir mehr als der Bürgermeister“, sagt Jenny Rasche. Das Elend vermessen. Den Menschen zuhören. Damit fängt es an.

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