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Familie mit Profil

Karsten Tripke übernimmt in Niesky den Betrieb seines Vaters. Der hat ihn zuvor durch eine Zeit des Umbruchs gelotst.

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© André Schulze

Von Alexander Kempf

Niesky. Einige Male hat Karsten Tripke die Zeitung freundlich vertröstet. Wenn schon über die Übergabe des Nieskyer Familienbetriebs an ihn berichtet wird, dann müsse doch wenigstens sein Vater mit auf dem Foto sein, erklärt er. Doch der ist zunächst verhindert. Karsten Tripkes Wunsch wird jeder nachvollziehen können. Schließlich ist es Hansjoachim Tripke, der den Weg des Unternehmens in den vergangenen 26 Jahren maßgeblich geprägt hat. Keiner weiß mehr über den Familienbetrieb, der schon seit vier Generationen in der Oberlausitz Gummi gibt.

Schon in den Achtzigern repariert Hansjoachim Tripke alte Reifen.
Schon in den Achtzigern repariert Hansjoachim Tripke alte Reifen. © privat
Die Anfänge der Firma liegen in Weißwasser. Hier haben sich Hansjoachim Tripkes Vater (rechts) und Großvater nach dem Krieg selbstständig gemacht. Auf dem Foto ist er als kleiner Junge vor dem Firmensitz zu sehen. Später zieht er mit dem Vater nach Niesky
Die Anfänge der Firma liegen in Weißwasser. Hier haben sich Hansjoachim Tripkes Vater (rechts) und Großvater nach dem Krieg selbstständig gemacht. Auf dem Foto ist er als kleiner Junge vor dem Firmensitz zu sehen. Später zieht er mit dem Vater nach Niesky © privat

Die DDR ist noch nicht gegründet, da entsteht in Weißwasser schon etwas aus Ruinen. Hansjoachims Vater und Großvater reparieren ab 1946 Transportbänder und Autoreifen. Gemeinsam gründen der Schmied und der Schlosser den Vulkanisierungsbetrieb Tripke. Der leidet wie alle unter dem Mangel an Material und Maschinen. Doch Gummi ist gefragt und bietet als Tauschobjekt auch Chancen. Also nehmen die Tripkes Gipsabdrücke von Gegenständen, an denen es fehlt, und fertigen eigenen Formen an. Sie stellen bald nicht nur Ersatzteile für Fahrradreifen, sondern sogar Sohlen für Gummistiefel her.

Not macht erfinderisch. Hansjoachim Tripke kennt diese Zeit aus Erzählungen seines Vaters und Großvaters. Damit die Details nicht in Vergessenheit geraten, hat er vor Jahrzehnten eine Chronik des Familienunternehmens begonnen. In Zeiten des Überflusses eröffnet sie ein spannendes Fenster in eine nahe und doch so ferne Zeit. Auch aussichtslos abgefahrene Reifen werden damals geflickt. Doch nicht nur Reifen fehlen damals. Noch in den 1950er Jahren fertigt der kleine Vulkanisierungsbetrieb auch Einweckringe an und macht damit sicher nicht nur Hausfrauen glücklich.

Doch so spannend sich die Chronik über selbst gebaute Maschinen in Weißwasser und Niesky liest, so plötzlich endet sie wenige Monate vor der Wende. Denn Chronist Hansjoachim Tripke übernimmt im Frühjahr 1989 die Geschäfte von seinem Vater und kommt mit dem Schreiben bald nicht mehr hinterher. Dabei tut sich gerade damals in der Firma, in Niesky und ganz Deutschland viel. Die Tripkes müssen etwa ihre Werkstatt in der Görlitzer Straße in Niesky räumen. Die Kirche wünscht sich damals die Sparkasse als Mieter. Also nehmen Tripkes einen Millionenkredit auf und ziehen nach einer Zwischenstation in der Muskauer Straße in das neu entstandene Gewerbegebiet Süd um. „Da waren wir alle euphorisch. Wir dachten, jetzt geht es vorwärts“, erzählt Hansjoachim Tripke.

Und so kommt es zunächst auch. In Spitzenzeiten betreibt der Unternehmer Werkstätten in Niesky, Görlitz und Weißwasser. Gerade die Wiege der eigenen Firma will er damals unbedingt zurückkaufen. Denn Vater und Großvater sind schon ab Anfang der 1960er Jahre beruflich getrennte Wege gegangen. Hansjoachims Vater Günter entscheidet sich damals für den Neuanfang in Niesky. „Kein Geld, kaum Maschinen, ein kleiner Raum, viel Unternehmungsgeist, viele alte Freunde und ein Wartburg 311 – so wurde begonnen, einen Vulkanisierungsbetrieb aus dem Boden zu stampfen“, schreibt Hansjoachim Tripke in der Firmenchronik über diese Zeit.

Dass er den Betrieb mal fortführen wird, hat er anfangs wohl selbst nicht ganz geglaubt. Denn Hansjoachim Tripke entscheidet sich zunächst für eine Karriere im Nieskyer Stahlbau. Dort arbeitet er in der Investabteilung und verdient gutes eigenes Geld. Als seine Eltern vor der Frage stehen, ob sie überhaupt noch weiter in die eigene Firma investieren sollen, stellen sie den Sohn vor eine schwere Entscheidung. Soll er noch mal als Lehrling anfangen und später seinen Meister machen, um den elterlichen Betrieb fortzuführen? Hansjoachim Tripke entscheidet sich dafür. Bereut hat er es bis heute nicht. „Mir haben beide Dinge viel Spaß gemacht“, sagt der 65-Jährige.

Doch aus den größeren Freiheiten nach 1989 resultiert auch mehr Verantwortung. Nicht alle Hoffnungen in der Oberlausitz erfüllen sich. Die Kredite aber müssen unabhängig von der Konjunktur bedient werden. Hansjoachim Tripke steuert das Unternehmen durch ein Vierteljahrhundert der Wenden. Nicht selten umfasst seine Arbeitswoche 60 Stunden und mehr. Die Firma ist ein Familienbetrieb im besten Sinne. Neben seiner Frau Barbara gehört auch der älteste Sohn Karsten zum Unternehmen.

Nervös wirkt der gelernte KfZ-Mechaniker wegen der nun wachsenden Verantwortung nicht. „Ich bin mit der Firma groß geworden“, sagt der 38-Jährige. Jetzt müsse er eben sein eigenes Geld verdienen. Der Nieskyer will es seinem Vater gleich tun und den Betrieb bis zur eigenen Rente weiterführen. „Die Kontinuität wird bleiben“, verspricht Karsten Tripke. Wenngleich natürlich niemand wissen kann, was die Zukunft bringt. Als Karsten Tripkes Vater den elterlichen Betrieb übernommen hat, ist schon Monate später mit der Wende alles ganz anders gekommen als gedacht. Auch sein Sohn wird Herausforderungen meistern müssen. Die Oberlausitz schrumpft und der Internetversandhandel verändert viele Branchen.

Hansjoachim Tripke blickt aber optimistisch in die Zukunft. Auch weil der Betrieb längst nicht mehr nur Reifen flickt und verkauft. Reifen Tripke ist eine Werkstatt. Und die Technik in den modernen Fahrzeugen werde immer komplexer, beobachtet der 65-Jährige. Selbst Hand anlegen wie noch zu Ostzeiten? Das werde im digitalen Zeitalter immer schwieriger. Neben dem Werkstattgeschäft wird sich sein Sohn nun zusätzlich stärker um den Reifen-Handel kümmern. Dass ihm das Internet in dem Geschäft den Rang abläuft, fürchtet Karsten Tripke nicht. Natürlich seien die Kunden dadurch hinsichtlich Angebot und Preisen besser informiert, sagt er. Doch das muss für den Händler ja kein Nachteil sein. Eine breite Auswahl erfordert umso mehr Beratung.

Karsten Tripke ist für das Kapitel Zukunft des Unternehmens verantwortlich. Wird sein Vater nun, da er vielleicht mehr Freizeit hat, die Arbeit an der Chronik wieder aufnehmen? Das lässt er lächelnd offen. Langeweile dürfte ihn so schnell aber nicht ereilen. Hansjoachim Tripke ist ein Mann mit vielen Hobbys. Er sammelt Schallplatten und alte Kofferradios. Und auch die eigene Musikbox muss überholt werden. Beruflich legt der Senior das Werkzeug nun zur Seite, privat wird das aber sicher noch eine Weile auf sich warten lassen. Es könnte also dauern, ehe die Firmenchronik wieder auf dem neuesten Stand ist.

In den letzten 25 Jahren hat sich in jedem Fall viel verändert. Wer heute auf alten Aufnahmen sieht, wie Reifen einst erst aufgeraut und dann aufwendig runderneuert worden sind, der fragt sich, warum Dinge heute so wenig Halbwertszeit haben. Der Preis entscheidet, erklärt Karsten Tripke. Die Reifen von Lastwagen werden mitunter noch heute runderneuert. Denn dort sei das unter Umständen wirtschaftlicher.