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Gesundheit und Wellness

Esspapier: Der Effekt steht im Vordergrund

Kinder lieben Esspapier, und das weniger aufgrund seiner geschmacklichen Qualitäten als vielmehr wegen des Spezialeffekts.

© de.wikipedia.org/Alice Wiegand/Lizenz: CC BY-SA 3.

Als besondere Süßigkeit reiht sich Esspapier in die Reihe von Glückstalern, russisch Brot und Schokozigaretten ein. Kinder lieben das Gefühl, ein vermeintliches Stück Papier in der Hand zu halten und es dann zu verspeisen. Gegenüber kleineren Kindern, die das Produkt noch nicht kennen, tritt sogar ein wirklicher Überraschungseffekt auf.

Tradition aus dem Christentum

Dabei ist Esspapier mehr als nur eine beliebte Süßigkeit für Kinder. Es besitzt eine lange christliche Tradition. In den hauchdünnen Scheiben habe sich nämlich Jesus Christus gemäß der Transsubstantiationslehre im Brotlaib als „Leib Christi“ den Menschen gezeigt. Das „heilige Brot“ wird seit dem 8. Jahrhundert auf Messen verteilt. Wird das Brot gebrochen, dann ist das Brechen der Oblaten der entsprechende sakrale Akt. Der besondere Wert zeigt sich auch in der bis heute fortbestehenden Tradition der katholischen Kirche, die Oblaten, die übrig bleiben, im Tabernakel aufzubewahren. Auch die Etymologie hat christliche Wurzeln, denn Oblate ist der lateinische Ausdruck für Hostie.

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Herstellung und Zutaten

Esspapier wird aus Oblaten hergestellt und damit aus einer Basis von Wasser, Mehl und Stärke wie zum Beispiel Kartoffeln. Für Menschen mit Glutenunverträglichkeit (Zöliakie) wird glutenfreies Esspapier angeboten, bei dem statt Weizenmehl Maismehl verwendet wird. Die flüssige Masse wird ähnlich wie bei Waffeln zwischen zwei erhitzten Eisenplatten festgestampft. Dass die Oblaten trotz des Backvorgangs so dünn bleiben, verdanken sie dem Verzicht auf Proteine, Zucker und Säuerungs- wie Lockerungsmitteln.

Lediglich etwas Fett wird verwendet, um zu verhindern, dass das Fondant nach dem Backen an den Eisenplatten haften bleibt. Der an sich fade Geschmack wird durch den Einsatz von Aromen wie Zimt oder Vanille etwas aufgehübscht. Für die Farbe werden in der Regel natürliche Färbemittel verwendet. Da das Zuckerpapier eine hohe Aufnahmefähigkeit von Farben aufweist, brauchen nur wenige natürliche Farbstoffe wie Äpfel, Aprikosen, Waldfrüchte (Beeren), Erdbeeren, Zitronen, Orangen und Kakaopulver dem Produkt beigemengt werden, die zudem den Vorteil besitzen, Aroma und Färbemittel in einem zu sein.

Schriftzüge und Motive

Oblaten haben eine Konsistenz, die sie bestens zur Bedruckung und Gravur geeignet macht. Hersteller nutzen dafür gern kunstvolle Symbole wie Herzen, Blumen und Sterne, aber auch komplexere Bilder, sowie fröhliche und komische Sinnsprüche. Diese verstärken neben der eigentlichen Botschaft den Effekt, man verspeise gerade Papier, der mit abnehmendem Alter des Kindes ausgeprägter wird. Ein Höhepunkt für Erwachsene sind persönliche Fotos auf den Oblaten, die nur zu gern verspeist werden; schließlich hat man den Partner „zum Fressen gern“.

Als kunstvoller Überzug schmücken Oblaten auch viele Torten als Guss, Aufleger und Ähnliches und sind insbesondere als Geburtstagskuchen bei Kindergeburtstagen beliebt. Nicht einmal Sahne und Buttercreme können dem essbaren Dekor etwas anhaben. Viele Oblaten werden auch als Schmuck für Partys zum Beispiel in Form von auslegbaren Herzen verwendet. Da dieser Schmuck verzehrt wird, belastet er nicht das Ökosystem und passt somit gut zum grünen Zeitgeist im Auge des Sturms weltumspannender FFF-Proteste.

Drucker und Lebensmitteltinte

Aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung für die Süß- und Backwarenindustrie sind Oblatenhersteller und Konditoreien auf die Produktion hauchdünner Zuckerscheiben eingestellt und besitzen dafür auch das geeignete Material. Zur Erzeugung der Schriftzüge kommt spezielle Lebensmittelfarbe zum Einsatz. Bedruckt werden können die Papierscheiben dann mit einem handelsüblichen Drucker, der ebenfalls für die Herstellung der kunstvollen Bilder zum Einsatz kommen kann. Viele Motive gelangen auch per Hand auf die Zuckerscheiben. In diesem Fall wird die Tube langsam auf dem Kuchen oder Tortenstück ausgedrückt, um während des Vorgangs die Formen auf das Dessert zu zaubern.

Weihnachtliches Abendmahl mit zwölf Gerichten und Oblaten

Die hohe sakrale Bedeutung der Oblaten zeigt sich in der Wahl der Bilder, denn ein hoher Anteil von ihnen setzt sich aus religiösen Motiven zusammen. In Polen, wo religiöse Rituale noch lebendig sind, zeigt sich dies darin, dass die Oblaten zum Weihnachtszeremoniell, der Wigilia, gehören. Als polnische Weihnachtsoblaten sind die Esspapiere mit religiösen Motiven rund um Engel, Maria und dem Jesuskind versehen.

Beim heiligen Brotbrechen wünschen sich die Familienmitglieder in Polen Gottes Segen für das nächste Jahr. Die Weihnachtsoblaten sind in ein 12-Gerichte-Festmahl eingebettet, das Jesus mit seinen zwölf Jüngern eingenommen habe. Erst wenn der erste Stern am Himmel erscheint, darf mit dem Abendmahl begonnen werden. Dieser Stern symbolisiert den Stern von Bethlehem, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg zu dem frisch geborenen Jesuskind gewiesen habe.

Die Sache mit den Siegeln

Von ähnlich langer Tradition wie das Abendmahl ist die Verwendung von Oblaten als Siegel. Im Mittelalter wurden überwiegend kirchliche Dokumente mit einer Siegeloblate versehen. Noch heute findet das Esspapier als notarielle Beglaubigung in offiziellen Dokumenten Verwendung. Der Clou: im getrockneten Zustand lässt sich das Öffnen des Siegels sofort feststellen. Der Siegelbruch ist in Deutschland ebenso eine strafbare Handlung wie im gesamten DACH-Raum.

Dieser Artikel entstand in Zusammenarbeit mit dem externen Redakteur R. Klatt.

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