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„Bleibt das Baby jetzt für immer?“

Familienzuwachs ist für ältere Kinder eine große Umstellung. Eine Radeberger Familie erzählt, wie sie das gemeistert hat.

Sie verstehen sich ohne große Worte – die knapp dreijährige Valea aus Radeberg und ihre kleine Schwester Skadi (sechs Monate). Die Eltern sind froh, dass es nicht zu Rivalitäten gekommen ist.
Sie verstehen sich ohne große Worte – die knapp dreijährige Valea aus Radeberg und ihre kleine Schwester Skadi (sechs Monate). Die Eltern sind froh, dass es nicht zu Rivalitäten gekommen ist. © Ronald Bonß

Dass es nur eine Schwester und nicht der gewünschte Bruder geworden ist, kann die knapp dreijährige Valea Henker aus Radeberg ihren Eltern mittlerweile verzeihen, wie Mutter Johanna Henker und Vater Cedric Kowtsch schmunzelnd berichten. Mehr noch – auf ihre kleine Skadi lasse Valea nichts kommen, verteidige sie sogar, wo immer es geht. Ein großes Glück für die Eltern, denn sie hatten mit mehr Problemen gerechnet. Besonders Mutter Johanna machte sich Sorgen, dass Valea sich vielleicht zurückgesetzt fühlen könnte und den Familienzuwachs nicht akzeptiert. Denn ein so kleines Baby braucht am Anfang noch sehr viel Zuwendung, die dem größeren Kind dann fehlt.

Solche Schuldgefühle hat Hebamme Sandra Piterek aus Chemnitz bei vielen Müttern beobachtet, die das zweite oder dritte Kind erwarten. „Sie sorgen sich fast mehr um die Großen als um das neue Familienmitglied.“ Jedoch meist ohne Grund, denn die Kinder seien oft regelrecht verliebt in ihre kleinen Geschwister.

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Sandra Piterek leitet einen Geschwisterkurs am Klinikum Chemnitz. Die Mehrzahl der sächsischen Geburtskliniken bietet solche kindgerechten Informationsrunden an. Etwa acht bis zehn Mädchen und Jungen – zwischen drei und acht Jahren – erfahren dort, was das Baby in Mamas Bauch macht, warum es oft schreit und wie sie es trösten können. Wichtig seien auch Fragen der Ernährung, auch, dass sie nicht einfach von der Schokolade der Großen kosten können. „Zum Abschluss bekommen die Kinder ein Zertifikat als großer Bruder oder als große Schwester. Das macht sie sehr stolz“, sagt die Hebamme. Leider mussten aber seit dem Spätherbst die Kurse coronabedingt ausfallen.

Aufmerksamkeit um jeden Preis

Die junge Radeberger Familie hat sich anders vorbereitet: „Es gibt gute Bücher, mit denen man den älteren Kindern die Ankunft ihres Geschwisterchens erklären kann“, sagt Johanna Henker. Sie selbst habe sich auch online Tipps geholt, wie andere Eltern die Sache gemeistert haben. Denn sie wollten möglichst alles richtig machen.

Ein Altersunterschied von zwei Jahren, wie in ihrem Fall, hat Vor- und Nachteile. Ist das Ältere noch so klein, dass es selbst viel Aufmerksamkeit benötigt, fällt es ihm aus Sicht von Pädagogen schwerer zu verstehen, was da vor sich geht. Andererseits wachsen beide zusammen auf und können bald schon miteinander spielen. Mit zunehmendem Altersunterschied wächst das Verständnis, und das ältere Kind ist eigenständiger. Es kann mehr Verantwortung übernehmen, hat aber auch völlig andere Interessen, was wiederum die Eltern vor Herausforderungen stellt.

Die meisten Kinder bekommen im Alter von drei bis vier Jahren einen Bruder oder eine Schwester. Pädagogen sehen das jedoch als ein schwieriges Alter, denn die Kinder befinden sich dann oft in einer Trotzphase, in der sie ihre Grenzen austesten und es gewöhnt sind, die volle Aufmerksamkeit der Eltern zu erhalten.

Wie Fotos helfen können

„Auch Valea war anfangs anders drauf“, sagt Vater Cedric. Als Skadi ein paar Wochen alt war, habe Valea versucht, die Aufmerksamkeit der Eltern stärker auf sich zu ziehen. Sie sei zuweilen bockig gewesen und habe irgendwelchen Quatsch gemacht. Keine Seltenheit, sagt Sandra Piterek: „Ist das Kleine einige Zeit auf der Welt, wollen die Kinder wissen, ob das Baby jetzt für immer dableibt. Sind sie sich dessen sicher, überschütten sie es meist mit ihrer Liebe, die mitunter auch etwas grobmotorisch oder ungestüm ausfallen kann.“

Doch gerade in diesen Augenblicken sei Augenmaß gefragt, so die Hebamme: „Natürlich muss man Grenzen setzen, wenn das Baby gefährdet werden kann. So darf das größere Kind natürlich nicht auf dem Sofa herumspringen, wenn das Baby dort liegt.“ Aber permanent Nein zu sagen und das größere Kind wegzuschicken, gebe ihnen das Gefühl, nicht mehr wie vorher geliebt zu werden. Sie sehen Bruder oder Schwester dann als Rivalen. Eltern müssten in dieser Zeit viel erklären und Alternativen anbieten. Das könne bisweilen auch anstrengend sein. Hilfreich seien dabei Kinderfotos, die die größeren Kinder in dem Alter des Babys zeigen. Die Kinder verstehen so besser, dass sie auch einmal so klein waren und viel Zuwendung brauchten.

Besonderes Augenmerk gelte Sandra Piterek zufolge auch gegenüber Besuchern am Wochenbett oder später. „Besprechen Sie mit den Großeltern oder Verwandten, dass sie nicht gleich zum Baby rennen und dabei das größere Kind übersehen.“ Zuerst sollten sie das größere Kind begrüßen und es vielleicht bitten, ihnen die neue Schwester oder den neuen Bruder zu zeigen, rät die Hebamme. Auch Geschenke sollte nicht nur das Baby, sondern auch das ältere Kind bekommen. Hier könnten kleine Gesten schon viel bewirken und das spätere Geschwisterverhältnis beeinflussen.

Der richtige Zeitpunkt

„Dass Valea vom Besuch übersehen werden könnte, ist bei uns kein Problem“, erzählt Johanna Henker. „Valea stürmt sowieso als Erste an die Tür, wenn es klingelt und die Großeltern erwartet werden.“ Und Geschenke gebe es bei ihnen immer für beide.

Die älteren Kinder dürften aber auch merken, dass es durchaus Vorteile hat, große Schwester oder großer Bruder zu sein, sagt die Hebamme. Die Eltern könnten ihnen dann ein paar Freiheiten mehr einräumen als den Kleinen. Bei der Radeberger Familie ist das zum Beispiel beim abendlichen Zubettbringen der Fall, wie Johanna Henker erzählt: „Skadi bringe ich etwa eine Stunde vor Valea ins Bett. Bis die Kleine eingeschlafen ist, spielt der Papa mit ihr, danach wir beide. Dann hat sie uns mal ganz für sich allein.“ Schwieriger werde es, wenn Cedric Spätschicht habe und nicht da sei. „Dann muss sich Valea solange alleine beschäftigen.“ Ein genervtes „Schläft sie denn endlich?“ sei da schon manchmal zu hören. Trost biete ihr dann eine Geschichte oder Lieder von der Toniebox. Eine solche Toniefigur ist ein Begrüßungsgeschenk von Skadi an ihre große Schwester. Dieses Ritual des gegenseitigen Beschenkens haben die Radeberger auch für ihre Kinder übernommen. „Mit Valea haben wir gemeinsam überlegt, worüber sich das Baby wohl freuen könnte. Die Idee mit einer Schnullerkette mit Namen kam von ihr.“ Mit einem Geschenk kann man dem größeren Kind das Gefühl vermitteln, einen festen Platz im Familiengefüge zu haben und nicht durch das Baby von seiner Position verdrängt zu werden, raten Pädagogen.

Und wann sollte man einem Kind erzählen, das Nachwuchs kommt? „Da gibt es keinen Fahrplan. Bewährt hat es sich, wenn schon etwas zu sehen ist. Denn für Kinder ist die Zeit unendlich lang“, sagt Sandra Piterek. Wenn Kinder Bewegungen spüren könnten, sei das der ideale Zeitpunkt. Mit Ultraschallbildern könnten sie eher nichts anfangen. „Valea wollte schon zeitig wissen, warum ich so oft zum Arzt muss. Die Nachricht über den neuen Bruder oder die neue Schwester hat sie aber zunächst nicht so beeindruckt. Heute ist das ganz anders. Skadi ist morgens ihr erstes und abends ihr letztes Wort.“

  • Geschwisterkurse, die auf einen Tag begrenzt sind, kosten in Sachsen zwischen 5 und 20 Euro. Soziale Institutionen bieten sie aber mitunter auch kostenfrei an. Für mehrwöchige Kurse bezahlt man durchschnittlich 40 Euro.

  • Anmeldungen sind über Hebammen oder Geburtskliniken möglich.

  • Ein Video eines Geschwisterkurses am Klinikum Chemnitz sehen Sie hier:

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