merken
PLUS Deutschland & Welt

Weihnachten im Lkw: Frust über Staus in England

Tausende Lastwagenfahrer sind in Großbritannien gestrandet, nachdem die Grenze nach Frankreich geschlossen wurde.

Koray Nalga sitzt im leeren Auflieger seines Lkw und raucht eine Wasserpfeife. Der 40 Jahre alte Fahrer aus der Türkei wartet darauf, an der Grenze abgefertigt zu werden und weiter nach Frankreich fahren zu können. (
Koray Nalga sitzt im leeren Auflieger seines Lkw und raucht eine Wasserpfeife. Der 40 Jahre alte Fahrer aus der Türkei wartet darauf, an der Grenze abgefertigt zu werden und weiter nach Frankreich fahren zu können. ( © dpa

Von Christoph Meyer

An der Auffahrt zu einer Schnellstraße nahe Dover stapfen mehrere Gestalten durch die Dunkelheit im Schatten der am Straßenrand geparkten Lastwagen. An den Fahrerkabinen machen sie Halt, klopfen und reichen etwas hinauf. Tausende Lkw sind in der englischen Grafschaft Kent gestrandet, nachdem Frankreich seine Grenze am Ärmelkanal aus Furcht vor einer neuen Coronavirus-Variante geschlossen hatte.

Der 23-jährige Benjamin Ryan und die 19 Jahre alte Isabella Pattman gehören zu einer Gruppe von Freiwilligen, die von Lastwagen zu Lastwagen gehen und Care-Pakete verteilen. In den kleinen braunen Papiertüten sind eine Flasche Wasser, Chips, eine Banane, eine "Sausage Roll" - Würstchen im Blätterteig, und ein Stück Schokolade.

UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand

Was ist eigentlich das Unbezahlbarland? Warum ist der Landkreis Görlitz Unbezahlbarland? Hier finden Sie alle Infos.

Viele gestrandete Fahrer sind auf Menschen wie Ryan und Pattman angewiesen. Sie sitzen seit Tagen fest. Die vorübergehende Sperrung der Routen über den Ärmelkanal ist zwar aufgehoben, doch es dürfte noch dauern, bis der Rückstau abgearbeitet ist. Seit Sonntag konnten weder die Fähren in Dover, noch die Züge am Eurotunnel in Folkestone fahren. Tausende Lkws stauten sich auf den Autobahnen wie ein gigantischer Wurm aus Blech und Gummireifen.

Eine Gruppe Freiwilliger, darunter Benjamin Ryan (links) und Isabella Pattman (rechts), kümmern sich um die Fahrer der Lastwagen.
Eine Gruppe Freiwilliger, darunter Benjamin Ryan (links) und Isabella Pattman (rechts), kümmern sich um die Fahrer der Lastwagen. © dpa

Fernfahrer wie Koray Nalga sind für den Einsatz freiwilliger Helfer dankbar. Auch bei ihm waren schon Menschen aus der Umgebung und haben Lebensmittel gebracht. Der 40 Jahre alte Familienvater aus der Südosttürkei sitzt mit drei anderen Männern im Frachtraum eines Sattelzugs und raucht eine blubbernde Wasserpfeife. Auf einem improvisierten Tisch aus Metallstäben und Pappkarton liegt ein Stapel Spielkarten. Die Stimmen der Männer hallen in dem leeren Auflieger, in dem Gemüse wie Tomaten und Paprikaschoten nach Großbritannien transportiert wurde.

"Seit drei Tagen sitzen wir hier fest", sagt Nalga. Toilette und Dusche gebe es keine. Auch die Lebensmittel und das Trinkwasser gingen inzwischen zur Neige. Er zeigt auf eine halbleere Plastikflasche. "Das ist alles, was wir noch haben." Woher Nachschub kommen soll, wissen die Männer noch nicht. Auch das Geld wird langsam knapp. Von den britischen Behörden haben sie nach eigenen Angaben bislang keine Hilfe bekommen. Wie lange es noch dauern wird, bis sie den Ärmelkanal überqueren können? Drei Tage vielleicht, wer wisse das schon, sagt Nalga und zuckt mit den Schultern.

Viele Fernfahrer wurden auch direkt auf den ehemaligen Flughafen Manston gelotst, wo sie mit ihren Gespannen in langen Reihen auf einen Schnelltest warten, der ihnen die Überfahrt auf den Kontinent ermöglichen soll. Hunderte Tests sollen am Mittwoch bereits durchgeführt worden sein. Doch auch der alte Flugplatz, von dem einst die Geschwader im Zweiten Weltkrieg aufstiegen, war schnell voll.

Koray Nalga (r) sitzt mit Kollegen im leeren Auflieger seines Lkw.
Koray Nalga (r) sitzt mit Kollegen im leeren Auflieger seines Lkw. © dpa

Stanislaw Olbrich hat die Hoffnung aufgegeben, dass er noch mit seiner Familie Weihnachten feiern kann. "Meine Familie, meine zwei Kinder, alle warten", sagt er. Der 55-Jährige aus Bielsko-Biala im südlichen Polen will sein Glück nun mit einer Fähre nach Holland versuchen. Einen Test braucht er dafür nicht, doch er muss einen langen Umweg in Kauf nehmen.

Fahrer, die noch nicht einmal die Aussicht auf eine baldige Überfahrt haben, sind zunehmend frustriert. Viele glauben, dass sie zum Spielball der Politik geworden sind. Bei einigen kochte die Wut am Mittwoch über. Sie lieferten sich Rangeleien mit Polizisten am Fährterminal in Dover.

Helfer Ryan findet den Fokus der britischen Medien auf die wenigen Fahrer, denen die Sicherungen durchgebrannt sind, unfair. Die allermeisten seien freundliche, anständige Leute, die einfach nur nach Hause zu ihren Familien wollten, meint er.

Weiterführende Artikel

Geschafft: Der Brexit-Deal steht

Geschafft: Der Brexit-Deal steht

Die EU und Großbritannien haben sich doch noch geeinigt. Aber es ist der kleinste gemeinsame Nenner.

Großbritannien: Tausende Lkw stecken fest

Großbritannien: Tausende Lkw stecken fest

Frankreich hat die Grenzen geschlossen, auch deutsche Fahrer sitzen fest. Experten befürchten Versorgungs-Engpässe. Die Situation weckt Erinnerungen.

Ryan und Pattman sind Teil einer Gruppe der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Die Bezeichnung Mormonen hören sie nicht mehr so gerne. Doch um religiöse Botschaften geht es ihnen an diesem Tag nicht. Die Idee zu helfen kam ihnen spontan. "Als wir verstanden haben, was los ist, hatten wir das Gefühl wir müssen helfen", sagt Ryan. Auch wenn es nur wenig sei, hoffe er damit die Stimmung an Weihnachten ein bisschen zu heben. (dpa)

Mehr zum Thema Deutschland & Welt