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"Viele Alleinerziehende haben Angst"

Wie geht es Müttern und Vätern, die ihre Kinder ohne Partner erziehen, im Lockdown? Eine Dresdner Soziologin hat es untersucht - und auch Positives entdeckt.

Bei fast jedem dritten Alleinerziehenden ist die Beziehung zum Kind durch Corona belastet, zeigt die Studie.
Bei fast jedem dritten Alleinerziehenden ist die Beziehung zum Kind durch Corona belastet, zeigt die Studie. © Symbolbild: Kelly Sikkema/Unsplash

Dresden. Homeschooling, Kinderbetreuung, Kurzarbeit: Für Familien war das Corona-Jahr 2020 ein echter Spagat. Bereits zum ersten Lockdown befürchteten Experten, dass es innerhalb von Familien zu mehr Konflikten kommen könnte - im schlimmsten Fall auch zu häuslicher Gewalt.

So warnte Soziologieprofessorin Nina Weimann-Sandig von der Evangelischen Hochschule Dresden im März in der Sächsischen Zeitung davor, dass besonders Kinder von Alleinerziehenden durch Corona ins Abseits geraten könnten.

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Nun hat Weimann-Sandig die erste deutsche Studie zu den Erfahrungen von Alleinerziehenden während der Pandemie veröffentlicht. Dafür wertete sie die Antworten von insgesamt 257 befragten Elternteilen aus ganz Sachsen zu verschiedenen Themen aus, darunter Bildung, Belastung, Finanzen und Wohnen.

Im Interview spricht die Sozialwissenschaftlerin darüber, was Corona mit Alleinerziehenden und ihren Kindern macht - und welche Wege es aus der Krise geben könnte - politisch und persönlich.

Nina Weimann-Sandig ist Professorin für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Dresden. Das Teilprojekt zu den Alleinerziehenden führte sie zusammen mit den Studierenden Julia Havekost, Johanna Seidel, Verena Renner und
Nina Weimann-Sandig ist Professorin für Soziologie und Empirische Sozialforschung an der Evangelischen Hochschule Dresden. Das Teilprojekt zu den Alleinerziehenden führte sie zusammen mit den Studierenden Julia Havekost, Johanna Seidel, Verena Renner und © privat

Frau Weimann-Sandig, warum haben Sie sich entschieden, in der Pandemie zu Alleinerziehenden zu forschen?

In Sachsen sind deutlich mehr Menschen alleinerziehend als im deutschen Schnitt. Alleinerziehende tragen eine besondere Last, weil sie sich zum Beispiel nicht einfach mit dem Partner abstimmen können, es fehlt an privater Unterstützung, sie sind aber auch strukturell benachteiligt, weil die Politik nicht genügend tut. Diese Probleme werden während Corona noch sichtbarer – und bringen viele Alleinerziehende an ihre Belastungsgrenze oder darüber hinaus. Ich halte es deshalb für wichtig, auf diese Situation aufmerksam zu machen.

Im ersten Lockdown wurden schlimme Konflikte in den Familien, teils auch mehr häusliche Gewalt befürchtet. Was ist das Fazit bei den Alleinerziehenden?

Zur Gewalt haben wir keine direkten Daten. Allerdings geben 28 Prozent der Alleinerziehenden an, die Beziehung zum Kind sei momentan stark oder sehr stark belastet – vor Corona waren es nur sieben Prozent. Das gibt einem schon zu denken.

Was macht die Eltern-Kind-Beziehung im Lockdown so schwierig?

Vor allem, dass man keine räumliche Distanz zueinander hat. Wir sehen in unserer Studie, dass sich die Beziehung verschlechtert, je kleiner die Wohnung ist, wenn es keinen Garten gibt und keine abgetrennten Bereiche. Das ist in dieser Gruppe besonders ausgeprägt: 79 Prozent der Befragten wohnen zur Miete, 24 Prozent geben an, nicht genügend Rückzugsräume zu haben.

Was können Alleinerziehende tun, um die Situation zumindest ein wenig zu verbessern?

Einige der Befragten haben uns erzählt, dass sie zugunsten der Kinder auf ein eigenes Zimmer verzichten und lieber im Wohnzimmer schlafen. Andere sind zu den Eltern gezogen, weil es dort finanziell besser zu bewerkstelligen ist und die Kinder mehrere Bezugspersonen haben. Das wiederum ist aber schwierig zu bewerkstelligen, weil man natürlich vermeiden möchte, dass sich zum Beispiel die Großeltern mit Corona infizieren.

Stichwort Bildung und Finanzen: Haben Kinder von Alleinerziehenden da Nachteile?

Alleinerziehende gehören zu den am meisten von Armut betroffenen Gruppen in Deutschland. Wegen der Kurzarbeit verdienen die meisten weniger und es gibt keinen Partner, der das vielleicht ausgleichen kann. Das führt dazu, dass in vielen Haushalten zum Beispiel nur ein Laptop steht, weil man sich kein zweites Gerät leisten kann. Das wiederum bringt natürlich Nachteile in der Schule, weil die digitalen Lernangebote weniger intensiv genutzt werden können. Außerdem ist Arbeiten und gleichzeitiges Homeschooling so kaum möglich und die Zeit für die Kinder wird generell weniger.

Was macht das alles mit der Psyche von Alleinerziehenden und ihren Kindern?

Der Lockdown ruft bei den Betroffenen verschiedene Ängste hervor. Viele Alleinerziehende haben sowohl Angst davor, ihre Kinder nicht richtig unterrichten zu können als auch davor, im Beruf zu versagen. Außerdem ist die Burn-out-Gefahr stark erhöht. Über 60 Prozent der Elternteile geben an, dass ihr Angstempfinden seit Beginn der Pandemie gestiegen ist. Das überträgt sich natürlich auf die Kinder.

Das Wichtigste zum Coronavirus in Dresden:

Was könnte da helfen und was kann eine Stadt wie Dresden dafür tun?

Ganz wichtig wären soziale Kontakte, die auch während des Lockdowns aufrechterhalten bleiben. Viele Alleinerziehende suchen sich normalerweise Gleichgesinnte, mit denen sie sich treffen und austauschen können. Das fällt jetzt weg und digitale Treffen sind noch selten. In Dresden gibt es schon einige Vereine und Initiativen, die da tolle Arbeit leisten, auf dem Land hingegen kaum.

Das Hauptproblem aber ist, dass diese Gruppen - egal wo - oft nur befristete Projektfördergelder erhalten. Wenn dann auch noch im Haushalt gestrichen und gespart wird, hat das schlimme Folgen für unsere zukünftige Generation, die ja irgendwann auch am Arbeitsmarkt ankommen soll.

Ein zweiter Punkt wären Schlichter zwischen Elternteilen und Behörden, die von der Stadt angestellt werden. Denn viele Alleinerziehende haben höllische Angst, dass ihnen das Jugendamt die Kinder wegnimmt, wenn sie überlastet sind.

Bei allen negativen Ergebnissen: Es gab auch etwas höchst Erfreuliches in der Studie…

Ja, wir haben herausgefunden, dass etwa ein Drittel der getrennten Eltern während der Corona-Krise über eine Kontaktverbesserung berichten. Auch die Kinder haben zum Teil wieder mehr Kontakt zum Elternteil, bei dem sie nicht hauptsächlich leben. Das liegt vor allem daran, dass man gezwungen wird, die Emotionen mal beiseite zu schieben und sich organisatorischen Dingen zu widmen. Allerdings gilt das nur, wenn die Eltern auch räumlich nicht zu weit voneinander getrennt wohnen, weil es gerade in Quarantäne oder Lockdown schwieriger wird, Kontakt zu halten.

Auf Sächsische.de möchten wir ganz unterschiedliche Erfahrungsberichte von Corona-Infizierten aus Dresden teilen. Wenn Sie die Erkrankung bereits überstanden haben und uns davon erzählen möchten, schreiben Sie uns an [email protected]ächsische.de.

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