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"Smartphones verdummen unsere Kinder"

Seit Corona ist die Handynutzung massiv gestiegen. Das hat dramatische Folgen, sagt eine Ärztin. Ein Screening soll helfen.

Bei Kindern unter drei Jahren ist Mediennutzung extrem schädlich, weil sie die Synapsenverknüpfung stört.
Bei Kindern unter drei Jahren ist Mediennutzung extrem schädlich, weil sie die Synapsenverknüpfung stört. © 123rf

Eine Stunde länger an der Spielkonsole, 77 Minuten länger in den sozialen Medien: Unter dem Corona-Lockdown hat sich die Zeit, die Zehn- bis 17-Jährige mit digitalen Medien verbringen, signifikant erhöht. Werktags sind sie nun durchschnittlich 3,25 Stunden auf sozialen Netzwerken und 2,5 Stunden auf Spieleportalen unterwegs. Suchtexperten schätzen das als riskant oder sogar krankhaft ein.

Um Mediensucht frühzeitig zu erkennen, übernimmt die DAK-Gesundheit jetzt die Kosten für ein neues Screening beim Kinderarzt. Das Pilotprojekt der Krankenkasse startet in fünf Bundesländern, darunter Sachsen, und soll während der regulären Jugenduntersuchungen J1 und J2 vorgenommen werden. Zwölf- sowie Vierzehn- bis Sechzehnjährige beantworten darin Fragen zu ihrer Mediennutzung.

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Sächsische.de sprach darüber mit Dr. Melanie Ahaus vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte Sachsens.

Frau Dr. Ahaus, wann kann man bei Kindern oder Jugendlichen denn von Mediensucht sprechen?

Die klassische Definition der Sucht ist der Kontrollverlust, dass Jugendliche und Kinder die Schule nicht mehr regelmäßig besuchen und die Kontakte zu ihren Freunden abbrechen. Aber ich kenne keinen Patienten, bei dem das so deutlich auftritt. Als Orientierung für die Eltern empfehlen Ärzte und Mediensuchtexperten, dass Kinder bis zum Alter von drei Jahren am besten gar nicht fernsehen oder mit digitalen Medien Kontakt haben. Bis zur Einschulung sollten es täglich nicht mehr als 30 Minuten, im Grundschulalter eine bis maximal zwei Stunden, ab der weiterführenden Schule maximal drei Stunden sein.

Sind diese empfohlenen Nutzungszeiten nicht realitätsfern?

Tatsächlich geht es durch alle sozialen Schichten, dass die Kinder fünf bis sieben Stunden ihre Handys benutzen. Ich finde diese Definition auch schwierig, weil es einen fließenden Übergang von der normalen, täglichen Nutzung zur Abhängigkeit gibt. Das macht es so schwer, problematisches Verhalten zu erkennen. Dazu kommt, dass viele Eltern ab der fünften Klasse nicht mehr mitbekommen, wie viele Stunden ihre Kinder mit dem Handy verbringen oder was sie da genau machen. Ab dann gehen die Kinder nicht mehr in den Hort und sind nachmittags allein zu Hause.

Welchen fließenden Übergang meinen Sie?

Wenn zum Beispiel wegen einer Hausaufgabe noch einmal in den Klassenchat geschrieben wird, obwohl die vereinbarte Nutzungszeit abgelaufen ist. Im Chat geht es aber natürlich nicht nur um die Aufgabe, sondern da wird dann schnell noch ein Link zu einem Video geteilt, und so kommt eins zum anderen.

Das kennen viele Eltern von sich selber.

Richtig, man bleibt hängen, wenn jemand etwas postet. Eine sinnvolle, gesunde Nutzung der Geräte zu finden, ist für uns alle eine riesige Herausforderung. Wir haben uns als Jugendliche nachmittags auch durch das Fernsehprogramm gezappt. Aber man konnte sich nicht so verlieren. Heute ist das Angebot grenzen- und uferlos.

Ich finde den Spruch, dass wir die Kinder medienkompetent machen müssen, nicht sinnvoll. Das Kind muss lebenskompetent werden, es muss Kritikfähigkeit und Selbstkontrolle erlernen. Die entwickelt man aber nicht, indem man möglichst viel Computer spielt, sondern im wahren Leben.

Ein Handyverbot funktioniert nicht?

Nein, das wäre auch falsch, denn die digitalen Medien gehören in unsere Zeit. Ich will sie auch nicht verteufeln, man kann sie toll benutzen. Wir Erwachsenen müssen von Anfang an gut aufpassen, dass die Mediennutzung nicht so selbstverständlich wird und schon das Zweijährige mit einem Handy ruhig gestellt wird, sobald es mal quengelt.

Auch wenn das für die Eltern deutlich angenehmer ist, als sich mit dem Kind auseinanderzusetzen. Für das Kind ist es nicht gut. Denn so wird es immer mehr zur Gewohnheit, dass die Kinder in jeder Lebenssituation zum Smartphone greifen. Wir müssen Alternativen für die Freizeit schaffen: rausgehen, etwas unternehmen. Das muss man natürlich im frühen Kindesalter machen, einem 13-Jährigen braucht man damit nicht mehr zu kommen.

Deshalb müsste auch schon eher viel mehr Aufklärung der Eltern über die Krankenkassen erfolgen. Wir Ärzte haben bei den Vorsorgeuntersuchungen zu wenig Zeit dafür.

Das soll sich jetzt ja ändern, zumindest für DAK-Versicherte. Was passiert in dem Mediensuchtscreening?

Darin werden mittels Fragebogen Suchtkriterien abgefragt, zum Beispiel, ob die Kinder aufhören zu spielen, wenn es vernünftig wäre, ob sie ihre Pflichten vernachlässigen, immer weiter spielen, auch wenn es Stress mit anderen macht. Die Jugendlichen sollen die Bögen im Vorfeld von der Praxis-Homepage herunterladen oder während der Wartezeit ausfüllen.

Bei auffälligen Ergebnissen muss der Patient dann zu einem zusätzlichen Termin einbestellt werden. Schätzt der Arzt ein, dass das Nutzungsverhalten kritisch ist, muss mit den Eltern gesprochen werden und im Suchtfall zur Beratungsstelle oder dem Psychologen überwiesen werden.

Erwarten Sie, dass die Jugendlichen ehrlich antworten?

Das hoffen wir. Wenn Patienten von acht bis zehn Stunden schreiben oder sie mehrfach in kurzer Folge wegen banaler Symptome krankgeschrieben waren, würde ich genauer hinsehen. Es ist schön, dass es so etwas gibt, damit eine Mediensucht nicht unentdeckt bleibt. Aber man muss viel früher bei den Eltern ansetzen. Alle reden über Corona, aber dass wir im Grunde unsere Kinder künstlich verdummen und in ihrer Entwicklung behindern, darüber redet keiner.

Sie spielen auf die negativen Folgen digitaler Geräte für das kindliche Gehirn an. Welche sind erwiesen?

Das ist altersabhängig. Man weiß, dass bei Kindern unter drei Jahren Mediennutzung extrem schädlich ist, weil sie die Synapsenverknüpfung stört. Das kindliche Gehirn lernt in den ersten Lebensjahren mit dem ganzen Körpereinsatz. Anfassen, in den Mund nehmen, riechen, schmecken, toben – das muss stattfinden, sonst haben die Kinder eine deutlich eingeschränkte Intelligenz.

Sitzen sie bis zur Einschulung zu viel vor dem Smartphone, muss man mit starken motorischen Einschränkungen rechnen. Wir sehen das in unseren Einschulungsuntersuchungen, dass die körperliche Fitness in den letzten 20 Jahren deutlich schlechter geworden ist. Wir werden massiv mit Bewegungsmangel im Kindergartenalter, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen im Grundschulalter konfrontiert.

Viele Kinder können nicht ruhig sitzen, sich nicht auf eine Sache konzentrieren, haben eine gestörte Wahrnehmung oder unspezifische Symptome wie Kopf- oder Bauchschmerzen.

Das Gespräch führte Susanne Plecher

Bedenkliche Zahlen

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  • Jedes achte Kind zwischen zehn und 17 Jahren hat ein riskantes oder krankhaftes Computerspielverhalten. Hochgerechnet auf Sachsen ergibt das 37.000 Betroffene.
  • Jedes neunte Kind nutzt soziale Medien in ähnlich bedenklichem Umfang, in Sachsen 33.000.
  • Das ergibt die DAK-Studie Mediensucht 2020 des Uniklinikums Hamburg-Eppendorf und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters. Im Herbst 2019 und im Frühling 2020 sind dafür 1.200 Familien befragt worden. Quelle: DAK

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