merken
PLUS Leben und Stil

Neues Unterhaltsrecht: Wir beantworten Ihre Fragen

Die Unterhaltssätze sind gestiegen, und die Coronakrise macht die Berechnung komplizierter. Fachleute aus Sachsen beantworten die wichtigsten Fragen.

Trennungskinder haben Anspruch auf mehr Geld. Die Unterhaltssätze sind zum 1. Januar gestiegen.
Trennungskinder haben Anspruch auf mehr Geld. Die Unterhaltssätze sind zum 1. Januar gestiegen. © dpa

Weniger Einkommen, Unterstützungsleistungen vom Staat, Coronaprämien für Eltern und eine neue Unterhaltstabelle seit Jahresbeginn – all das wirkt sich auf die Berechnung des Kindesunterhalts aus. Die Fachanwälte für Familienrecht aus Chemnitz und Dresden, Almut Patt und Frank Simon, sowie die Mitarbeiterin des Jugendamtes Dresden, Heike Herzberg, beantworteten beim Telefonforum am 14. Januar pausenlos Fragen zum neuen Unterhaltsrecht.

Da ich als Selbstständiger derzeit keine Einnahmen habe, helfe ich im Supermarkt aus. Muss ich von diesem geringen Einkommen Unterhalt zahlen?

UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand
Willkommen im UnbezahlbarLand

Was ist eigentlich das Unbezahlbarland? Warum ist der Landkreis Görlitz Unbezahlbarland? Hier finden Sie alle Infos.

Jedes noch so geringe Einkommen ist unterhaltsrechtlich von Bedeutung. Ihnen steht aber ein Selbstbehalt zu. Bei Erwerbstätigen beträgt er in diesem Jahr 1.160 Euro, bei Nichterwerbstätigen 960 Euro pro Monat. Müssen Sie für ein minderjähriges Kind zahlen, unterliegen Sie einer sogenannten verstärkten Erwerbsobliegenheit. Sie sind also verpflichtet, Ihre Bemühungen um die Verbesserung der wirtschaftlichen Situation nachzuweisen.

Bekommt bei getrennt lebenden Eltern nur die Mutter den Coronazuschuss zum Kindergeld?

Nein. Den Corona-Kinderbonus von 300 Euro hat der betreuende oder Kindergeldberechtigte Elternteil erhalten. Wenn Sie den Mindestunterhalt zahlen, können Sie für September 100 Euro und für Oktober 50 Euro vom Unterhaltsbetrag abziehen. Damit wird die hälftige Anrechnung wie beim Kindergeld sichergestellt.

Ich beschule mein Kind zu Hause neben meiner Arbeit im Homeoffice. Das ist sehr belastend. Dafür gab es ja den Corona-Bonus. Der Kindesvater hat mich nicht unterstützt. Trotzdem fordert er die Hälfte vom Bonus. Ist das rechtens?

Der Corona-Bonus ist wie das Kindergeld zu behandeln, also hälftig auf den Unterhalt anzurechnen, unabhängig von einer Unterstützung bei der Kinderbetreuung.

Ich bin selbstständig und hatte coronabedingt 2020 weniger Aufträge. Der Unterhalt für mein Kind wurde entsprechend verringert. Muss ich das Geld nachzahlen, wenn ich 2021 wieder mehr verdiene?

Nein. Der Unterhalt richtet sich nach der aktuell bestehenden Situation – es sei denn, Sie haben mit der Kindesmutter eine Stundung vereinbart. Steigt Ihr Einkommen 2021, muss neu berechnet werden.

Mein Sohn ist volljährig und in Berufsausbildung. Er hat eine eigene Wohnung. Müssen wir Unterhalt zahlen?

Wenn sein Einkommen nicht reicht, müssen Sie ihn in der Berufsausbildung finanziell unterstützen. Mit eigenem Haushalt hat er Anspruch auf 860 Euro im Monat. Von seinem Nettoeinkommen kann er ausbildungsbedingte Aufwendungen abziehen, zum Beispiel die Monatskarte, Lehrbücher, in Handwerksberufen die Berufsbekleidung oder Werkzeug, sofern das nicht vom Ausbildungsbetrieb kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Entsprechende Aufwendungen müssen durch den Auszubildenden nachgewiesen werden. Das staatliche Kindergeld in Höhe von 219 Euro wird seinem Einkommen zugerechnet. Bleibt danach ein Differenzbetrag zu seinem Anspruchsbetrag von 860 Euro müssen Sie ihm das als Unterhalt zahlen.

Welches Einkommen wird bei volljährigen Kindern zur Unterhaltsberechnung herangezogen? Ist das Jugendamt auch dann noch zuständig?

Bei einem Volljährigen, der im Haushalt eines Elternteils lebt, errechnet sich der Bedarf am Gesamtnettoeinkommen beider Eltern. Sofern ein Elternteil kein Einkommen hat, richtet sich der Bedarf nach dem Einkommen des leistungsfähigen Elternteils. Damit hat dieser höchstens den Unterhalt zu entrichten, der sich allein aus seinem Einkommen nach der Tabelle ergibt. Für die Beratung und Neuberechnung des Unterhaltes ist bis zum 21. Lebensjahr auf Antrag des Volljährigen das Jugendamt Ansprechpartner.

Meine Tochter ist 18 Jahre alt. Sie lebt bei meinem Ex-Mann, der doppelt so viel Einkommen hat wie ich. Muss ich trotzdem allein Unterhalt zahlen?

Nein. Ab Volljährigkeit ist der Unterhalt entsprechend der Einkommensverhältnisse beider Eltern zu zahlen. Das bedeutet, dass derjenige Elternteil, der deutlich mehr verdient als der andere, auch den Großteil der Unterhaltslast zu tragen hat.

Wir haben uns bei der Betreuung unserer Kinder für das Wechselmodell entschieden, wir übernehmen die Betreuung also zu gleichen Teilen. Eigentlich entfiele damit ja der Unterhalt. Unsere Einkommen unterscheiden sich aber stark. Was gilt hier?

Auch im Wechselmodell besteht Unterhaltspflicht. Häufig einigen sich die Eltern bei ähnlichen Einkommensverhältnissen aber darauf, dass jeder die Belange der Kinder in der Woche bezahlt, in der die Kinder bei ihm sind, und kein extra Kindesunterhalt gezahlt wird. In solchen Fällen bietet sich die Einrichtung eines Kinderkontos an, auf das zum Beispiel das Kindergeld gezahlt wird und gegebenenfalls auch von beiden Eltern zusätzliche Einzahlungen gemacht werden, um die fixen Kosten wie Kita und Hort, Essengeld, Versicherungen etc. zu leisten.

Bei stark unterschiedlichen Einkommen muss auch der Barunterhalt anteilig geleistet werden. Dazu erfolgt eine Quotelung des Unterhaltsbedarfs nach den Einkommensverhältnissen der Eltern. Der Elternteil mit dem höheren Einkommen muss einen Ausgleich an denjenigen zahlen, der weniger hat. Die Berechnung ist im Einzelfall recht kompliziert. Sie können sich beim Jugendamt oder bei Familienrechtsanwälten Unterstützung holen.

Ich bin seit vorigem Jahr von der Mutter meines Sohnes getrennt. Mein Einkommen (Baugewerbe) schwankt stark entsprechend der Jahreszeiten. Zusätzlich zahle ich für einen Kredit, den wir beide aufgenommen haben. Wie wird der Unterhalt berechnet? Muss ich auch den Kindergartenbeitrag zahlen?

Grundsätzlich wird immer das durchschnittliche Einkommen des Vorjahres berücksichtigt. Nur wenn sich in diesem Jahr etwas ändert, beispielsweise Arbeitslosigkeit, können auch die aktuellen Einkommensverhältnisse berücksichtigt werden. Die Untergrenze ist der Selbstbehalt von 1.160 Euro. Dies gilt auch für den Kindergartenbeitrag. Gemeinsame eingegangene Kredite können berücksichtigt werden.

Unser Sohn lebt bei mir. Mein Exmann hat Umgang alle 14 Tage von donnerstags bis dienstags. Nun meint er, dass er deswegen nicht den vollen Kindesunterhalt zahlen muss. Ist das korrekt?

In aller Regel wird der Kindesunterhalt vollständig an den Elternteil gezahlt, bei dem das Kind hauptsächlich lebt. Umgangszeiten werden nicht unterhaltskürzend berücksichtigt. Das gilt sowohl für Urlaube als auch für die dauerhaften Umgänge. Umgangskosten können unter Umständen beim Einkommen des Unterhaltspflichtigen berücksichtigt werden, zum Beispiel die Fahrtkosten, wenn der Umgangsberechtigte weiter entfernt wohnt. Ansonsten gilt aber, dass bis zur Erreichung einer gleichen Aufenthaltszeit des Kindes bei beiden Elternteilen der Elternteil den Kindesunterhalt voll bekommt, bei dem das Kind überwiegend lebt.

Kann ich Unterhaltszahlungen auch steuerrechtlich geltend machen?

Ein Absetzen als außergewöhnliche Belastung ist nur möglich, wenn die Kinder steuerlich nicht bereits über einen Freibetrag oder einen Kindergeldanspruch berücksichtigt werden. Das wäre zum Beispiel für Kinder über 25 Jahre möglich, die sich in Ausbildung oder Studium befinden.

Ich wohne in einer Eigentumswohnung. Nun will mir das Jugendamt einen Zuschlag bei meinem Einkommen hierfür anrechnen. Stimmt das?

Bei der Unterhaltsberechnung wird das gesamte Einkommen herangezogen. Zusätzlich kann auch ein fiktiver Einkommensbestandteil für gesparte Aufwendungen, wie nicht zu zahlende Miete, zum Einkommen gerechnet werden. Wenn die Eigentumswohnung noch kreditfinanziert ist, können die Kreditleistungen aber entweder ganz oder teilweise gegengerechnet werden. Sie sollten also das Jugendamt auch über die Kosten, die mit der Eigentumswohnung verbunden sind, informieren und die Zahlen belegen.

Notiert von Stephanie Wesely

Unterhaltsleitlinien 2021

Weiterführende Artikel

Väter kämpfen für ein neues Umgangsrecht

Väter kämpfen für ein neues Umgangsrecht

Familienrechtsverfahren dauern zu lange, kritisiert der Verein Väteraufbruch – und fordert nicht nur hier Reformen im Sinne der Kinder.

Podcast: Was Sie zum Thema Unterhalt wissen müssen

Podcast: Was Sie zum Thema Unterhalt wissen müssen

Wie viel steht wem zu oder nicht? Und wie lange? Fachanwalt Frank Simon beantwortet die Fragen unserer Leser.

Ein Blick in Zahlenwerk und Rechtsprechung kann sich lohnen – und das für alle Beteiligten. Für die einfachen Fälle genügt es oft schon, sich die Düsseldorfer Tabelle anzusehen. Diese gilt bundesweit als Richtlinie. Das Oberlandesgericht (OLG) Düsseldorf hat sie 2018 angepasst, das Dresdner OLG und damit das Land Sachsen folgen der Änderung. Die Tabelle für 2021 steht auf der Website des OLG Dresden zum Download bereit.

Mehr zum Thema Leben und Stil