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Experten sprechen Pechstein frei

Spezialisten bescheinigen der Berlinerin, dass sie Opfer eines Fehlurteils ist. Ein Dresdner Mediziner sagte das schon 2010.

© dpa

Von Frank Thomas und Kristina Puck

Ab auf den Grill

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Zwei Wochen nach ihrem Erfolg vor dem Oberlandesgericht München hat Claudia Pechstein im Kampf um ihren Ruf und eine millionenhohe Schadenersatzklage weiteren Rückenwind bekommen. Eine Experten-Kommission bestätigte gestern, dass die medizinische Bewertung als Grundlage des Dopingurteils gegen die fünfmalige Eisschnelllauf-Olympiasiegerin falsch war. „Claudia Pechstein gilt damit aus unserer Sicht als Opfer“, erklärte DOSB-Präsident Alfons Hörmann.

Der Mediziner zeigte 2010 mit dem Sitzkissen, das seiner Frau gehört, wie flexibel rote Blutkörperchen sind. © dpa

Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte die Kommission eingesetzt und stellt sich nun klar auf Pechsteins Seite. Hörmann äußerte sich bewundernd über den Kampfgeist der Berlinerin. Persönlich entschuldigte er sich bei Pechstein vor ihrem Abflug zum Weltcup nach Hamar. In der norwegischen Kleinstadt war die Athletin vor sechs Jahren aus dem Wettkampf genommen worden.

Pechstein stufte die Ergebnisse als „zweiten Meilenstein“ ein. „Moralisch fühle ich mich rehabilitiert“, erklärte die 42-Jährige. „Erst wenn das Urteil gegen mich aus der Welt ist, die ISU ihren Fehler eingestanden hat und ich finanziell entschädigt wurde, werde ich zur Ruhe kommen.“

Pechstein hatte Doping stets bestritten und erklärt ihre schwankenden Werte mit einer geerbten Blutanomalie – die das Experten-Gremium nun als Grund bestätigte. Aufgrund erhöhter Retikulozyten-Blutwerte hatte sie der Eislaufverband ISU 2009 ohne Doping-Nachweis für zwei Jahre gesperrt. Der Internationale Sportgerichtshof Cas hatte die Sperre bestätigt.

Aufgabe der vom DOSB im Oktober 2014 eingesetzten Kommission war es, alle medizinischen Gutachten zusammenfassend zu bewerten. „Alle Gutachter kommen zum Schluss, dass anhand der Blutbildverläufe und Erythrozyten-Merkmale von Pechstein ein Doping-Nachweis nicht geführt werden kann“, teilte Wolfgang Jelkmann, der Direktor des Instituts für Physiologie an der Universität Lübeck, mit.

„Ich wusste immer, dass ich Opfer und nicht Täter bin. Es liegt eine wirklich schwere Zeit hinter mir, in der ich Gedanken ans Aufgeben immer wieder verdrängen musste. Jetzt weiß ich, dass es sich gelohnt hat zu kämpfen“, erklärte Pechstein.

DOSB-Präsident Hörmann wertete das Ergebnis der Experten-Kommission als „ein Ausrufezeichen erster Klasse“. Es gebe „die vielen Fragezeichen in der Causa Pechstein zu Recht“, erklärte der Sportfunktionär. Das Urteil beruhe auf einer „Fehleinschätzung“, betonte Hörmann und appellierte an die ISU, „eine Wiederaufnahme des Verfahrens zu prüfen. Unabhängig davon halten wir die Sportgerichtsbarkeit für unersetzbar und richtig“.

Die gleichen Aussagen – wie gestern von der Experten-Kommission des DOSB – gab es auch schon vor gut fünf Jahren. Da urteilte der Dresdner Professor Gerhard Ehninger: Pechsteins Werte sind auf eine Anomalie zurückzuführen. In einem Interview mit der Sächsischen Zeitung erklärte der Professor für Innere Medizin damals, warum er sich des Falles angenommen hatte. Er war als Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Onkologie von drei Gutachtern angesprochen worden: „Sie hatten Probleme, wie mit ihren Gutachten vor dem Sportgerichtshof Cas umgegangen wurde. Sie waren der Meinung, Pechsteins Blut zeigt kein Dopingprofil, sondern die typischen Befunde wie bei einer Kugelzell-Anomalie. Das weckte mein Interesse.“

Nachdem er sich die Werte angesehen hatte, legte er sich fest: Messfehler, Kälte-Antikörper oder Kugelzell-Anomalien. Er arbeitete sich 2010 durch die mehr als 1 000 Seiten Pechstein-Gutachten und stellte im SZ-Interview ein vernichtendes Zeugnis aus: „Das Urteil des Cas ist abstrus. Fakten lagen auf dem Tisch, und doch ist Unrecht geschehen. Ich hörte Zitate wie: ,Pechsteins Retikulozytenbild passt nicht zu einer Krankheit.‘ Falsch, es passt. Aufgeregt hat mich die Ansage eines Kritikers aus der Pharmakologie: ,Im Dopingkampf wird es auch unschuldige Opfer geben.‘ Ja wo leben wir denn? Das ist ein menschenverachtender Ansatz, totalitär. Mein Appell ist: Kommt auf rechtsstaatliche Grundsätze zurück. Im Antidopingkampf darf es keine unschuldigen Opfer geben.“ Gerhard Ehninger hat ein starkes Gerechtigkeitsempfinden. So war der 62-Jährige Konzertorganisator für das Bürgerfest am Montagabend vor der Frauenkirche und setzt sich für ein buntes, weltoffenes Dresden ein.

Der Fall Pechstein wird einzigartig bleiben, da die Welt-Anti-Doping-Agentur kurz nach dem Verfahren 2009 ihre Regularien änderte. Jetzt müssen mehrere Blutparameter auffällig sein, um einen indirekten Beweis für Dopingvergehen zu begründen.

Der Bundesgerichtshof soll nun das Urteil des Münchner Oberlandesgericht bestätigen, das Pechsteins mit der ISU getroffene Schiedsvereinbarung für unwirksam erklärt und die Cas-Entscheidung nicht anerkannt hat. Dann könnte sich das OLG mit Details beschäftigen und Schadenersatzforderungen verhandeln. (dpa mit SZ)

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