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Fabelhafter „Tinker Boy“

© Anja Jungnickel

Ein Start-up aus Leipzig und Magdeburg ermöglicht Kindern, ihr eigenes Spielzeug zu entwickeln – und zu drucken.

Von Sven Heitkamp, Leipzig

Konzentriert flitzen die kleinen Finger über das Tablet, schieben Bausteine zusammen, montieren Räder, wählen Farben aus. Nach kaum einer Dreiviertelstunde ist das Spielzeugauto des neunjährigen Lasse auf dem Bildschirm fertig. Er dreht das Modell auf dem Touchscreen im Kreis, zieht es noch etwas größer auf – und drückt schließlich den grünen Button „Fertig“. In ein paar Tagen wird er sein selbst konstruiertes Kunststoffauto mit der Post nach Hause bekommen, angefertigt nach seinen Plänen, hergestellt von einem 3-D-Drucker aus dem Hause TinkerToys. Das junge Unternehmen hat eine kindgerechte Konstruktionssoftware entwickelt, mit der spielerisch Fantasiefiguren entworfen und ausgedruckt werden können. Am Produktionsstandort in Leipzig stehen zwölf 3-D-Drucker, die nahezu Tag und Nacht laufen. Sie tragen stundenlang 0,1 Millimeter dünne Schichten auf, bis das am Bildschirm gestaltete Modell fertig ist. Für das Druckverfahren nutzt TinkerToys einen harten Biokunststoff auf der Basis von Maisstärke, der recycelbar ist. Mehr als 3 500 Modelle sind so schon entstanden. Der Preis richtet sich nach Gewicht und Volumen.

Das ostdeutsche Start-up ist ein kleiner Shootingstar in der Spielzeugbranche. Innerhalb von drei Jahren haben sich die Gründer aus Magdeburg und Leipzig einen Namen in der Szene gemacht und sind auch als Firma erfolgreich: Dieses Jahr erwartet das Gründer-Trio bereits rund 250 000 Euro Umsatz. Und das ist erst der Anfang: Um weiteres Wachstum zu finanzieren, läuft derzeit bei der großen Crowdfunding-Plattform Seedmatch in Dresden eine Kampagne für frisches Investitionskapital. In den ersten drei Wochen haben bereits 176 Klein-Investoren mehr als 177 000 Euro zugesagt. 250 000 Euro sollen es bis Anfang November mindestens werden. „Besser wären 400 000 Euro“, sagt Marko Jakob, einer der Gründer, der für Finanzen, Marketing und Personal verantwortlich ist. Mit dem Geld wollen die TinkerToys mit Online-Marketing den deutschen und später auch den internationalen Markt erobern. Zudem soll die hauseigene Software weiterentwickelt werden.

Kinder am PC nicht unterschätzen

Hinter der Geschäftsidee steckt auch ein Bildungsanspruch: „Viele Kinder schöpfen die Möglichkeiten der digitalen Welt nicht aus“, sagt Jakob. „Sie wissen zwar, wie man Videos schaut, chattet und spielt. Aber dass man mit einem Tablet schöne Dinge herstellen kann, wissen die wenigsten.“ Dies aber sollte heute zur Grundbildung von Schülern gehören, findet Jakob. Das Unternehmen hat inzwischen mit seiner Marke „Tinker School“ Kooperationen mit vier Schulen in vier Bundesländern, bei denen vor allem die Konstruktionssoftware im Unterricht eingesetzt wird. Daneben bietet das Start-up 3-D-Druck-Kurse an und richtet Kindergeburtstagsfeiern aus.

Den Hauptumsatz aber machen die TinkerToys bisher nicht in Bildungseinrichtungen, sondern bei derzeit rund 50 Geschäftskunden. So werden selbst entwickelte, hölzerne Designstationen mit integrierten Touchscreens und Design-Tablets dauerhaft an Einkaufszentren, Autohäuser und Möbelhäuser vermietet. Auch ein Audi-Haus in Dresden ist dabei. „Wenn Eltern bei einer großen Anschaffung wie einer Küche oder einem Auto länger für Beratungen und für die Konfiguration benötigen, können Kinder in dieser Zeit innovativ und kreativ beschäftigt werden“, sagt Jakob. „So bekommen Eltern die nötige Ruhe für ein entspanntes Einkaufserlebnis.“ Wenn die fertigen Spielzeuge nicht zum Kunden nach Hause, sondern ins Geschäft geschickt werden, bestehe für die Partner bei der Abholung zudem die Chance zum zweiten Kundenkontakt. „Das macht TinkerToys für dieses Segment attraktiv“, so Jakob.

Die drei „Tinker Boys“ haben bisher sehr unterschiedliche Berufswege hinter sich, die sich in ihrer Firma ideal ergänzen. Der ehemalige Bundeswehr-Offizier Marko Jakob (36) aus Leipzig absolvierte einen Master of Business Administration (MBA), arbeitete beim Reiseportal Unister und als Berater. Sebastian Friedrich (30) studierte in Magdeburg Wirtschaftsingenieurwesen und forschte zum 3-D-Druck. Schon als Student gelang es ihm, den heute sehr erfolgreichen Technologie-Inkubator „FabLab“ der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg mit zu gründen. Der kreative Kopf Sebastian Schröder (41) studierte an der Burg Giebichenstein in Halle Spielzeugdesign. Er arbeitet unter anderem für ein erzgebirgisches Spielzeugunternehmen. Sie alle haben zudem verschiedene Erfahrungen in unterschiedlichen Start-ups gesammelt.

Vor gut fünf Jahren liefen sie sich bei der Leipziger Ideenschmiede „Ideeologen“ über den Weg. In vielen Gesprächen entwickelten sie ihr gemeinsames Geschäftsmodell. 2014 starteten sie selbst im „FabLab“ in Magdeburg. Sie begannen, sich mit ihrem 3-D-Druck auf großen Straßen- und Kinderfesten zu präsentieren, ihre Ladengeschäfte in Magdeburg und Leipzig entstanden. Dabei nahmen ihre Tinker Toys immer mehr Gestalt an. 2015 stellten die Gründer einen Software-Entwickler ein, der das stark vereinfachte, intuitive Konstruktionsprogramm entwarf. Im selben Jahr erhalten sie 200 000 Euro Frühfinanzierungen von Geldgebern in Sachsen-Anhalt. Außerdem investieren die Gesellschafter mehr als 50 000 Euro Eigenmittel, um erste Kunden zu gewinnen. 2016 machen sie bereits 130 000 Euro Umsatz und wachsen weiter. Mittlerweile beschäftigen die TinkerToys auch einen Produktionsingenieur für die technische Abwicklung der Druckaufträge und eine Kollegin für Kommunikation, Vertrieb, Marketing und Kundenbetreuung.

Sie alle eint der Wunsch, sagt Marko Jakob, kein kleines Rad in einem Großkonzern zu drehen, sondern selbst kreativ zu sein – und Kindern zu zeigen, welches Potenzial in ihnen steckt.