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Alleinerziehend - weiblich - arm

Das Beispiel einer Mutter aus Döbeln zeigt, wie schwer das Leben vieler Alleinerziehender in Sachsen ist. Daran ändert auch der gestiegene Unterhalt nichts.

Von Stephanie Wesely
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Kosten für die Freizeitgestaltung schlagen bei Kathleen Bölke aus Döbeln heftig zu Buche. Ihr Sohn Henrik (14) ist Rettungsschwimmer, Richard (11) macht Seibukan-Karate und Fredrik (4,5 Jahre) geht in die Musikschule.
Kosten für die Freizeitgestaltung schlagen bei Kathleen Bölke aus Döbeln heftig zu Buche. Ihr Sohn Henrik (14) ist Rettungsschwimmer, Richard (11) macht Seibukan-Karate und Fredrik (4,5 Jahre) geht in die Musikschule. © SZ/ Veit Hengst

Kathleen Bölke aus Döbeln kommt mit ihren drei Kindern geradeso über die Runden, obwohl sie in Vollzeit arbeiten geht. Der Vater ihrer beiden großen Söhne, die 14 und 11 Jahre alt sind, zahlt 600 Euro Unterhalt pro Monat – viel weniger, als es laut Unterhaltstabelle angemessen wäre. Doch auch diesen Betrag hat sie nur mit Unterstützung des Jugendamtes erwirken können.

Seit Januar hätten ihre Söhne eigentlich Anspruch auf höheren Unterhalt. „Aber ich scheue die Auseinandersetzung, den Ärger und die viele Zeit, die dafür drauf geht. Und Geld für einen Anwalt habe ich ohnehin nicht übrig“, sagt die 42-Jährige. Deshalb wird sie wohl versuchen müssen, mit dem Geld auszukommen.

Kleiner Sohn hat guten Kontakt zum Vater

Für ihren kleinen, vierjährigen Sohn bekommt sie Unterhalt laut der Sächsischen Unterhaltstabelle. Sein Vater habe ein gutes Einkommen. Sie könne mit ihm auch über die Belange des Jungen reden, und er sei bereit, anfallende Extrakosten mitzutragen. Als Familie haben sie früher nie richtig zusammengelebt, und heute wohnt der Vater fast 300 Kilometer entfernt.

Im Dezember haben sich Vater und Sohn fast jedes Wochenende gesehen, jetzt wollen sie die gemeinsame Zeit auf drei Tage mit Übernachtung ausdehnen. „Das klappt alles sehr gut“, sagt Kathleen Bölke. Obwohl der Vater ihres kleinen Sohnes selbst wieder eine Familie habe, möchte er den Kontakt zu seinem Sohn nicht missen und an seiner Entwicklung teilhaben. Das wünscht sie sich auch für ihre großen Söhne. Doch die sehen ihren Vater maximal drei Tage im Jahr, und dann nur kurz.

Nur jede zweite Alleinerziehende bekommt Unterhalt

„Zwei völlig unterschiedliche Situationen, die die Lebenswirklichkeit der etwa 145.000 Alleinerziehenden in Sachsen sehr gut widerspiegeln“, sagt Brunhild Fischer, Geschäftsführerin des Landesfamilienverbandes „Selbstbestimmte Handlungsstrategien und Initiativen für Alleinerziehende“ – kurz SHIA in Sachsen. Der Verband hat jetzt die Ergebnisse einer Online-Befragung vom Sommer 2021 vorgestellt, an der sich 946 Alleinerziehende – 90 Prozent Frauen, zehn Prozent Männer – beteiligt haben.

Die Ergebnisse werden im Mai auf einer Fachkonferenz diskutiert. Danach bekamen mehr als die Hälfte der Alleinerziehenden gar keinen Unterhalt und etwa ein Viertel der Befragten nur einen Teil des ihnen zustehenden Betrags. Als Gründe für den Verzicht gaben wie Kathleen Bölke viele an, die Auseinandersetzung und den Kampf ums Geld zu scheuen. Oft konnten auch die Väter keinen höheren Betrag zahlen, weil damit der Selbstbehalt unterschritten worden wäre. Ein Fakt, den Brunhild Fischer so nicht toleriert: „Den Alleinerziehenden steht auch kein solcher Betrag für eigene Belange zu. Am Geld fürs Kind dürften keine Abstriche gemacht werden.“

Altersarmut ist bereits vorauszusehen

Insgesamt hat Kathleen Bölke aus ihrer Arbeit als Sachbearbeiterin, dem Unterhalt und dem Kindergeld knapp 2.900 Euro monatlich für die ganze Familie zur Verfügung. Geld für eigene Belange bleibt da nicht übrig. Mehr als der Hälfte der Befragten mit mehr als einem Kind geht es wie Kathleen Bölke, belegt die SHIA-Studie. Alleinerziehende Männer standen bei dieser Befragung finanziell meist besser da. „Am Monatsende bleibt so gut wie nichts übrig. Gestern ging noch meine Waschmaschine kaputt, wie ich das bezahlen soll, weiß ich noch nicht“, so die 42-Jährige.

Sie gibt einen Einblick in ihre finanzielle Situation: Zum Glück habe sie eine sehr günstige Wohnung, für die sie 200 Euro Kaltmiete, 400 Euro Betriebskosten und 95 Euro Strom zahlt. An den neuen Energieabschlag will sie aber noch gar nicht denken. Hinzu kommen 190 Euro für Versicherungen und 130 Euro für Telefon und Internet. Für ihre Kinder fallen monatlich außerdem 30 Euro Bustickets, 60 Euro Sportvereine, 240 Euro Schul- und Kita-Essen und 102 Euro Kitagebühr an. Mobilität kostet sie monatlich 290 Euro. Lebensmittel, Kleidung, Freizeit, Schulmaterial, Kultur, Autoreparaturen, feier- und Geburtstage sind da noch nicht inbegriffen. „Ich bekomme weder Wohngeld noch Kinderzuschlag.“

Ihr Großer hat dieses Jahr Jugendweihe. Da ist eine Klassenfahrt geplant, die sie 600 Euro kostet. Der Mittlere fährt demnächst ins Skilager – Kostenpunkt: 650 Euro für eine Woche. Reserven bleiben da nicht. Ihre eigene Altersvorsorge bedient Kathleen Bölke gerade einmal mit 40 Euro monatlich – die Altersarmut ist also bereits vorauszusehen.

Freistaat soll Mütter und Väter unterstützen

Doch das fehlende Geld ist nicht das Einzige, was die Alleinerziehenden umtreibt. „Wir wünschen uns flexible kostenfreie Kinderbetreuungsmöglichkeiten, eine Hort- oder anderweitige kostenfreie Betreuung für Kinder bis mindestens zwölf Jahre, vollständige Lernmittelfreiheit, kostenfreie Kultur- und Freizeitangebote sowie Möglichkeiten flexibler Hol- und Bringedienste der Kinder bei familienunfreundlichen Arbeitszeiten“, sagt Brundhild Fischer.

Auch eine Unterstützung bei eigener Krankheit sollte es für die Alleinerziehenden geben. Denn laut Studie versorgen 80 Prozent der Befragten ihre Kinder bei eigener Krankheit selbst – ohne Unterstützung von außen. „Ein großer Teil der Alleinerziehenden in Sachsen ist also nicht nur arm an Geld, sondern auch arm an Zeit, an Unterstützung und an Gesundheit, so Fischer.

All diese Forderungen seien in die Empfehlungen zum Landesaktionsplan für Alleinerziehende in Sachsen eingeflossen. Wir sind im Gespräch mit der Landesregierung“, sagt sie. Für Kathleen Bölke wäre selbst die Umsetzung eines kleinen Teils der Forderungen ein großer Fortschritt.

Am Donnerstag: Expertenrat am Telefon

Was können Unterhaltspflichtige tun, wenn sie den gestiegenen Unterhalt nicht aufbringen? Wie machen Trennungskinder ihren Anspruch auf mehr Unterhalt geltend? Wie wird das Kindergeld angerechnet? Müssen Unterhaltsempfänger nachweisen, wofür sie das Geld brauchen? Dürfen Unterhaltszahler Zeiten, die sie mit dem Kind verbringen, aus dem Unterhaltsanspruch herausrechnen? Was gilt beim Wechselmodell?

Diese und andere Fragen zum neuen Kindesunterhalt beantworten zwei Fachanwälte und eine Mitarbeiterin des Jugendamtes Dresden bei einem Telefonforum am Donnerstag, 19. Januar, von 14 bis 16 Uhr.

Folgende Anschlüsse sind geschaltet:

0351 48642805: Almut Patt, Mediatorin und Fachanwältin für Familienrecht aus Chemnitz

0351 48642806: Frank Simon Mediator und Fachanwalt in Dresden und Chemnitz

0351 48642807: Peggy Göhler, Verfahrensvertreterin und stellvertretende Sachgebietsleiterin, Jugendamt Dresden

Die Fachleute sind zwei Stunden lang telefonisch erreichbar. Häufig gestellte Fragen und die dazu gehörigen Antworten werden nach dem Telefonforum auch veröffentlicht.