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Was in Chemnitz besser ist als in Dresden und Leipzig

Der Familienkompass offenbart die Licht- und Schattenseiten der drei Großstädte. Alltagsprobleme gibt es überall.

Die positiven Seiten der Großstadt, aber auch die Ruhe wie auf dem Land: Ute, Henning, Mathilda und Thommy Kühn (v.l.) schätzen das Leben in Chemnitz. Das sächsische Manchester hat durchaus Vorzüge. Aber eben nicht nur.
Die positiven Seiten der Großstadt, aber auch die Ruhe wie auf dem Land: Ute, Henning, Mathilda und Thommy Kühn (v.l.) schätzen das Leben in Chemnitz. Das sächsische Manchester hat durchaus Vorzüge. Aber eben nicht nur. © Uwe Mann

Von Frank Hommel

In den Ergebnissen der Umfrage „Familienkompass in Sachsen“ stecken Überraschungen. Das zeigt ein genauerer Blick auf die Daten der drei Großstädte im Freistaat. Eine davon: Chemnitz, oft mit dem Image einer grauen Maus behaftet, hält in Sachen Lebensqualität für Familien mit den größeren und ungleich angesagteren Nachbarn Dresden und Leipzig mit. Mit der Gesamtnote von 2,8 (Dresden) sowie 2,9 (Chemnitz und Leipzig) landen alle drei nah beieinander.

Im Alltag unterscheiden sich die Herausforderungen für Familien in Dresden, Leipzig, Chemnitz aber doch. Beispiel Wohnen: Erwartungsgemäß schneiden Leipzig wie Dresden hierbei schlecht ab. Immer schwieriger wird es dort, eine passable Wohnung zu bezahlbaren Preisen zu finden. 

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Exemplarisch lässt sich das für die Dresdner Neustadt beobachten. Leben lässt sich dennoch gut im Viertel, sagt Familienvater Thomas Kropff: „Es gibt viele Schulen, freie Schulen, Kitas, Tagesmütter und -väter – alles ums Eck.“ Dazu sorgen viele junge Familien, die sich beistehen, für ein gutes Klima. 

Lob für die Kindergärten

Doch nicht jeder kann sich das leisten. „Ich wohne hier seit 30 Jahren“, sagt Kropff. „Das Viertel hat sich schon sehr verändert.“ Mit dem Boom einher gingen starker Zuzug, weniger Leerstand, Sanierungen – und steigende Mieten. Wird neu gebaut, dann meist auf einem hohen – und teureren – Niveau. Wer da nicht gut verdient, hat das Nachsehen.

Ähnlich ist die Lage in Leipzig. „Wir haben unseren Mietvertrag 2007 unterschrieben“, erzählt Christiane König, die mit Partner und zwei Söhnen im Süden der Stadt lebt. „Heute würden wir für die gleiche Wohnung mindestens 300, 400 Euro mehr zahlen“, schätzt sie. Die Folge massiven Zuzugs, auch ein Bauboom sorgt nicht für Entlastung. Und die Infrastruktur hält nicht immer Schritt. 

„Bei den Kindergärten hat die Stadt inzwischen ganz schön nachgerüstet“, berichtet Christiane König. Einen Krippenplatz zu bekommen, das sei nach wie vor schwierig. Entsprechend wird das Betreuungsangebot in Sachsens größter Stadt deutlich schlechter benotet als anderswo. Leipzigs Schulen sind teils so voll, dass längst nicht sicher ist, dass Kinder nahe des Wohnviertels unterkommen. Da bibbern Eltern im Süden schon mal, ob der Nachwuchs demnächst in Schönefeld im Nordosten zur Schule muss. Schulweg: Eine gute Stunde. „Das erwischt immer ein paar Leute“, sagt Christiane König.

Chemnitz ist pessimistischer

In Chemnitz dagegen sind Probleme bei Wohnungssuche und Miethöhe – auf die ganze Stadt bezogen – fast unbekannt. Bei dem Thema bekommt die Stadt sogar bessere Noten als manches Dorf. Chemnitz verbindet die Vorzüge von Stadt und Land, lobt Ute Kühn, die mit zwei Kindern und Mann am Stadtrand lebt. Die Wege zur Arbeit sind kurz, Angebote für Freizeit und Einkauf reichlich, der ÖPNV gut ausgebaut. 

„Dennoch können wir sehr ruhig in einer beinahe dörflichen Atmosphäre wohnen“, sagt sie. Das spiegelt sich im Familienkompass beim Thema Verkehr wider. Mögen sich viele Chemnitzer über zahlreiche Baustellen ärgern, so wird der Verkehr in Leipzig und Dresden doch als deutlich belastender empfunden. Auch beim Zustand der Schulen hat Chemnitz seine Hausaufgaben besser erledigt als die großen Nachbarn.

Dennoch wird die Zukunft an der Chemnitz pessimistischer eingeschätzt als an Elbe und Pleiße. Dort befeuert der Boom ein positives Lebensgefühl. Was Chemnitz obendrein die Bilanz verhagelt: Die schlechten Noten bei der Hausarzt-Versorgung. Hier lag der Versorgungsgrad im Juli 2019 tatsächlich nur bei 87,1 Prozent. Weniger als etwa Dippoldiswalde, Kamenz oder Oschatz. Leipzig (106,9 Prozent) und Dresden (105,4 Prozent) sind für Mediziner ungleich attraktiver.

Familien beinhaltet in Leipzig mehr

All das zeigt: Die Teilnehmer der Umfrage haben einen guten Radar über das Leben vor ihrer Haustür. Bei einigen der Probleme steuert die Politik bereits gegen. So startet am Klinikum Chemnitz ein neuer Medizin-Studiengang. Man hofft, dass viele der Absolventen nach dem Studium in der Region bleiben. Im Dresdner Rathaus steht das Thema Wohnen mit ganz oben auf der Agenda. 

Für Familien gestalte sich „bedarfsgerechte Wohnraumversorgung“ zunehmend schwieriger, räumt eine Sprecherin ein. Bereits 2019 beschloss der Stadtrat ein neues Wohnkonzept. „Dessen Umsetzung läuft“, sagt die Sprecherin. Die von der Stadt neu gegründete Wohnungsbaugesellschaft startete jüngst mit dem Bau von knapp 150 neuen Wohnungen. Ein weiteres Gebäude mit 22 Wohnungen wurde bereits im Juni fertiggestellt.

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Die Stadt Leipzig teilt mit, auch für die Messestadt habe Familienfreundlichkeit einen hohen Stellenwert. Wobei der Familienbegriff auch alternative Lebensmodelle und Senioren mit einschließe. Die Kita-Plätze sind derzeit zu fast 100 Prozent belegt, bis Jahresende sollen neue Einrichtungen die Situation entspannen. 

Allerdings: „Nicht in allen Ortsteilen, in denen die Nachfrage das Angebot übersteigt, gelingt es, geeignete Flächen zum Bau von Kitas zu finden“, sagt eine Sprecherin. „Hier müssen benachbarte Ortsteile einen Ausgleich leisten.“ (fp)

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