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Gesundheit

Fachbegriffe besser verstehen

Herzuntersuchungen gehören zu den Eingriffen, bei denen die Patienten es am meisten mit der Angst zu tun bekommen.

© Brand, Gao, Hamann, Martineck, Stangl/Charité

Unverständliche Fachbegriffe tragen dazu bei, dass sie sich noch unwohler fühlen. Ein Comicheft soll die Furcht nehmen und helfen, das medizinische Fachchinesisch besser zu begreifen. Doch gelingt das auch?

Entspannt zur Herzuntersuchung

Patienten, die kein Medizinstudium absolviert haben, runzeln beim Gespräch mit dem behandelnden Arzt häufig die Stirn. Während Verfahren wie Magnetresonanztomographie, Sonographie und Röntgenkontrastuntersuchungen für Mediziner zum Alltag gehören, verstehen die Behandelten oft weder Nutzen noch Ablauf.

So auch in der Abteilung Kardiologie und Angiologie der Berliner Charité. Die Linksherzkatheteruntersuchung gehört dort zu den Standard-Diagnosemethoden. Dennoch klingen Fachbegriffe wie Linksherzkatheter, Ventrikulographie und Stenose für die Untersuchten fremd. Eine Studie bestätigte, dass viele trotz eines Aufklärungsgesprächs das Verfahren nicht vollständig begreifen konnten.

Gut zu wissen: Bei der Linksherzkatheteruntersuchung handelt es sich um einen diagnostischen Eingriff, der dazu dient, Informationen über den Zustand des linken Herzens zu sammeln, insbesondere der Aorta und der Herzklappen. Der Katheterzugang erfolgt über die Oberschenkel-, die Oberarm- oder die Ellenarterie. Mit Hilfe eines Röntgen-Kontrastmittels können die Herzkranzgefäße und die linke Herzkammer dargestellt werden. Zudem werden der Druck und der Sauerstoffgehalt in der Aorta bestimmt.

Das Ärzteteam der Kardiologin Verena Stangl hat deshalb einen Comic entwickelt, der das Verständnis der Patienten erhöhen sollte. Das 20-seitige Heft erklärt ihnen mit Bildern und Text, was bei der Untersuchung geschieht und was es danach zu beachten gilt.

Dabei kommt die Broschüre ohne kindliche Bilder und Witze aus, sondern liefert Informationen im Stil eines illustrierten Romans. Detaillierte Darstellungen bilden die Herzkammern und die Gefäße vereinfacht ab und tragen dazu bei, den Fachjargon greifbar zu machen. Trotz der Lektüre nimmt sich der Arzt natürlich Zeit für die einzelnen Patienten. Das Heft soll das Gespräch mit dem Mediziner ergänzen und nicht ersetzen, so Stangl.

Patienten schätzen zusätzliche Aufklärung

Vor der Erstellung des Comics fragten sich die Ärzte, ob sich damit auch ältere Patienten erreichen ließen. Eine im Fachblatt „Annals of Internal Medicine“ veröffentlichte Studie mit 121 Teilnehmern gab die Antwort darauf: so verstanden Probanden, die zuvor den Comic erhalten hatten, das Verfahren besser als eine Testgruppe. Letztere hatte zusätzlich zum Standard-Aufklärungsgespräch nur einen Infobogen bekommen.

Im Vergleich konnten die Teilnehmer mit der Broschüre 12 von 13 Fragen zur Untersuchung richtig beantworten, in der Testgruppe lag der Durchschnitt bei 9 richtigen Antworten. Darüber hinaus zeigten sich 72 Prozent der Comic-Leser mit der Aufklärung zufrieden, nach dem Standardverfahren waren es hingegen nur 41 Prozent.

Aus diesem Grund sollte der Comic künftig allen Patienten angeboten werden, die sich einer Linksherzkatheteruntersuchung unterziehen müssen. Das Ärzteteam der Charité überlegt außerdem, auch für weitere Herzuntersuchungen Bildergeschichten zu entwickeln. Andere Kliniken meldeten ebenfalls bereits ihr Interesse an.

Persönliches Gespräch bleibt dennoch wichtig

Die Reaktionen auf das Projekt fallen in Fachkreisen gemischt aus. Jörg-Andreas Rüggeberg vom Berufsverband der Deutschen Chirurgen (BDC) begrüßt zwar die Absicht, die Patienten besser aufzuklären. Seiner Meinung nach bleibt das Gespräch unter vier Augen jedoch am wichtigsten, um Ängste auszuräumen. Ein Heft, egal ob Infobogen oder Comic, sei seiner Meinung nach zu standardisiert und daher ungeeignet, um individuell auf den Einzelnen einzugehen.

Auch Dietrich Anders, Vorstandschef der Deutschen Herzstiftung, betont die essenzielle Rolle des aufklärenden Arztes. Unbegründete Angst zu verhindern sei zwar wichtig, doch seine Erfahrung zeige, dass das am besten mit einem persönlichen Gespräch gelinge. Dabei käme es auf die Fähigkeit des Arztes an, nachvollziehbare Skizzen zu zeichnen und auf Fragen mit einfachen Worten zu antworten.

In diese Richtung arbeitet beispielsweise das Medizinisch Interprofessionelle Trainingszentrum (MITZ) des Dresdner Uniklinikums. Mit Hilfe von Schauspielern werden Situationen aus dem Krankenhausalltag nachgestellt. Dabei sollen Medizinstudenten und Pflegepersonal in der Ausbildung lernen, mit Patienten einfühlsam und verständlich zu reden. Auch dient das Training dazu, während unvorhergesehener Situationen Ruhe zu bewahren und trotz des Zeitdrucks Aufklärung zu leisten. Für Leiter Henryk Pich ist eine Kommunikation auf Augenhöhe zwischen Arzt und Patient genauso wichtig wie eine kompetente Behandlung. Die Zeiten, in denen am Krankenbett noch Mediziner-Latein gesprochen wurde, seien schließlich lange vorbei.

*Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem externen Redakteur M. Schneider.