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Falsches Alibi zum Stadtfestüberfall?

Auch im zweiten Prozess um rechtsradikale Übergriffe eines 31-Jährigen geht es um die Frage, ob er überhaupt am Tatort war.

© SZ

Von Alexander Schneider

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So verachtenswert wie der Angriff auf Ausländer während des Dresdner Stadtfestes im August 2016 war, so wenig erfolgreich war die Polizei bei der Suche nach Tätern. Es hatte Wochen gedauert, ehe den Ermittlern klar wurde, dass es sich um einen gezielten Überfall von Rechtsradikalen gehandelt haben muss. Mehr als zehn Asylbewerber aus dem Irak und aus Afghanistan waren zum Teil schwer verletzt worden. 20 bis 40 Täter sollen schwarz gekleidet und vermummt „Jagd auf Ausländer“ gemacht haben, so die Generalstaatsanwaltschaft. Die Geschädigten trauen sich zum Teil noch heute abends nicht mehr alleine auf die Straße.

Nur ein 19-Jähriger hat bislang seine Mittäterschaft gestanden. Das war in seinem Prozess vor der Staatsschutzkammer des Landgerichts Dresden, wo er im Sommer 2017 wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung – der „Freien Kameradschaft Dresden“ (FKD) – zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

Robert H. (31), gelernter Industriemechaniker mit einschlägiger Vorstrafe, soll sich auch an der Jagd in der Nacht zum 21. August 2016 beteiligt haben. Er bestreitet das. Der Angeklagte wurde im August 2017 am Amtsgericht Dresden zu einer Freiheitsstrafe von drei Jahren verurteilt – wegen dieser Sache und mehreren weiteren Körperverletzungen. Seit Januar läuft der Berufungsprozess vor dem Landgericht Dresden – und auch da haben wieder H.s Lebensgefährtin und ein befreundetes Paar ihm ein Alibi gegeben. Man sei schon vor Mitternacht zu Hause gewesen, deutlich vor Beginn der Angriffe am Elbufer. Neue Beweise, SMS-Nachrichten mutmaßlicher Mittäter aus dem FKD-Umfeld belasten H. jedoch: H. habe ihm einen „Ausländer weggenommen“ und selbst verprügelt, soll der Komplize geschrieben haben. Es gebe keine Zweifel, dass der Angeklagte in dieser Nachricht auch gemeint gewesen sei.

Ungewöhnlich war die Aussage eines Sicherheitsmannes, der sich schon im ersten Prozess gegen H. seltsam verhalten hatte. Zeugen berichteten, sie hätten den Wachmann, der bei der Drewag-Party Dienst hatte, beobachtet, wie er Angreifern geraten habe, abzuhauen, ehe die Polizei kommt. Nun am Landgericht überraschte der Wachmann wieder. Er berichtete, ein Kumpel habe ihm in jener Nacht eine SMS gezeigt. Darin stand: „Wenn ihr Spaß haben wollt, kommt runter.“ Diese Handynachricht belege, dass es Aufforderungen gegeben habe, sich an den Übergriffen zu beteiligen. Warum der Zeuge erst jetzt von dieser SMS berichtete und nicht schon am Tattag, später bei seiner Polizeivernehmung oder im erstinstanzlichen Prozess, das wird wohl sein Geheimnis bleiben.

H. sitzt seit November 2016 in Untersuchungshaft. Am Donnerstag soll der Prozess enden.