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Explosion einer Nacht

Eine Dresdner Moschee wird zum Ziel eines fremdenfeindlichen Anschlags. Eine Spurensuche.

© Roland Halkasch

Von Tobias Wolf, Alexander Schneider und Andreas Weller

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Edelmetalle und Dokumente sicher lagern

Ein aus dem Ruder laufendes Finanzsystem verunsichert viele. Wem ist es schon gelungen, Schulden mit Schulden zu bezahlen, ohne am Ende insolvent zu sein?

Ein lauter Knall schreckt Ibrahim Ismail Turan am Montagabend vor dem Fernseher auf. Der zehnjährige springt an sein Fenster und sieht einen hellen Schein. „Erst dachte ich, da werden Steine geworfen“, sagt der Junge. Der kleine Bruder hat nichts mitbekommen, schläft im Doppelstockbett friedlich weiter. Ibrahim reißt die Tür zum Flur auf und sieht die Flammen am Aufgang. Der Druck der Explosion hat die Eingangstür zur Wohnung in der Dresdner Fatih-Camii-Moschee aufgesprengt. Ibrahim ruft nach der Mutter. Sein Vater ist Imam des Gebetshauses, das zum deutsch-türkischen Dachverband Ditib gehört. Er kommt aus dem Büro am anderen Gebäudeende gerannt. Ibrahims sechsjähriger Bruder ist inzwischen auch wach. Sie bringen sich durch einen zweiten Eingang am anderen Ende des Gebäudes in Sicherheit.

Das Gebäude der Fatih Camii Moschee im Dresdner Stadtteil Cotta. Hier explodierte in der Nacht zum Dienstag einer der Sprengsätze.
Das Gebäude der Fatih Camii Moschee im Dresdner Stadtteil Cotta. Hier explodierte in der Nacht zum Dienstag einer der Sprengsätze. © dpa
Absperrband sichert den Tatort der Explosion auf der Freiterrasse des internationalen Kongresszentrums am Dresdner Elbufer. Fotos: dpa
Absperrband sichert den Tatort der Explosion auf der Freiterrasse des internationalen Kongresszentrums am Dresdner Elbufer. Fotos: dpa © dpa
Dresdens Polizeipräsident Horst Kretzschmar, Sachsens Innenminister Markus Ulbig und Bürgermeister Dirk Hilbert (v.l.n.r.) auf der Pressekonferenz.
Dresdens Polizeipräsident Horst Kretzschmar, Sachsens Innenminister Markus Ulbig und Bürgermeister Dirk Hilbert (v.l.n.r.) auf der Pressekonferenz. © dpa
Iman Hamza Turan bei einem Freitagsgebet Anfang September in der Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Dresden.
Iman Hamza Turan bei einem Freitagsgebet Anfang September in der Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde zu Dresden. © dpa

Bilder von den Tatorten

Mahnwache vor der Moschee in Cotta

Um 21.53 Uhr geht der Notruf ein: Explosion an der Moschee Hühndorfer Straße. Die Feuerwehr und Streifenwagen rasen in den Stadtteil Cotta. Keine halbe Stunde später kommt der nächste Notruf: Explosion am Kongresszentrum an der Elbe. In Zeiten verschärfter Terror-Warnungen und wenige Wochen nach dem Amoklauf in München ist das der Albtraum für Polizisten, die nachts im Lagezentrum für die Sicherheit einer Großstadt verantwortlich sind. Auf der Freiterrasse des markanten Gebäudes zwischen Marienbrücke und Maritim-Hotel nahe des Sächsischen Landtags ist ein weiterer selbstgebauter Sprengsatz hochgegangen. Die Hitze der Detonation zersplittert die Seite eines massiven Glasquaders, der als ein Oberlicht dient.

Die Polizei sieht einen zeitlichen Zusammenhang. Die dreieinhalb Kilometer zwischen den Tatorten lassen sich in zehn Minuten bewältigen. An Zufall mag niemand mehr glauben. Die Polizei geht von einem fremdenfeindlichen Motiv aus. „Allein die Tatsache, dass eine Moschee attackiert wurde, lässt diese Annahme zu“, sagt Polizeipräsident Horst Kretzschmar am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Die Behörden sehen neben dem fremdenfeindlichen Hintergrund auch eine Verbindung zu den geplanten Feierlichkeiten zum Tag der Deutschen Einheit mit Hunderttausenden Besuchern am Wochenende. Im Kongresszentrum ist am Montag ein Empfang von Bundespräsident Joachim Gauck geplant.

Ein Bekennerschreiben gab es jedoch zunächst nicht, so Kretzschmar. Zum Stand der Ermittlungen will er sich nicht detailliert äußern – auch, um sie nicht zu gefährden. Aber er kündigt verschärfte Sicherheitsmaßnahmen in Dresden an. „Wir werden ab sofort alle islamischen Einrichtungen bewachen“, sagt Kretzschmar – drei Moscheen, eine Begegnungsstätte und einen Gebetsraum. Der Polizeichef hatte sich drei Stunden nach dem Anschlag mit dem extra angereisten türkischen Generalkonsul aus Berlin an der Moschee getroffen und ihn darüber verständigt.

Vor dem Anschlag war Marlies K., eine 63-jährige Nachbarin, jedoch offenbar die Einzige, die die Moschee in Cotta im Blick hatte. Ehe sie mit anderen Nachbarn die Flammen löschte, hatte sie wohl den mutmaßlichen Täter beobachtet. „Es war zehn vor halb zehn, als ich ihn das erste Mal sah“, sagt sie. „Ich habe mir erst nichts dabei gedacht.“ Sie habe am Küchenfenster geraucht, als ein junger Mann das Grundstück der Moschee betrat und sich wohl unbeobachtet fühlte. Weil die Moschee abends geschlossen wird, würden Bekannte des Imams immer mal Spenden oder Essen vor die Tür stellen. „Deshalb fiel mir der Kerl erst nicht auf“, sagt sie. „Als er diesen Sack oben auf die Treppe gestellt hat, wurde ich misstrauisch.“

Er habe unsicher gewirkt, ging weg und kam Minuten später wieder. Wohl, weil der Sprengsatz zunächst nicht zündete, habe er den Sack wieder von der Treppe genommen, darin rumgefummelt und ihn wieder hochgestellt, erinnert sich die Zeugin. „Das ging viermal so, dann knallte es gegen dreiviertel zehn“, sagt die Nachbarin. Sie habe den Sprengsatz nach dem Löschen angeguckt und glaubt, mehrere Behälter, wie sie auch für Speiseöle verwendet werden, und Flaschen erkannt zu haben. Alles habe nach Lösungsmittel oder Benzin gestunken. Einige Behälter sollen nicht explodiert sein. Marlies K. steht noch unter Schock. Sie lebe seit 1989 im Nachbarhaus und habe guten Kontakt zur Moschee. „Der Imam ist sehr umgänglich, wir grüßen uns freundlich.“

Am Morgen nach dem Anschlag liegen nur Reste einer detonierten Flasche herum und ein Plastikteil mit einem Federmechanismus. Ist das der Zünder gewesen? Die Polizei äußert sich nicht zum Sprengsatz. Den Beamten wird Marlies K. später eine Personenschreibung des Verdächtigen geben: jung, ziemlich klein, Motorradhelm mit offenem Visier. Sie glaubt, die Gesichtszüge eines Einheimischen gesehen zu haben. Nach dem Anschlag soll der Mann ruhig in Richtung Lübecker Straße weggegangen sein. Stand dort sein Motorrad oder Moped?

50 Polizisten nehmen in der Nacht die Ermittlungen auf, fahnden nach dem Täter. Bislang offenbar ergebnislos. Bis 6 Uhr morgens sind Beamte der Kripo, des Staatsschutzes und des Landeskriminalamtes vor Ort, sichern Spuren und vernehmen Anwohner und Schaulustige. Bilder von Überwachungskameras, die an der Moschee angebracht sind, sollen ebenfalls ausgewertet werden. „Aber ausgerechnet am Eingang zur Wohnung hatten wir keine installiert“, sagt ein Mitglied der Gemeinde.

Die Polizei informiert erst spät über die Explosionen. Von den Sprengstoffanschlägen am Montagabend bis zur Erstinformation am Dienstag, 8.14 Uhr, sind rund zehn Stunden vergangen. „Das war meine Entscheidung. Es gab Fahndungsmaßnahmen, denen wir nachgegangen sind“, sagt Polizeipräsident Kretzschmar. Darüber hinaus habe er sich erst ein Bild von der Lage machen wollen. Seitdem gilt nun die Sicherheitsstufe, die erst für Samstag geplant war. Der Großeinsatz zur Absicherung der Einheitsfeier läuft.

In Cotta behalten zwei Wachpolizisten die Moschee im Auge. Nur der Ruß an der Fassade erinnert noch an den Anschlag. Doch am späten Vormittag wird das Grundstück plötzlich wieder abgesperrt. Das für politisch motivierte Straftaten zuständige Operative Abwehrzentrum (OAZ) ermittelt nun offiziell an der Moschee und beginnt erneut mit der Spurensuche – nachdem stundenlang Gemeindemitglieder, Nachbarn und Journalisten über potenzielle Reste des Sprengsatzes getrampelt sind. Eine Panne der Ermittler?

Auch OAZ-Chef Bernd Merbitz ist nun vor Ort. Er spricht von „schwersten Straftaten“, weist aber jede Kritik an den Ermittlungen zurück. Es sei üblich, dass tagsüber noch einmal nach Spuren gesucht werde. Die OAZ-Ermittler sind offenbar nicht besonders glücklich über die Vorarbeit der Kollegen in der Nacht, heißt es vor Ort. Merbitz sagt, dass der Tatort des Anschlags zwar einen fremdenfeindlichen Hintergrund vermuten lasse, aber er wolle sich noch nicht darauf festlegen.

Auch seine Einheiten seien nun früher als geplant in die Landeshauptstadt beordert worden: „Wir haben sämtliche mobilen Einsatz- und Fahndungsgruppen präventiv nach Dresden verlegt“, sagt Merbitz. Ebenfalls noch am Dienstagvormittag hat die Integrierte Ermittlungseinheit der Generalstaatsanwaltschaft Sachsen (INES) den Fall übernommen, sagt deren Sprecher Wolfgang Klein. „Wir ermitteln wegen Herbeiführung von Sprengstoffexplosionen.“

Die Moschee steht im Wahlkreis von Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange. „Ich verurteile den feigen Anschlag auf die islamische Gemeinde in Cotta auf das Schärfste“, sagt die SPD-Politikerin. „Völlig menschenverachtend waren die Täter bereit, dem Geistlichen, der Gemeinde und seiner Familie Gewalt anzutun, um auf ihre fremdenfeindliche Gesinnung im Vorfeld des Tages der Deutschen Einheit aufmerksam zu machen.“ Sie beklagt das gesellschaftliche Klima im Stadtteil. Seit über einem Jahr hetzte ein fremdenfeindliches Netzwerk in Löbtau und Cotta gegen Minderheiten. Es habe antisemitische Schmierereien, Hetzschriften gegen Muslime, Angriffe auf Büros von Politikern gegeben. Ein Thor-Steinar-Laden sei als Szenetreff der Rechtsextremen eröffnet worden.

Die Moschee war bereits mehrfach im Visier von Fremdenfeinden. Scheiben wurden eingeworfen, ausländerfeindliche Parolen auf die Hauswand gesprüht. Auch die rechtsextreme NPD hat schon vor dem Gebetshaus demonstriert. Die Stadt steht nach den Anschlägen unter Schock. Beide Kirchen und Politiker fast aller Parteien verurteilen die Anschläge, die ausgerechnet am 26. Jahrestag des rechtsextremen Münchner Oktoberfest-Attentats begangen wurden.

Der islamische Dachverband Ditib bezeichnet den Anschlag auf die Moschee als verabscheuungswürdige Tat: „Unser einziger Trost ist, dass durch die Detonation gegen das Haus des Religionsbediensteten keine Toten oder Verletzten zu beklagen sind.“ Auch die Übergriffe gegen Moscheen in Bebra und Schwäbisch Gmünd tags zuvor sieht der Verband mit großer Sorge.

Dresdens Oberbürgermeister Dirk Hilbert sagt mit Blick auf den 3. Oktober: „Wir sollten feiern, sonst bekommen die Hetzer noch mehr Zuspruch.“ Dresden sei der richtige Ort für so eine Einheitsfeier. Noch nicht zum Feiern zumute war jedoch den über Hundert Teilnehmern einer Mahnwache am Dienstagabend vor der Moschee. Der zehnjährige Sohn des Imams wirkt gefasst, als er über den Anschlag spricht. Ibrahim Ismail geht von fremdenfeindlichen Tätern aus: „Die hassen uns, weil wir Muslime sind. Sie wollen uns nicht hier haben.“