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Wie der gestürzte Vizekanzler zurück in die Politik drängt

Vor einem Jahr brachte ihn die Ibiza-Affäre zu Fall. Doch bald könnte Heinz-Christian Strache wieder im Landtag sitzen. Wie ist das möglich?

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„B’soffene G’schicht“. So bezeichnet Strache den für ihn verhängnisvollen Ibiza-Abend in seinen Wahlkampfreden.
„B’soffene G’schicht“. So bezeichnet Strache den für ihn verhängnisvollen Ibiza-Abend in seinen Wahlkampfreden. © dpa

Von Simone Brunner

Als Heinz-Christian Strache an jenem schwülen Septemberabend endlich das „Gasthaus Koci“ in Wien betritt, setzt das Schlagerduo grade zu einem Sinatra-Klassiker an: „My Way“. Zufall. Oder?

Zwei Stunden hat Strache seine Fans hier, im äußersten Südosten der Stadt, bei Schnitzel und Bier warten lassen. Er trägt Jeans, Turnschuhe, schwarzes Sakko und weißes Hemd. Und einen Mund-Nasen-Schutz. In Rot-Weiß, den Farben der Wiener Flagge. Er stellt sich vor das Mikrofon und sagt: „Ein herzliches Grüß Gott in Wien.“

Der Auftritt ist Teil seiner großen Comeback-Tour. Am 11. Oktober können die Wiener bei den Landtags- und Gemeinderatswahlen neben dem „Team HC Strache“ ihr Kreuz machen. Spitzenkandidat: Heinz-Christian Strache.

Erst das Skandalvideo, dann die Spesenaffäre

„I did it my way“. Ich habe es auf meine Art gemacht. Seine Art: Der 51-Jährige steht für den größten politischen Skandal Österreichs. Unter seiner Ägide stieg die rechtspopulistische FPÖ zwischenzeitlich in Umfragen zur stärksten politischen Kraft des Landes auf und bildete zuletzt mit der ÖVP eine Regierung, mit Sebastian Kurz als Kanzler und Strache als seinem Vize. Dann kam Ibiza.

Die Ibiza-Affäre - hier ein Standbild aus dem Video - beendete 2019 die Karriere von Strache – zumindest vorübergehend.
Die Ibiza-Affäre - hier ein Standbild aus dem Video - beendete 2019 die Karriere von Strache – zumindest vorübergehend. © Screenshot Sächsische.de

Das Skandalvideo, in dem Strache an eine vermeintliche russische Oligarchennichte die halbe Republik verscherbelte, zwang ihn im Vorjahr zum Rücktritt und brachte die Mitte-rechts-Regierung zu Fall. Es folgte die Spesenaffäre, bei der Strache vorgeworfen wurde, bis zu 580.000 Euro Parteigelder für private Zwecke missbraucht zu haben. Strache kündigte den völligen Rückzug aus der Politik an.

Nun steht er in der rustikalen Stube des Gasthauses Koci und sein offizieller Wahlkampfsong heißt mittlerweile: „HC is back“. Wie ist das möglich?

Rund 80 Personen haben sich versammelt. Bauernmöbel, lange Tische, stickige Luft. Das Publikum: eher mittelalt, eher männlich, kaum einer trägt Maske, manche sind in Tracht gekommen. Sie schwenken die Fahnen mit Straches Konterfei und lauschen Strache, wie er von Bandenkriegen spricht, von der seiner Meinung nach missglückten Integrationspolitik der rot-grünen Wiener Stadtregierung.

Von hinten treibt ein Wahlkampfhelfer die Leute zu Sprechchören an: „HC! HC! HC!“ Auf den weißen Tischdecken liegen Strache-Fahnen, Flyer und Feuerzeuge, als hätte es Ibiza und die Spesenaffäre nie gegeben.

„Wir haben wenig Geld, aber Herzblut“

Eine Woche später sitzt Strache in seinem Büro in der Wiener Innenstadt. Es ist Mittwoch 13 Uhr, bis zu den Wahlen sind es noch elf Tage. Strache hat einen vollen Terminkalender, Interviews und Fernsehduelle. Er lädt in einen schmucklosen Raum im Erdgeschoss in einem Gebäude neben dem Wiener Rathaus, verdunkelte Fenster, langer, leerer Besprechungstisch, ohne Aschenbecher.

„Ein Abstellkammerl“ nennt er die Räumlichkeiten selbst. Eine Notlösung, bis er als Abgeordneter ins Rathaus ziehen würde. Umfragen sehen ihn bei fünf Prozent, an der Schwelle zum Einzug in den Landtag. Strache erwartet hingegen ein „politisches Erdbeben“ und hofft auf ein zweistelliges Ergebnis.

Wegen der Affäre stellte sich Bundeskanzler Kurz gegen Strache.
Wegen der Affäre stellte sich Bundeskanzler Kurz gegen Strache. © dpa

Strache wirkt gezeichnet, tiefe Augenringe, tiefe Stimme, möglicherweise von der letzten Nacht. Er raucht eine Zigarette nach der anderen, die Asche lässt er zu Boden fallen, dann auf den Tisch, später auf eine Untertasse.

Zwischen den Zügen schwärmt er von einer „Bürgerpartei“, einem „Start-up“, einer „rot-weiß-roten Bürgerbewegung, die heimatverbunden und sozialbewusst ist“. „Wir haben wenig Geld, aber Herzblut und Idealismus“, sagt er.

Aber ist das denn richtig, nach allem, was passiert ist, in die Politik zurückzukehren?

Strache holt aus, zu einem Generalschlag gegen seine Fallensteller, seine ehemaligen Mitstreiter, das System, die Medien. Wenn er etwas betonen will, schiebt er mit gespreizten Fingern seine Brille zurecht, die er erst seit einigen Jahren trägt. „Wenn du am Boden liegst, dann hast du zwei Möglichkeiten“, sagt er. „Du bleibst liegen, oder du stehst wieder auf.“

Keine Geste ist Strache zu groß

Sein Aufstehen zelebriert er schon eine ganze Weile. Zum ersten Mal am 15. Mai dieses Jahres. Im prunkvollen Hauptsaal der Sofiensäle, in Straches Heimatbezirk in der Wiener Innenstadt, ist eine Bühne aufgebaut: „Team HC Strache – Allianz für Österreich“, steht auf den Stellwänden. Weiße, wallende Vorhänge, pinkfarbene Leuchtspots, goldene Stukkatur an den Wänden, aus den Boxen plätschert Popmusik. Strache hat ein staatsmännisches Setting für sein politisches Comeback gewählt – und für seinen Rücktritt vom Rücktritt.

Die Video-Affäre führte 2019 auch zu Demonstrationen gegen Strache, hier vor dem Bundeskanzleramt.
Die Video-Affäre führte 2019 auch zu Demonstrationen gegen Strache, hier vor dem Bundeskanzleramt. © dpa

Für die Besucher gibt es unter anderem Red Bull. Eine Anspielung auf das Ibiza-Video, in dem Strache und sein Mitstreiter Johann Gudenus Wodka-Red-Bull schlürfen und Strache sich selbst als „Red-Bull-Brother from Austria“ bezeichnet.

In seiner Rede erwähnt Strache die Skandalnacht indes nicht. Stattdessen räsoniert er lieber über die bürgerliche Revolution 1848 und zitiert eine lateinische Sentenz: „Quod licet lovi, non licet bovi“, was dem Jupiter erlaubt ist, darf der Ochse nicht.

Strache wirkt kämpferisch an diesem Tag. Keine Geste ist ihm zu groß, kein Ziel zu hoch, kein Vergleich zu weit hergeholt. Von einer „Grundsteinlegung für eine neue Bürgerbewegung“ spricht der Vorredner, von nichts weniger als einem „neuen Fundament des freiheitlichen Lagers“ Strache selbst. Ein Lager, das ohne ihn „in der Bedeutungslosigkeit verschwinden würde“.

Als ihn eine Journalistin darauf anspricht, ob es sein erklärtes Ziel sei, bei den Wien-Wahlen die FPÖ zu überholen, antwortet er nicht sofort, sondern hebt den Kopf, in einem Anflug von Genugtuung. Schon dass jemand diese Frage stellt, ist ein Triumph.