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Kanaren: Volle Boote, leere Flieger

Auf Gran Canaria ist Hochsaison. Urlauber kommen allerdings vergleichsweise wenige. Dafür umso mehr Bootsmigranten. Das geht nicht immer gut zusammen.

Migranten sitzen im Hafen von Arguineguin auf Gran Canaria nach ihrer Rettung.
Migranten sitzen im Hafen von Arguineguin auf Gran Canaria nach ihrer Rettung. © Javier Fergo/AP/dpa

Von SZ-Korrespondent Martin Dahms

Wenn Achim Kantzenbach aus dem Küchenfenster schaut, sieht er die Migranten. Drüben im Hotel Waikiki stehen sie auf den Balkonen. Mitte November wurden sie vom Hafen Arguineguín hierher nach Playa del Inglés gebracht, um die tausend junge Männer. Kantzenbach hat deswegen keine Klagen. „Wir haben zumindest niemanden beobachtet, der unangenehm auffällt“, sagt er. „Wir kriegen niemanden mit, der hier bettelt oder die Touristen bedrängt. Die warten halt nur darauf, dass eine Entscheidung fällt.“ Eine Entscheidung darüber, was weiter mit ihnen geschehen soll. Das kann sich noch hinziehen.

Tausende Afrikaner sind auf den Kanarischen Inseln gerade in Wartestellung, die meisten auf Gran Canaria. Wer deswegen ungeduldig wird, sind die Kanarier. Jedenfalls einige von ihnen. Mit den Hotels voller Immigranten setze Gran Canaria gerade „sein Image als Urlauberziel“ aufs Spiel, glaubt Bernardino Ramírez von der Plataforma Técnica de Alquiler Vacacional, die sich um die Verwaltung von Ferienapartments im Süden der Insel kümmert. Dasselbe fürchtet ein kanarischer Hotelmanager, der ungenannt bleiben möchte: „Der Tourismus ist sehr sensibel“, sagt er. Für Santiago Ceballos, den Präsidenten des Debattierclubs Foro Canarias, ist die Hotelunterbringung der Immigranten „meine derzeit größte Sorge“. Wenn auf der Insel mal ein Unglück geschehe und Häuser evakuiert werden müssten, bringe man die Betroffenen in Turnhallen unter. „Die Migranten kommen und erhalten bessere Bedingungen als die Einheimischen“, klagt er.

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Im November ist auf den Kanaren Hochsaison. Normalerweise. Wegen des Coronavirus ist dieses Jahr alles anders. Die Hotelkette Riu hat auf Gran Canaria dieser Tage drei ihrer dortigen acht Hotels geöffnet. Die seien „zu 30, höchstens 40 Prozent“ belegt, erklärt Félix Casado, der Chef des kanarischen Riu-Geschäfts. Während die europäischen Urlauberflieger fortbleiben, kommen die afrikanischen Migrantenboote. Bis Mitte November landeten dieses Jahr 16.760 Menschen an, sechsmal mehr als im gesamten Vorjahr. Von Monat zu Monat sind immer mehr gekommen. Die Behörden waren schnell überfordert. Im Hafen Arguineguín im Südwesten Gran Canarias haben sich an manchen Tagen mehr als 2.000 Ankömmlinge in 14 Zelten gedrängt, die eigentlich für höchstens 500 Leute gedacht waren.

Im August fiel jemandem ein, dass es auf den Inseln ja Tausende leere Betten gab. Jetzt sind nach Angaben der spanischen Migrationsstaatssekretärin Hana Jalloul 17 kanarische Hotels mit Bootsmigranten belegt. Das ist gut für alle Beteiligten: Die Hotels werden für ihre Dienste vom Staat bezahlt, haben also trotz Coronakrise ordentliche Einnahmen, mindestens ein Teil des Personals ist beschäftigt, und die Migranten sind würdig untergebracht. „Das sage ich on the superrecord“, meinte Jalloul vergangene Woche bei einem Gespräch mit Auslandskorrespondenten: „Super happy, die Hotels geöffnet zu haben!“ So redet die spanische Migrationsstaatssekretärin. Es ist eine Sprache, die auf den Kanaren viele nicht verstehen.

Ein Arbeiter desinfiziert am Montag im Hafen von Arguineguin das von Migranten genutzte Gebiet. Spanien hat den größten Teil des provisorischen Lagers für die vorübergehende Aufnahme von Migranten abgebaut. Mehr als drei Monate lang lebten Tausende von Mi
Ein Arbeiter desinfiziert am Montag im Hafen von Arguineguin das von Migranten genutzte Gebiet. Spanien hat den größten Teil des provisorischen Lagers für die vorübergehende Aufnahme von Migranten abgebaut. Mehr als drei Monate lang lebten Tausende von Mi © Javier Fergo/AP/dpa

Achim Kantzenbach aus dem mittelfränkischen Neuendettelsau besitzt seit neun Jahren ein Apartment in der Feriensiedlung Playa del Inglés an der Südspitze Gran Canarias. Früher kam der Sonderschullehrer in den Schulferien hierher, jetzt ist er pensioniert und kann wie viele deutsche Rentner den ganzen Winter über auf der Insel bleiben. Oder noch länger. Er ist mit einem Kanarier verheiratet, Vicente, der in einem Museum in der Inselhauptstadt Las Palmas arbeitet. Kantzenbach kennt die Welt der Deutschen auf Gran Canaria und er kennt die Welt der Einheimischen. „Die Deutschen“, sagt er, „die haben vor allem Angst davor, dass eine Invasion von Flüchtlingen die heile Welt beeinträchtigt. Viele haben ja hier Eigentum, und die befürchten dann einen Verlust an Lebensqualität oder einen Wertverlust.“ Gerade jetzt, wenn wegen der Corona-Krise sowieso schon viele Schilder an den Häusern hängen: „se vende“, „se alquila“ – „zu verkaufen“, „zu vermieten“.

Während die Deutschen um ihren Wohlstand fürchten, fürchten die Kanarier um ihre Existenz. „Viele sagen: Bei uns auf der Insel ist doch die Armut sowieso schon so groß! Viele von uns canarios sind arbeitslos! Viele von uns wissen nicht, wie sie sich das Leben finanzieren können!“ Kantzenbach hat gemeinsam mit seinem Mann lange Zeit in Las Palmas bei der Ausgabe von Lebensmitteln an Bedürftige geholfen. „Es gibt hier auf der Insel viele Bedürftige“, sagt er. „Einheimische.“ Und die schauen jetzt neidisch auf die Migranten. Kantzenbach hört Sätze wie diese: „Die Flüchtlinge dürfen im Vier-Sterne-Hotel wohnen! Wer kümmert sich eigentlich um die armen Leute hier auf der Insel?“ Am Freitag demonstrierten Hunderte, vielleicht mehr als tausend Einheimische im Küstenort Puerto Rico gegen die Unterbringung von Migranten in Hotels und „für die Rettung des Tourismus“.

Die Unruhe auf der Insel nimmt zu – oder sie macht sich deutlicher bemerkbar –, je länger sich die Bootsmigrantenkrise hinzieht. Achim Kantzenbach neigt zur Entspanntheit: „Ich sage mir: Die, die jetzt kommen, da wird ja geprüft, ob ihr Asylantrag bewilligt werden kann, und wer nur aus wirtschaftlichen Gründen kommt, der wird ja wahrscheinlich wieder zurückgeschickt werden.“ Das ist der Kern der Debatte. Was geschieht mit den Ankömmlingen? Bleiben die jetzt alle auf Gran Canaria und den anderen Inseln? Oder was soll sonst mit ihnen passieren?

Für die Bootsmigranten gibt es fünf Auswege von den Kanarischen Inseln. Manche von ihnen werden als schutzbedürftig eingeschätzt und aufs spanische Festland gebracht. Wie viele das bisher sind, gibt die Regierung nicht bekannt. Der erfahrene spanische Journalist und Nordafrikaexperte Ignacio Cembrero beklagt die „Undurchsichtigkeit“ der linken Sánchez-Regierung in Migrationsfragen, die weiter gehe als die der früheren konservativen Rajoy-Regierung oder die der italienischen Regierung. Die Migrationsstaatssekretärin Jalloul weiß von bisher 352 Asylbewerbern unter den knapp 17.000 Ankömmlingen auf den Kanaren. Menschenrechtler beklagen allerdings, wie schwer den Menschen die Antragstellung gemacht werde. Also schlagen die Hilfsorganisationen vor Ort regelmäßig noch weitere schutzbedürftige Migranten für die Überführung aufs Festland vor. Nach inoffiziellen Quellen soll sich ihre Gesamtzahl zwischen 1.500 und 2.000 bewegen.

Bleiben noch rund 15.000. Von denen sollen einige wieder freiwillig in ihre Heimatländer zurückgekehrt sein. Die Migrationsstaatssekretärin spricht von „hohen Zahlen“, ohne sie zu konkretisieren.

Ein dritter, glücklicher Ausweg ist das Wiedersehen mit schon zuvor ausgewanderten Verwandten, die auf die Kanaren kommen, um dort frisch angekommene Nachzöglinge abzuholen. Eine Art der informellen Familienzusammenführung.

Und auch am Dienstag kamen wieder neue Bootsmigranten an.
Und auch am Dienstag kamen wieder neue Bootsmigranten an. © Javier Fergo/AP/dpa

Der vierte Ausweg ist – für den, der es sich leisten kann – der Kauf eines Flugtickets aufs Festland. „Das ist ein neues Phänomen“, sagt der Journalist Cembrero. „Wir wissen nicht, wie viele es sind. Aber es sind mehr als zehn oder zwanzig.“ Zwei Reporterinnen der Netzzeitung eldiario.es flogen am vergangenen Montag im selben Flugzeug mit einer Gruppe von 40 kürzlich angekommenen Bootsmigranten – vornehmlich Marokkanern – nach Málaga. Bei Inlandsflügen wird lediglich die Identität des Passagiers überprüft und nicht seine rechtliche Situation. Alles spricht dafür, dass die Behörden diese Flüge aufs Festland dulden, weil sie Druck von den Inseln nehmen.

Doch eigentlich hat die Regierung für den Großteil der Ankömmlinge nur den fünften Ausweg vorgesehen: ihre Ausweisung und Rückführung in die Heimatländer.

Sie fürchtet den „Sogeffekt“, wenn die Migranten erst mal zu Hause vermelden sollten, dass sie es aufs europäische Festland geschafft haben – von wo aus ihnen grundsätzlich der Weg in den Rest des Kontinents offensteht. Also sollen sie auf den Kanaren auf ihre Rückführung warten. Doch mit der harzt es. Am 10. November wurden 22 Menschen nach Mauretanien gebracht. Von weiteren Rückführungen ist nichts bekannt.

Vorerst werden die Bootsmigranten also in den Hotels bleiben. Gut 7.000 sollen es zurzeit sein. Die Regierung will sie in den kommenden Monaten in Zeltlager auf kanarischem Militärgelände umsiedeln, später in Hallen. Den Kanariern – oder vielen von ihnen – geht das alles viel zu langsam. „Man hätte schon viel früher aktiv werden müssen“, sagt Santiago Ceballos vom Foro Canarias.

Die Hoteliers treiben währenddessen noch ganz andere Sorgen um. Die Kanarischen Inseln sind eine Corona-Oase. Bei der 14-Tagesinzidenz von 77,5 Neuinfizierten auf 100.000 Einwohner weist zurzeit nur Island ein niedrigeres Niveau auf. Trotzdem kommen bloß wenige Touristen.

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Félix Casado von der Hotelkette Rui macht dafür die PCR-Testpflicht verantwortlich. „Die PCR-Tests bremsen uns aus“, sagt er. Er hofft, dass bald wieder die billigeren und schnelleren Antigentests als Eintrittskarte für die Kanaren ausreichen. Damit auch wieder volle Touristenflieger auf Gran Canaria landen.

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