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Chemnitz

Fall Daniel H.: Tatortbesichtigung geplant

Im Prozess um die tödliche Messerattacke von Chemnitz sagt die  Lebensgefährtin des Opfers vor Gericht aus. Eine Tatortbesichtigung soll bei der Aufklärung helfen.

Nach der Tat wurden Blumen und Kerzen an der Stelle in der Chemnitzer Innenstadt aufgestellt, an der Daniel H. erstochen wurde. © Jan Woitas/ZB/dpa (Archiv)

Dresden. Tränen, immer wieder Tränen: Hemmungslos weint die junge Frau mit den langen schwarzen Haaren bei ihrer Zeugenaussage. 260 Tage nach dem gewaltsamen Tod von Daniel H. in Chemnitz sagt seine Lebensgefährtin vor dem Landgericht Chemnitz aus. Der achte Verhandlungstag am Montag in Dresden markiert zudem den neunten Jahrestag ihres Kennenlernens. 

Er sei für sie der loyalste und ehrlichste Mensch gewesen, sagt sie vor dem Richtertisch. Er sei überall beliebt gewesen und Konflikten lieber aus dem Weg gegangen. "Der Daniel hat jeden Raum mit Sonne geflutet", berichtet die 33-Jährige.

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Links hinter ihr sitzt die Mutter des Getöteten und wischt sich während der Aussage immer wieder über die Augen. Sie tritt als Nebenklägerin in dem Verfahren gegen einen Syrer auf. Der 23-Jährige soll am frühen Morgen des 26. August 2018 gemeinsam mit einem Iraker, der sich auf der Flucht befindet und weltweit gesucht wird, den 35-Jährigen erstochen haben.

Zur Aufklärung des Falles hat die Schwurgerichtskammer eine Besichtigung des Tatortes und des nahe gelegenen Döner-Imbisses in der Nacht vom 12. zum 13. Juni angeordnet. Außerdem soll ein Gutachten zu den damaligen Lichtverhältnissen eingeholt werden.

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Bei der vorläufigen Festnahme des Angeklagten wurde ein wichtiges Detail nicht aufgenommen. Dabei war es offensichtlich.

Nach der Bluttat war es in der Stadt zu fremdenfeindlichen Übergriffen, rechten Demonstrationen sowie zu Anschlägen auf ausländische Restaurants gekommen. Der Prozess findet in einem besonders gesicherten Gerichtssaal in Dresden statt.

Mit erstaunlicher Offenheit und ohne sich in ein gutes Licht zu rücken, erzählt die 33-jährige über ihr Leben mit Daniel H. und die Stunden rund um seinen Tod. Als ihr Lebensgefährte starb, war die gelernte Industriekauffrau noch sauer auf ihn. Es habe Streit gegeben, berichtet sie vor Gericht. Sie sei sauer darüber gewesen, dass er sich habe von einem Freund ständig ausnutzen lassen. Sie habe von ihm gefordert, dass das aufhören solle. Er sei wie geplant zum Skatabend bei einem Freund gewesen, sie war bei einem anderen Freund. Den letzten Kontakt habe es dann per Whatsapp gegeben.

Bei der Erinnerung an den Chatverlauf bricht die 33-Jährige heftig in Tränen aus. Er habe einlenken wollen, sie aber sei stur geblieben. Sie habe die letzte Nachricht geschrieben. "Und jetzt lass mich endgültig in Ruhe", zitiert sie aus ihrer Erinnerung. Wie sehr sie diesen Satz bereut, ist unübersehbar.

Ahnungslos vom schrecklichen Geschehen in der lauen Stadtfest-Nacht habe sie am nächsten Morgen auf Facebook gelesen, dass ein Mann "abgestochen" worden sei. Sie habe noch gedacht: "Da hat es wieder so eine arme Sau erwischt" - und den Beitrag geteilt. Weil sich ihr Freund aber nicht wie sonst gemeldet habe, sei sie zunehmend unruhiger geworden. Nachforschungen bei Freunden und im Schrebergarten erbrachten nichts. Als sie den zuvor geteilten Facebook-Beitrag noch einmal angesehen hatte, stand in einem Kommentar, dass das Opfer ein 35-Jähriger war. Da ahnte sie Schlimmes.

Nach ihrer Aussage hatte sich das Paar aus schlimmen Zeiten mit Drogen und falschen Freunden heraus ein bürgerliches Leben aufgebaut. "Als wir uns kennengelernt haben, lief unser beider Leben weit neben der Spur." Acht Jahre lang hätten sie alles getan, um ihr Leben in die normale Spur zu bringen. "Freunde haben schon gefragt, ob wir jetzt Spießer werden." Seitdem hätte Daniel auch keine Drogen mehr konsumiert. Dass bei dem 35-Jährigen Kokain nachgewiesen wurde, könne sie sich nur mit einem Ausrutscher in dieser Nacht erklären.

Als die junge Frau den Gerichtssaal verlässt, wirft sie der Mutter ihres getöteten Lebensgefährten eine Kusshand zu - die diese erwidert. (dpa)