merken
PLUS Leben und Stil

Die vier schwierigsten Phasen mit dem Kind

Der Nachwuchs kann Eltern zur Weißglut bringen. Dabei sind typische Krisen wichtig. Man muss nur richtig reagieren.

In der Wackelzahn-Pubertät geben Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, Wut und Rückzug einen Vorgeschmack auf die Pubertät.
In der Wackelzahn-Pubertät geben Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, Wut und Rückzug einen Vorgeschmack auf die Pubertät. © Silvia Marks/dpa

Kaum kann das Kind laufen und am Brötchen knabbern, da geht es schon los: melodramatische Anfälle auf dem Spielplatz, an der Supermarktkasse, beim Anziehen. Uff! Geht das jetzt bis zur Pubertät so weiter?

Die schlechte Nachricht lautet: ja. Die gute: Kinder durchleben diese Phasen nicht zur Schikane, sondern brauchen sie für ihre Entwicklung. Und Eltern stehen ihnen nicht völlig hilflos gegenüber.

Familie und Kinder
Familienzeit auf sächsische.de
Familienzeit auf sächsische.de

Sie suchen eine Freizeitplanung oder Erziehungsrat? Wir unterstützen Sie mit Neuigkeiten sowie Tipps und Tricks Ihren Familienalltag zu versüßen.

1. Die Autonomiephase

Viele Eltern sind im zweiten Lebensjahr ihres Kindes erstaunt, wie viel Wut in einen kleinen Menschen passt. Wenn große Gefühlsausbrüche den Alltag bestimmen, steht schnell das Urteil Trotzphase im Raum. Von diesem eher negativen Begriff rückt die Kindheitspädagogin Kathrin Hohmann jedoch ab. „In dieser Phase entwickeln Kinder ihren eigenen Willen und wollen unabhängiger werden. Ein menschliches Grundbedürfnis und damit etwas Gutes“, erklärt Hohmann.

Die Kinder möchten also Neues ausprobieren – und wenn es nur das Glas Milch ist, das sie selbst einschütten wollen. Greifen Eltern helfend ein, ist das für die Kinder frustrierend. Diese Autonomiephase ist wichtig, denn sie legt das Fundament dafür, dass Kinder auf ihre Bedürfnisse hören und für sie einstehen können. „Somit schützt sie die Kinder auch vor negativen Erfahrungen und Missbrauch“, erklärt Hohmann. Wenn Kinder wissen, dass sie nicht ihren Eltern zuliebe der Tante einen Schmatzer geben müssen, fällt ihnen auch später ein „Nein“ leichter.

Was hilft? „Hilfreich ist es bei Wutanfällen in dieser Phase, sich klarzumachen: Das Kind kämpft für sich selbst, nicht gegen die Eltern“, sagt Hohmann. Einen kühlen Kopf zu bewahren, ist dennoch nicht leicht. „Der erste Schritt für Eltern ist, sich selbst zu regulieren“, sagt Hohmann. Um sich zu sammeln, kann ein tiefer Atemzug helfen oder das Zählen aller eckigen Gegenstände im Zimmer. Auf dieser Basis gelingt es besser, dem Kind auf Augenhöhe Sicherheit zu vermitteln, ganz nach dem Motto: Wir schaffen das gemeinsam.

2. Die Geschwister-Krise

Familienzuwachs ist nicht für alle eine gute Nachricht. „Für manche Kinder bedeutet ein neues Geschwisterchen eine Riesenkrise“, erklärt Hohmann. Sie lehnen den Neuankömmling offen ab oder ignorieren ihn. Viele Eltern reagieren dann verletzt. Denn: Dieses kleine, knuffige Geschwisterchen muss man einfach lieben, oder?

Ähnlich wie bei der Autonomiephase gilt auch hier: Das Kind verhält sich nicht so, weil es die Stimmung ruinieren will oder das Geschwisterchen blöd findet. Durch sein Verhalten kämpft es für sich selbst. Dahinter steckt häufig eine ordentliche Portion Verlustangst, die Befürchtung, dass man die Eltern verlieren könnte. Die große Frage „Bin ich noch wichtig?“ und die damit verbundenen Gefühle bahnen sich dann ihren Weg nach außen.

Kinder durchleben von der Trotzphase bis zur Pubertät reichlich Krisen, mit denen Eltern klarkommen müssen.
Kinder durchleben von der Trotzphase bis zur Pubertät reichlich Krisen, mit denen Eltern klarkommen müssen. © dpa-infografik GmbH/dpa-Themendienst

Was hilft? „Es kann hilfreich sein, wenn Eltern akzeptieren, dass es zu Konflikten kommen darf. Schließlich ist es eine Phase der Umstellung“, sagt Hohmann. Kleine Exklusivzeit-Termine stärken die Bindung zwischen älterem Kind und Eltern. „Um die Situation gut zu meistern, ist es wichtig, dass Familien Entlastung finden.“ Somit ist die Tiefkühlpizza manchmal besser für das Familienwohl als das aufwendige Menü.

3. Die Wackelzahn-Pubertät

In der Wackelzahn-Pubertät ist der Rucksack schwer – nicht nur der für die Schule, auch der mit dem emotionalen Ballast. Typischerweise durchleben Kinder diese Phase im Alter zwischen fünf und zehn Jahren. Stimmungsschwankungen, Traurigkeit, Wut und Rückzug geben einen Vorgeschmack auf die Pubertät.

„Der Unterschied: Die Wackelzahn-Pubertät hat nichts mit Hormonen zu tun“, sagt die Autorin Laura Fröhlich, die ein Buch zum Thema geschrieben hat. Viel eher fühlen sich die Kinder hin- und hergerissen zwischen dem Kleinsein und dem Großwerden. „Veränderung ist für viele Kinder schwierig“, sagt Fröhlich. Daher ist es kein Zufall, dass die Wackelzahn-Pubertät oft Hand in Hand mit dem Schulstart geht. In dieser Phase lernen Kinder, Phasen des Umbruchs mental zu verarbeiten.

Was hilft? Die Stimmungen ihrer Kinder – heute so, morgen so – stellen viele Eltern vor ein großes Rätsel. „Wichtig ist, den Kindern ihre Launenhaftigkeit nicht vorzuwerfen“, sagt Fröhlich. Viel besser sei die Frage: Wie kann ich dir helfen?

Was Kindern ebenfalls guttut: Wenn Eltern ihnen signalisieren, dass ihr Zwiespalt okay ist. Ganz nach dem Motto: Ich unterstütze dich bei deinen Erfahrungen, nehme dich aber auch fest in den Arm, wenn du kurz wieder ein Baby sein willst.

4. Die Pubertät

Hier regieren in erster Linie die Hormone. Sie stoßen große körperliche und seelische Veränderungen an. Mit Brüsten und Barthaaren kommen die Fragen: Wer bin ich? Was muss ich tun, um cool zu sein? Wie präsentiere ich mich? „Jugendliche wollen sich nun außerhalb der Familie ausprobieren“, sagt die Psychologin Elisabeth Raffauf. Das führt in vielen Familien zu Streit, etwa um Kleidung oder Ausgehzeiten.

In der Pubertät nabeln sich die Jugendlichen von ihrer Familie ab und gewinnen Eigenständigkeit. Meinungsverschiedenheiten mit den Eltern sind dafür wichtig. „Streit heißt, dass es gut läuft“, sagt Raffauf. Problematisch werde es dann, wenn Jugendliche Konflikte herunterschlucken - etwa aus Angst, dass durch ihre Rebellion die Familie zerbrechen könnte.

Was hilft? In der Pubertät verhandeln Eltern und Kinder über vieles. „Eltern sollten regelmäßig ihre Haltung prüfen“, sagt Raffauf. „Geht es mir darum, einen Kampf gegen mein Kind zu gewinnen oder darum, dass ich es schützen will?“ Hilfreich ist zudem, das Verhalten der Jugendlichen nicht als Kränkung zu deuten. Der Leitsatz „Das ist die Pubertät, nicht persönlich gemeint“ macht es leichter, ein Auge zuzudrücken, wenn der Nachwuchs wieder ein überflutetes Badezimmer hinterlässt.

Buchtipps:

Kathrin Hohmann: Gemeinsam durch die Wut. Wie ein achtsamer Umgang mit Aggressionen die Beziehung stärkt. Edition Claus. 256 Seiten, 19,90 Euro, ISBN: 978-3-9822643-0-1

Weiterführende Artikel

Ein bisschen Dreck ist nicht schlecht

Ein bisschen Dreck ist nicht schlecht

Kleine Kinder probieren gern mal, ob Sand auch schmeckt. Alles kein Problem, sagt ein Kinderarzt. Es könnte sogar positiven Einfluss auf die Gesundheit haben.

Verträumte Kinder

Verträumte Kinder

Trödelsusen und Tagträumer können Eltern zur Weißglut treiben. Ein einfühlsames Buch bietet Hilfe für beide Seiten.

Unsere Tochter zieht sich im Lockdown immer mehr zurück

Unsere Tochter zieht sich im Lockdown immer mehr zurück

Eltern sorgen sich um ihre zwölfjährige Tochter, die seit dem Homeschooling immer stiller wird. Unser Experte weiß Rat.

Aufklärung am besten vor der Pubertät

Aufklärung am besten vor der Pubertät

Wenn Eltern mit ihren Kindern über Sexualität reden, muss das nicht peinlich sein. Vielmehr sollten sie das Thema früh genug ansprechen - häppchenweise.

Elisabeth Raffauf: Die tun nicht nichts, die liegen da und wachsen. Was in der Pubertät hilft. Patmos. 192 Seiten, 18 Euro, 978-3-8436-1019-3

Laura Fröhlich: Wackelzahn-Pubertät. Gelassen durch die 6-Jahres-Phase. Humboldt. 224 Seiten, 19,99 Euro, ISBN 978-3842616103

Mehr zum Thema Leben und Stil