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Fabelhafte Grafik im Atelierhaus

Hernando León zeigt in Pirna eine internationale Ausstellung. Besucher können ihn auch als Maler erleben.

Von Thomas Morgenroth

Ein schuppiger grüner Drache bewacht das Atelierhaus von Hernando León in Pirna. Das Fabelwesen stolziert auf fünf Beinen und seiner Schwanzspitze über einen Tisch im Erdgeschoss. So richtig gefährlich sieht die anderthalb Meter lange Echse nicht aus. Sie erinnert an den tollpatschigen Mushu aus dem Disney-Film „Mulan“, in der deutschen Version mit der Stimme des Komikers Otto Waalkes.

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Sprechen kann der Drache in Pirna allerdings nicht. Er ist eine Skulptur des aus den USA stammenden und seit 1980 in Norwegen lebenden Künstlers Don Clanton, der dafür den wunderlich gebogenen Ast eines Baumes nutzte. Clanton, Jahrgang 1943, ist seit Jahren mit León befreundet, sie arbeiten unter anderem in der 1999 von León gegründeten Laubegaster Künstlergruppe „L’Villa“ zusammen.

Die Figur bereichert die von Hernando León kuratierte Wanderausstellung „Die Welt der Grafik“, die nach Stationen in Chile und Spanien bis Mitte August in Pirna zu sehen ist. „Es ist eine dynamische Schau, die sich ständig verändert“, sagt der chilenische Maler, Grafiker und Bildhauer. In der Plangasse zeigt León herausragende Arbeiten von dreißig renommierten Künstlern aus der ganzen Welt. Ein besonderes Augenmerk liegt auf Sachsen, Leons zweiter Heimat: Er studierte an der Dresdner Hochschule für Bildende Künste und bekam dort 1974 einen Lehrauftrag, als er vor dem Pinochet-Regime fliehen musste.

Heute lebt Hernando León in Dresden, Vélez Málaga in Spanien – und in Pirna. Schon 1961, während eines Arbeitsausfluges seiner Studiengruppe, verliebte er sich in die alten Häuser am Rand des Stadtkerns von Pirna: „Ich sagte damals, wenn ich einmal nach Deutschland zurückkomme, kaufe ich mir eins.“ Er kaufte sich mit seiner Frau Margarita Pellegrin sogar zwei.

Eines hat León mittlerweile wieder abgegeben. Die Plangasse 17 aber, dessen Schlussstein über dem Eingang die Jahreszahl 1784 trägt, hält er in allen Ehren. Als Rückzugsort, an dem er in Ruhe arbeiten kann, und als sensibel restaurierten Ausstellungsort. Manche Besucher, sagt er, kommen nur des Hauses wegen zu einer Besichtigung. Und bleiben dann staunend vor den Grafiken stehen. Vor dem „Schrei“ zum Beispiel, einer Radierung von Hubertus Giebe aus Dresden, dem an Goya erinnernden Holzschnitt „Die Erschießung“ von Adir Bothelo aus Brasilien oder einem 150 Jahre alten japanischen Farbholzschnitt von Utagawa Kunisada.

Eine Lithografie, ein fein ausgearbeiteter Mädchenakt, hat für León eine ganz besondere Bedeutung. Sie ist von Hans-Theo Richter, seinem Professor, der sie ihm zum Abschied schenkte, als er wieder nach Chile ging. Damals begann León, Grafik zu sammeln, hatte schließlich 500 Werke zusammen. Nicht, um sie zu horten – er gründete damit 1996 in Chillán, der Stadt in Chile, in der er aufgewachsen ist, ein Museum für Grafik, das er bis heute leitet.

Von dort kommen nun einige Arbeiten für kurze Zeit nach Deutschland zurück, aber auch Leihgaben von Sammlern und Künstlern bereichern die Ausstellung. Und sie hat viel mehr zu bieten als nur gerahmte Blätter. Neben Skulpturen von León und Bildern aus der Pirnaer Straßengalerie, ist es vor allem Volker Lenkeit, der mit seiner Installation „Steinköpfe“ für Furore sorgt. In einem stillgelegten Treppenaufgang arrangierte der Wünschendorfer Litho-Steine und die dazugehörigen Drucke. Ergänzt um einen Satz der spanischen Lyrikerin María Zambrano: „Die Kunst ist ein Mittel der Erkenntnis und der Offenbarung.“

Was León darunter versteht, können Besucher im ersten Obergeschoss hautnah erleben: Der 82-jährige Künstler, dessen Schaffensfreude ungebrochen ist, malt dort an seinem neuesten Bild. Unter dem Arbeitstitel „Unverzeihlich/Die Opfer“ widmet er sich dem Flüchtlingsdrama auf dem Mittelmeer. Seine Anregungen findet León in Zeitungen, wie das erschütternde Foto eines toten syrischen Kleinkindes.

León bedient sich zudem bei der indianischen Mythologie, die in seinen Arbeiten seit jeher eine große Rolle spielt. Demnach werden alle auf See ertrunkenen Menschen zu Dämonen, die zum Beispiel als furchteinflößende Schlange durch die Fluten tauchen. Ein wenig ähnelt Leons Fabelwesen dem grünen Drachen eine Etage tiefer. Nur ist Clantons Lindwurm weitaus freundlicher gestimmt. Er musste ja auch keine so grausamen Dinge erleben.

Bis 14. August im Atelierhaus León, Plangasse 17 in Pirna, geöffnet Sonnabend und Sonntag von 11 bis 18 Uhr.