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„Falsche Polizisten kaufen Daten zu Türkei-Urlaubern“

Eine Radebeulerin wurde von Betrügern erst wochenlang manipuliert und dann zur Übergabe von 400 000 Euro gebracht.

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© Norbert Millauer

Eine Radebeulerin wurde von falschen Polizisten am Telefon dermaßen eingewickelt und bedrängt, dass sie ihnen insgesamt 400 000 Euro übergab. Betrüger geben sich als Kripo-Beamte aus und erklären bevorzugt Senioren, dass deren Geld in Gefahr sei und sie geschützt werden müssten. Der in diesem Fall und anderen Betrugsdelikten ermittelnde Kriminalkommissar Dirk Schmidtke sagt, mit welchen Methoden die Betrüger vorgehen.

Dirk Schmidtke hat monatelang in mindestens neun Betrugsfällen mit falschen Polizisten erfolgreich ermittelt.
Dirk Schmidtke hat monatelang in mindestens neun Betrugsfällen mit falschen Polizisten erfolgreich ermittelt. © SZ/Peter Redlich

Herr Schmidtke, woher kommen die Betrüger? Gibt es ein Zentrum?

Es gibt eine bestimmte Täterklientel. Die Drahtzieher sitzen in der Türkei. Das sind in Deutschland aufgewachsene Täter, die hier zum Teil mit Haftbefehlen schon gesucht werden, auch wegen anderer Delikte. Sie dürfen sich in der Türkei relativ sicher fühlen, weil die Türkei keine Landsmänner ausliefert.

Wenn diese Leute von dort anrufen, ist das nicht am Telefon zu bemerken?

Gar nicht. Die rufen zum Teil mit deutschen Handys an oder über deutsche Festnetznummern, wie es auch Geschäftsleute zur Betreuung ihrer Büronummern während der Abwesenheit handhaben. Es wird eine Büronummer vorgegeben, obwohl der Anrufer gar nicht im Büro ist.

Und diese deutsche Nummer erscheint bei den Angerufenen?

So ist es. Damit wird suggeriert, aha es ist die Festnetznummer, ich spreche auch mit demjenigen. Einige Täter nutzen auch die 110 mit der ortsüblichen Ortsnetznummer. Man muss aber wissen, dass die 110 bei Anrufen der echten Polizei nicht im Display erscheint, sondern eine normale Apparatenummer.

Sind das Bandenstrukturen?

Es gibt einen, der das Callcenter in der Türkei anmietet. Mehrere arbeiten als sogenannter Agent, und darüber gibt es noch einen Kopf, der den Auftrag gibt. Dieser hält auch die Verbindung zu den Mitgliedern der Bande in Deutschland direkt.

Der Anmieter wirbt die Agenten an. Diese führen die Telefonate mit den Betroffenen und sagen, dass sie deutsche Polizei seien, etwa vom Bundeskriminalamt. Dabei werden die Nummern vom BKA eingeblendet. Und als Rückrufnummer, weil man ja vorgibt, in geheimer Mission unterwegs zu sein, bekommen die Opfer eine deutsche Mobilfunknummer. Die sollen sie Tag und Nacht zurückrufen. Die Bewandtnis: Die Opfer sollen anrufen, klingeln lassen und sofort wieder auflegen. Anschließend werden sie von einer anderen Nummer zurückgerufen. Die Betrüger haben die Opfer teils soweit manipuliert, dass diese sich sogar zum Urlaub an- und abmelden. Die Täter bringen die Rentner dazu, ein Telefonbankingverfahren einzurichten und ihnen die TAN zur Verfügung zu stellen. Damit haben die Täter freien Zugriff zum Konto der Betroffenen. In dem Radebeuler Fall hatte die Rentnerin das Geld sogar selbst übergeben.

Wie sollten Angerufenen reagieren?

Zuerst eine ganz gesunde Skepsis an den Tag legen. Die Polizei wird von keinem Opfer Geld verlangen. Kein Geld in fremde Hände geben. Eine Polizei wird auch nicht, wie bei einigen Opfern geschehen, ankündigen, dass möglicherweise eingebrochen werden könnte. Die Polizei schickt uniformierte Kräfte, die sich an der Wohnungstür ausweisen. Die Beamten würden auch niemals sagen, Sie sollen mit niemand anderem mehr sprechen, selbst mit Verwandten nicht. Oder sich einzuigeln in der Wohnung.

Wir haben Leute erlebt, die vertrauen niemandem mehr als dieser Telefonstimme. Weil die irgendwann gesagt hat: Wir beschützen Sie – aber reden Sie nicht mit Ihrer Tochter oder Ihrem Mann. Es gibt Risse mitten durch die Familie. Es gibt ein Opfer in den alten Bundesländern, da ging die richtige Polizei warnend dazwischen. Die Frau hat die Polizisten von ihrem Grundstück verwiesen und wegen Hausfriedensbruchs angezeigt. Da ging es um fast eine Million Euro. Es sei völlig egal, was sie mit ihrem Geld mache und wenn sie es zum Fenster rausschmeiße – so war die Antwort des manipulierten Opfers.

Wie ist es möglich, gesunde Menschen so weit zu bringen?

Die Täter rufen in der Regel spätabends oder nachts an. Dann wird gesagt: Bei Ihnen soll eingebrochen werden. Seien Sie unbesorgt, wir haben die Sache unter Kontrolle. Streifen sind in der Nähe. Wir melden uns morgen wieder. Damit sind die älteren Leute aufgeregt und warten auf den nächsten Anruf. Am nächsten Morgen wird pünktlich angerufen. Dann heißt es: Der Fall wird jetzt weitergegeben an einen Kollegen. Die darauffolgenden Tage beginnt die eigentliche Manipulation. Das kann wochenlang gehen. In dieser Phase wird immer mehr an der Schraube gedreht. Haben Sie was gegen Ausländer? Wir ermitteln gegen ausländische Banden. Wir haben welche festgenommen. Bei diesen Banden wurde ein Zettel mit Adressen gefunden. Da steht jetzt wieder Ihr Name drauf. In Klammer steht in Türkisch was drauf, das haben wir übersetzen lassen und bedeutet so viel wie „hat Geld“. Was haben Sie denn für Geld? Und dann wird die Fragerei nach den Vermögenswerten vorangetrieben. Am Ende wissen die Täter, wie viel Geld bei welcher Bank und in welcher Anlageform liegt.

Danach wird vorgegaukelt, dass gerade in der Filiale eine Mitarbeiterin namens Sabine mit den Gangstern zusammenarbeiten würde. Wir haben auch Telefonmitschnitte. Ich spiele Ihnen den mal vor. Dann wird ein vorgefertigter Mitschnitt vorgespielt – in dem eine Sabine sagt: Die Alte merkt ja gar nichts mehr. Ich räume jetzt das Konto ab. Und ein Gangster mit gebrochenem Deutsch antwortet darauf.

Die Opfer haben selbst nicht mehr allzu viele soziale Kontakte. Vielleicht monatlich einen Anruf von der Tochter. Ab und zu ein Gespräch mit der Nachbarin. Der Mann lebt nicht mehr. Über Geld spricht man sonst nicht. Plötzlich interessiert sich jemand für sie und will die alten Leute sogar beschützen. So wird Stück für Stück Vertrauen aufgebaut. Die Opfer liefern, teils unbewusst Informationen. Am Ende sagen die Opfer: Der hat ja alles von mir gewusst – eben weil sie sich gar nicht mehr erinnern, was sie alles ausgeplaudert haben.

Wie ist das Ausfragesystem organisiert?

Es gibt in der Türkei etwa 2 500 Callcenter, die bekannt sind, und etwa noch einmal die gleiche Zahl an illegalen Callcentern. In der Callcenter-Kriminalität ist der falsche Polizist nur ein Segment. Diese Kriminalität schwappt derzeit in Massen jeden Tag in den gesamten deutschsprachigen Raum. Da wird alles Mögliche erzählt. Es ist die Lebensgrundlage von Betrügern, die dafür arbeiten. Da wird mit Gewinnversprechen gearbeitet, man solle Gebühren in die Türkei zahlen, damit man den Gewinn angeblich ausgezahlt bekommt. Mit Inkasso-Eintreibeverfahren wird gedroht, wenn jemand nicht zahlt.

Die Leute werden auch angeschrieben mit Inkasso-Briefen. Dazu werden selbst gefälschte Briefe mit Staatsanwaltköpfen verwendet. Dabei wird suggeriert, dass Leute, die auf ein Gewinnspiel eingegangen sind, dies illegal getan hätten und jetzt zahlen müssten. In der Türkei würde eine Anzeige laufen. Aus 10 000 Euro Strafgebühr werden dann 3 000 Euro gemacht, wenn sofort gezahlt wird. Wer einmal in den Fängen der Betrüger ist, wird dann nicht selten mit dem falschen Polizeibeamten weiter gemolken, bis das Letzte rausgeholt ist.

Selbst wenn das abgeschlossen ist und noch Vertrauen zu den Anrufern besteht, weil ihnen versprochen wird, ihr Geld sei nun sichergestellt, passiert die nächste perfide Masche. Sie sollen Pakete mit sichergestellten Gegenständen entgegennehmen und diese dann ungeöffnet an Geheimagenten in Zivil übergeben, die die Pakete bei ihnen abholen. Das ist nichts anderes als Bestellung bei Versandhäusern auf Kosten der Opfer. Eine Frau aus Heidenau hat in vier Tagen 26 Sendungen angenommen. Warenwert 20 000 Euro. Die Bestellungen werden von der Türkei aus ausgeführt, verschuldet sind damit die Rentner, auf deren Adresse die Pakete bestellt wurden.

Konnten Sie da einschreiten?

In dem Heidenauer Fall, ja. Über die Warenhäuser haben wir die Quellen bekommen, woher wirklich bestellt wurde.

Woher wissen die Täter, dass bei bestimmten Leuten was zu holen ist?

Es gibt zwei Methoden, wie die Täter an Telefondaten kommen. Der Klassiker, eine Telefon-CD, auf denen zielgerichtet nach älteren Damen gesucht wird. Ältere Vornamen sind dabei von Nutzen für die Betrüger. Die noch bedeutsamere Quelle für Namen und Telefonnummern sind Türkeiurlauber. Diese besuchen Teppichbasare oder Schmuckfabriken. Wenn solche Firmen etwa pleite gehen, verkaufen manche ihre Adressdateien. Auch von Bulgarien ist diese Variante bekannt geworden. Hoteliers haben schon ihre Adressdateien zu Geld gemacht.

Auch wirkliche Gewinnspiele werden ausgeschrieben, um an Adressdaten zu kommen. Ein halbes Jahr später bekommt der Teilnehmer einen Anruf: Sie haben doch angekreuzt, dass Sie statt des Audi A 6 lieber das Geld haben möchten. Der Gewinn wird Ihnen morgen gebracht, im Geldkoffer. Da sind zwei vom Wachschutz dabei und eine Notarin, deren Name genannt wird. Und ich nenne Ihnen jetzt die Geheimzahl des Geldkoffers. Der Notar ist mit im Gewinn enthalten, aber die Leute vom Wachschutz nicht. Die müssten Sie selbst bezahlen. Aber wir dürfen kein Bargeld annehmen. Am besten kaufen Sie dafür Gutscheine von Amazon im Wert von 600 Euro. Sie werden wieder angerufen. Im Erfolgsfall laufen die Leute los. Was sind schon 600 Euro gegen 70 000 Euro Gewinn. Dann gibt es den Anruf, die Gutscheinnummern sollen angesagt werden. Danach ist vom Täter nie wieder was zu hören.

Gibt es Erkenntnisse, dass bei deutschen Banken Mittäter arbeiten, die Vermögensverhältnisse preisgeben?

Mitunter sind die Geldabholer ehemalige deutsche Opfer. Die wurden als sogenannte Geheimagenten zu den nächsten Opfern geschickt, um Geld abzuholen. Teils, um ihre Schulden abzuarbeiten, teils als verdeckte Ermittler. Ihnen wird ja weiter vorgegaukelt, dass BKA-Beamte auf der Spur von Betrügern oder Einbrechern seien. Wir sind darauf gekommen, weil eine Geschädigte eine ältere Dame sehr genau beschrieben hat. In keinem der Fälle sind Bankmitarbeiter beteiligt.

Geben Ihnen Banken mal einen Hinweis, wenn offensichtlich jemand betrogen werden soll?

Von der Ostsächsischen Sparkasse hatten wir einen Anruf: Hier ist eine ältere Dame aus unserem VIP-Bereich, die verhält sich völlig konträr ihrem sonstigen Verhalten gegenüber. Sie will sofort von allen Konten alles Gesparte abheben. Möglicherweise liegt der Enkeltrick vor. Sensible Hinweise bekommen wir so und arbeiten sehr gut zusammen. Wir haben auch schon Bankmitarbeiter prämiert, wenn sie einen Enkeltrickbetrug verhindert haben.

Ist Dresden und die Umgebung dafür ein besonders betroffener Bereich?

Einer, in dem bisher viel passiert ist. Und in dem auch viel ermittelt wurde. Als es im März vorigen Jahres begann, hatten die türkischen Täter hier nur nicht genügend Landsleute zum Rekrutieren. Deshalb wurde älteren deutschen Frauen als angebliche verdeckte Ermittler angeworben, die Briefumschläge abholen sollen. Was dann auch gemacht wurde. Mit Summen von mehreren Hunderttausend Euro drin.

Die Opfer müssen mit eingeschaltetem Handy, welches angelassen werden soll, zur Bank gehen. Dabei kann der Täter per Raumüberwachung genau nachverfolgen, ob sie wirklich in der Bank sind. Die Täter lassen sich die Scheine vorzählen und die Registriernummern ansagen. Immer, um sicherzugehen und die Opfer zu beschäftigen. Die ja stets denken, sie sichern ihr Vermögen und werden von der Polizei betreut.

Neun größere Fälle gibt es im Kreis Dresden.

Ist dieses System des Ausspionierens und Betrügens neu?

Ja, weil es vor allem mit Internet und Smartphon-Telefonie möglich ist, an Konten zu gelangen. Den alten Leuten alles zu nehmen und dann auch noch Schulden aufzuhalsen, ist das Letzte. Die Bargeldbetrügereien im fünfstelligen Bereich gibt es erst seit 2015.

Wurde von Ihren Leuten schon mal Geld zurückgeholt?

In einem Fall, in dem wir über drei Stationen die Postsendung nachverfolgen konnten und der echte Polizist schließlich genau bei Ankunft vor dem Haus stand, wo das Geld ankommen sollte.

Die Ermittlungen werden jetzt vom Landeskriminalamt übernommen, warum?

Diese Strukturermittlung, national wie international, ist in einer Polizeidirektion nicht zu bewältigen.

Ist Radebeul, die vermeintliche Stadt der Millionäre, besonders im Visier der falschen Politzisten?

Das ist reine Spekulation. Die türkischen Täter agieren nach den Adressdateien, verfolgen allerdings auch die Tagespresse in dem Gebiet, wo in jemand in die Fänge gegangen ist, um Informationen – wie etwa Polizeinachrichten von Einbrüchen – als Druckmittel zu nutzen.

Interview: Peter Redlich