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Tausende Geflüchtete stranden an Belarus' Grenze

In Litauen stranden Geflüchtete aus dem Irak und Afrika, die aus Belarus kommen. Dahinter steckt Alexander Lukaschenko. Kommen bald auch vermehrt Afghanen?

Migranten in einem litauischen Flüchtlingslager unweit der Grenze zu Belarus.
Migranten in einem litauischen Flüchtlingslager unweit der Grenze zu Belarus. © Mindaugas Kulbis/AP/dpa

Von Cedric Rehman

Der Regen prasselt auf die khakifarbenen Nato-Zelte an der Vilniaus-Straße in der litauischen Kleinstadt Pabradé. Der Blick fällt durch Ritzen eines Metallzauns auf die Zelte und die Pfützen zwischen ihnen. Wäsche hängt an Leinen. Niemanden stört es, dass sie klatschnass wird. Einige der Zelte stehen offen. Afrikaner sitzen im Dunkeln auf Pritschen. Sie starren in den Wolkenbruch. Vielleicht fragen sie sich, was sie von ihrem Ende der Welt auf ein so trostloses Stück Erde verschlagen hat.

Einige Hundert Meter entfernt an einer Marienstatue vorbei findet sich die katholische Kirche und das Flüchtlingszentrum der Caritas. Die Einrichtung in der 5.528 Einwohner zählenden Gemeinde knapp 50 Kilometer nördlich der Hauptstadt Vilnius ist in den 90er-Jahren entstanden. Litauen erlangte seine Unabhängigkeit 1991. Andere ehemalige Sowjetrepubliken versanken im Chaos. „Es kamen viele Tadschiken zu uns“, erinnert sich die Projektleiterin Ieva Čičelytė.

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Die Caritas hat das Zentrum 2008 übernommen. Die eine Einrichtung habe genügt für die paar Dutzend Geflüchtete, die jedes Jahr ihren Weg von Belarus aus über die nur wenige Kilometer entfernte Grenze nach Litauen fanden, erzählt Čičelyté. Das hat sich geändert. Im Juni kamen plötzlich aus dem Nichts jeden Tag ganze Gruppen von irakischen Kurden in Pabradé an. „Wir haben uns gewundert, es ist doch gerade gar kein Krieg im Irak“, sagt sie.

"Wir waren auf so etwas nicht vorbereitet"

Die alte Schule an der Vilniaus-Straße war bald überfüllt. Aber der Zustrom nahm kein Ende. Die Behörden stellten rund um die Migrantenunterkunft Zelte, Dixie-Klos und mobile Duschen auf. Čičelytė schätzt, dass sich die Zahl der Geflüchteten in der kleinen Stadt in wenigen Wochen auf über 500 erhöht hat. Ganze 81 illegale Migranten kamen 2020 in das baltische Land mit seinen drei Millionen Einwohnern. Nun wurden seit Mai mehr als 4.000 gezählt. 70 Prozent stammen aus dem Irak, der Rest aus afrikanischen Ländern und dem Iran.

Ieva Čičelytės Smartphone fängt immer wieder an zu piepen. Statt Musikkurse für eine Handvoll Menschen zu organisieren, verteilt sie gemeinsam mit vier Caritas-Angestellten und drei Freiwilligen dreimal täglich Essen, Kleidung und Hygieneartikel an Hunderte in dem Camp. Auch das Rote Kreuz ist mit einigen Mitarbeitern vor Ort. Nichtregierungsorganisationen mit Erfahrungen bei einer Migrantenkrise gibt es nicht in Litauen. Weil auch Dolmetscher fehlen, verständigen sich die Helfer und die Geflüchteten mit etwas Englisch oder Russisch oder mit Händen und Füßen.

„Wir waren auf so etwas nicht vorbereitet“, meint die Caritas-Mitarbeiterin. Dass das Elend der Welt seinen Weg Tausende Kilometer von allen bekannten Fluchtrouten entfernt durch Kiefer- und Birkenwälder in den Herrgottswinkel Litauens finden würde, erscheint auch unglaublich. Čičelytė ist sich sicher, dass das kein Zufall ist.

Migranten suchen verzweifelt neue Routen

Sie kennt die Afrikaner, die auf ihren Pritschen im Camp dem Regen zuschauen. Das seien gebildete junge Männer, mit denen sie Englisch spricht. „Sie haben in Grodno oder anderswo in Belarus studiert, und plötzlich hieß es, ihre Studiengebühren werden erhöht. Sie haben mir erzählt, dass die Belarussen sie für einen geringeren Betrag an die Grenze zu Litauen gebracht haben“, sagt Čičelytė.

Sie erinnert sich an eine Gruppe afrikanischer Frauen, die mit zerrissener Kleidung und Platzwunden ankamen. „Sie meinten, dass europäisch aussehende Männer auf der belarussischen Seite auf sie eingeprügelt hätten, bevor sie über die Grenze gingen.“ Čičelytė vermutet, dass die Belarussen den litauischen Grenzern Misshandlungen in die Schuhe schieben wollten. „Sie wollen uns so viele Probleme machen wie möglich.“

Menschenschmuggel aus Belarus habe es in den vergangenen Jahren immer wieder gegeben, meint die Helferin. Nur habe das in Zahlen nie eine Rolle gespielt. Wer habe schon nach Litauen gewollt. Je schwieriger die Wege nach Europa geworden sind, desto verzweifelter suchten Migranten neue Routen, gleichgültig, wie abenteuerlich sie sind, erklärt sie. „In Belarus sagen sie jetzt, gebt uns euer Geld, und wir zeigen euch den Weg in den Westen.“

Der Winter naht

Das litauische Fernsehen LTR veröffentlichte im Juli einen Bericht über die staatlichen Tourismusagenturen in Belarus. Journalisten kontaktierten die Agenturen und gaben sich als Migranten aus, die nach Europa flüchten wollten. Die belarussischen Agenturen boten ihnen Visa an und Fahrten an die litauische Grenze. Der litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis sprach Anfang August von „Erkenntnissen“, dass die Belarussen auch in Pakistan aktiv seien.

Damals stand Kabul noch unter der Kontrolle der afghanischen Regierung. Es graut Čičelytė bei dem Gedanken an eine drohende Massenflucht aus Afghanistan über Belarus nach Litauen. Die litauische Regierung sei jetzt schon überfordert und versuche verzweifelt, Migranten loszuwerden. Die Behörden bearbeiten derzeit über 1.000 Asylanträge. Für fast 200 gab es im Eiltempo einen negativen Bescheid. Immerhin hat die staatliche Fluggesellschaft des Irak, Iraqi Airways, auf Druck der EU Direktflüge in die belarussische Hauptstadt Minsk eingestellt.

Čičelytė fürchtet, dass die Gestrandeten noch lange in Litauen bleiben werden. Sie zerbricht sich den Kopf, wo die Migranten im eiskalten Winter unterkommen werden. Und niemand weiß, ob auch noch Verzweifelte aus Afghanistan in Pabradé stranden werden.

Anlegen mit China und Russland?

Die internationale Initiative „Alarm Phone“ kümmert sich eigentlich um Hilferufe von Geflüchteten, die auf dem Mittelmeer in Seenot geraten. Sie veröffentlichte Anfang August Aufnahmen von Menschen aus dem Niemandsland zwischen Belarus und Litauen. Der Sprecher von „Alarm Phone“ berichtet am Telefon von sogenannten „Pushbacks“, bei denen Migranten mit Hunden und Elektroschockern auf belarussisches Territorium zurückgedrängt worden seien.

Der Belarus-Experte Laurynas Jonaviĉius vom Institut für Politikwissenschaften und Internationale Beziehungen an der Universität Vilnius ist sich sicher, dass der belarussische Machthaber Szenen litauischer Brutalität an der Grenze zu Belarus provozieren will. „Solche Bilder sollen der Welt zeigen, dass wir nicht besser sind als Belarus.“ Litauen verfolge unter der seit dem vergangenen Jahr regierenden konservativen Ministerpräsidentin Ingrida Šimonytė eine eigene Strategie, um als kleines Land in Europa nicht vergessen zu werden, erklärt der Experte.

Man lege sich durch engere Kontakte zu Taiwan mit China an und definiere sich als Speerspitze der Nato gegen Russland. Litauen beherbergt seit dem Konflikt um die Präsidentschaftswahlen in Belarus im August 2020 die Oppositionsführerin Swetlana Tichanowskaja. Jüngst wurde der Ostseehafen Klaipeda für den für Belarus wichtigen Export von Kalidünger gesperrt. „Lukaschenko nimmt für all das jetzt Rache“, sagt Jonaviĉius.

Das Feuer hat sie gerettet

Die Entwicklung sorgt natürlich für Unruhe in der Bevölkerung, die sich in Protesten entlädt. Tumulte gab es Anfang August etwa in der Nähe des Parlaments in Vilnius. Jonaviĉius spricht von Desinformationskampagnen, die von Belarus ausgingen. Mal gehe es dabei um die Geflüchteten, mal um den Umgang mit Corona. Er teilt die Sicht der litauischen Regierung von „hybriden Angriffen“ des belarussischen Geheimdienstes. Sie sollen in Litauen Chaos schüren, ist sich der Experte sicher.

Die Spannungen an der Grenze nehmen seit Juli zu. Jetzt sind sie am Siedepunkt. Litauen hat den Ausnahmezustand verhängt, die Armee in Stellung gebracht. Es hat die Hilfe der EU-Grenzschutzagentur Frontex angefordert. Vilnius kündigt nun an, innerhalb eines Jahres für 152 Millionen Euro einen vier Meter hohen Zaun an der Grenze zu Belarus zu errichten.

Regen prasselte auch auf die Belarussen Olga Pawlova und Andrej Sharendra nieder, als sie in der Nacht vom 1. auf den 2. Juli durch den Kiefernwald auf der belarussischen Seite der Grenze in Richtung Litauen liefen. Beide saßen bereits im Gefängnis, Pawlova auch in der berüchtigten Haftanstalt Okrestina in Minsk. Die Schlinge des Regimes zog sich erneut zusammen, als sie beide eine Vorladung erhielten. Die beiden versuchten in der Dunkelheit, sich mit der Hilfe von GPS und den Taschenlampen an ihren Smartphones einen Weg durch die Kiefernwälder zu bahnen. Dann sahen sie auf der Waldlichtung ein loderndes Feuer. „Wir wussten, dass die belarussischen Grenzer so den Weg für die geschmuggelten Migranten markieren und irgendwo in der Nähe waren“, sagt Pawlova. Das Feuer habe sie womöglich gerettet.

"Er will möglichst viele Menschen einsperren"

Die Dissidenten machten einen Bogen um das Leuchten in der Nacht und stießen schließlich auf eine mit Morast gefüllte Senke. Dahinter lag Litauen. „Wir waren völlig verdreckt, als wir auf der anderen Seite auf die litauische Patrouille stießen“, erinnert sich Pawlova. Die ebenfalls vom Grenzschutz aufgegabelten Migranten hätten dagegen keinen Flecken abbekommen. Die Feuer müssen sie trockenen Fußes nach Litauen gelotst haben.

Die Immobilienmaklerin Natalya Kolegova hatte in jener Nacht den litauischen Grenzschutz informiert, dass die beiden Verfolgten aus Belarus die Grenze überqueren und um Asyl bitten wollen.

Litauens Behörden unterscheiden zwischen Geflüchteten aus Belarus und dem Rest der Welt. Verfolgte aus dem Nachbarland erhalten ohne Schwierigkeiten einen Schutzstatus. Kolegova ist überzeugt, dass Lukaschenko nicht nur Zugeständnisse von Litauen und der EU erpressen will. Es gehe ihm um den Zaun, den Litauen plant. „Er will möglichst viele Menschen in Belarus einsperren. Dort kann er mit ihnen machen, was er will. Im Ausland machen die Dissidenten ihm nur Ärger.“

Befestigungen gibt es schon seit Jahren an der Grenze zwischen Polen und Belarus. Sie sollen nun noch verstärkt werden, nachdem 32 Afghanen in der Nähe des Orts Usnarz-Górny aufgetaucht sind. Sie wurden vom polnischen Grenzschutz umzingelt. Lettland hat ähnliche Pläne wie Polen. Auch Riga hat wegen der Lage an der Grenze zu Belarus den Ausnahmezustand verhängt. Die belarussische Armee überwacht die Grenze zur verfeindeten Ukraine mit Habichtsaugen, und wer von Belarus ins russische Bruderland reist, wird Berichten zufolge an den Grenzposten auf Herz und Nieren kontrolliert. Und jetzt verschließt Litauen aus Angst vor Migranten aus dem Mittleren Osten auch noch das letzte Schlupfloch für die Lukaschenko-Gegner mit einem vier Meter hohen Zaun.

Plötzlich wird er verdächtig gemustert

Schon jetzt erschwerten die Patrouillen des litauischen Grenzschutzes auch den Belarussen die Flucht, meint Kolegova, weil viele keine Papiere hätten. „Die Polizei in Belarus beschlagnahmt oft Pässe oder Ausweise von Dissidenten, damit sie nicht fliehen können. Für die litauischen Grenzbeamten sind sie damit illegale Migranten und gehören zurückgeschickt. So ist jetzt das Gesetz“, sagt sie. Kolegova ist es bisher gelungen, über ihre Kontakte Beweise für die Identität der Geflüchteten zu finden. Steht erst einmal der Zaun an der Grenze, kann sie für ihre Landsleute dahinter nichts mehr tun. „Wir werden Menschen helfen, so lange wir können.“

Der Afghane Baran Karsai versucht es mit Humor, obwohl ihm der Schrecken im Gesicht steht. „Und, wollt ihr mich jetzt den Taliban übergeben?“, fragt er einen Anwalt der Caritas im Flüchtlingszentrum von Pabradé. Er heißt in Wirklichkeit anders, will aber aus Sorge um seine Familie in Afghanistan seinen echten Namen nicht nennen. Karsai floh vor drei Jahren über Moskau mit einem Schengenvisum nach Litauen und lebte zunächst in der Unterkunft in Pabradé, bevor er nach Vilnius ziehen durfte. Litauen verweigert ihm bisher ein Recht auf dauerhaften Aufenthalt. Er fährt deshalb regelmäßig nach Pabradé, um mit einem Anwalt der Caritas zu sprechen. Der hat auch heute keine Neuigkeiten für ihn.

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Die Krise an der Grenze zu Belarus macht dem jungen Mann das Leben schwer. Blicke verfolgten ihn plötzlich in Vilnius, und Karsai bemerkt, dass er anderen verdächtig erscheint. „Sie halten mich wahrscheinlich für einen Illegalen, der abgehauen ist“, meint er. Litauen ist kein Land, in dem Migranten zum Straßenbild gehören. Und jetzt kommt zur Überraschung noch Angst vor Masseneinwanderung hinzu. Sorgt ihn das nicht?

„Ich lebe lieber mit der Fremdenfeindlichkeit hier als in Afghanistan unter den Taliban“, sagt Baran Karsai. Eine andere Wahl hat er auch nicht. Auch er muss abwarten, wie es weitergeht an der Grenze.

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